Die Klimademos erreichen die Landschaft

In 30 Schweizer Städtchen und Dörfern hat die Jugend für eine bessere Klimapolitik demonstriert. Zum Beispiel in Horgen – wo ein paar Junge Geschichte schrieben.

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«Vom Amazonas nach Horgä – für ein Klima ohne Sorgä» – auf dem Horgner Dorfplatz, wo dieses Plakat hängt, steht am Samstagnachmittag kurz vor 16 Uhr alles bereit für die Klimademo. Ein paar Jugendliche werfen einander einen Frisbee zu, eine Viertelstunde vor Beginn hält sich die Aufregung noch in Grenzen. Bei den jungen Organisatoren macht sich gar etwas Enttäuschung breit, denn es sind nur wenige Dutzend da. Plus zwei Polizisten, die sich kurz mit Lorenz Obrist besprechen. Der 21-jährige Mitorganisator aus Richterswil räumt ein, dass die Mobilisation besser hätte klappen können.

Immerhin ist es ein Rendez-vous mit der Geschichte. Es ist die erste Demo aller Zeiten in Horgen, wie Joggi Riedtmann vor Ort bestätigt. Der SP-Gemeinderat erklärt, dass sich die Gemeinde deshalb auch schwer getan hat mit der Route, die sie zu bewilligen hatte. «Es ist eine absolute Premiere, wir haben damit keine Erfahrung», sagt er, irgendwie leicht ungläubig.

«Die Politik hat versagt»

Doch dann wird's schwungvoller. Mitorganisatorin Paula Schmid, 16 Jahre alt, heizt dem Publikum ein. «Die Politik hat versagt», ruft die Horgnerin im Dorfplatz-Zelt. Erstes Gejohle. «Aber jetzt können wir eine Erfolgsgeschichte schreiben – für eine bessere Welt.» Obrist ergreift das Mikrofon und erklärt, dass es sich lohnt zu kämpfen. Der brasilianische Präsident Bolsonaro habe die Abholzung des Amazonas zunächst «geil gefunden» und den Protest dagegen verhöhnt. Jetzt müsse er sich immerhin rechtfertigen und auf den Druck aus dem Ausland reagieren.

Der Bann ist gebrochen. Die Jungen schreien alle miteinander «Ufe mit em Klimaziel, abe mit em CO2» und «Climate Justice - Now». Jetzt wird auch klar, dass diese Jugendlichen auch schon in Zürich oder anderswo an einer Klimademo gewesen waren, es ist einstudiert.

Inzwischen haben sich rund 200 Personen eingefunden, die Stimmung bei den Organisatoren hat sich aufgehellt. Und es geht los mit dieser geschichtsträchtigen Demo. Die Passanten, die gerade ihren Wocheneinkauf erledigt haben, schauen den jungen Demonstranten etwas verunsichert nach. Ein älterer Herr findet: «Die sollen lieber ihre Hausaufgaben machen.»

Etwas einsam auf dem Seeuferweg

Es geht kurz durchs Dorf und über die Bahnhofs-Passerelle zum See. Eine Kantonsstrasse wird bewusst nicht betreten, da wäre die Bewilligung kompliziert geworden. Die Jungen, welche die klare Mehrheit des Trosses stellen, sind rasant unterwegs, die Älteren mit dem Plakat «Eltern für Klima» kommen kaum nach. Leicht skurril wirkt der Demo-Zug nun, da er sich dem Seeufer entlangschlängelt und das Publikum zwischen Bahngleisen und Wasser überschaubar ist.

Bei der Fähre, die gerade von Meilen her angelegt hat, gelingt immerhin eine kleine Blockade: Die Autos und Töffs müssen warten, bis der Tross vorbeigelaufen ist. Zwei Insassen eines BMW-SUV schauen dem Treiben mit versteinerter Miene zu, dann heult ein Sportwagen laut auf – der Protest gegen den Protest. Bei der Badi gibts wiederum Applaus von Männern und Kindern in Badehosen. «Euses Seeufer – klimaneutral» steht auf einem Plakattuch.

Nach einer guten Stunde hat die Demo ihr Ziel beim Seegüetli erreicht. Lorenz Obrist ist jetzt glücklich: «Es hat super geklappt.» Seine Mitstreiterin Olivia Hasler meint, es seien mehr Leute gekommen als erwartet. «Die Route am See hat sicher schöne Bilder ermöglicht», sagt die 14-jährige Gymnasiastin aus Kilchberg. Ein Redner richtet sich ein letztes Mal ans Publikum und ruft auf, einen Brief an den Horgner Gemeinderat zu unterschreiben. Darin wird dieser aufgefordert, mehr gegen den fossilen Energieverbrauch zu machen. Auch Mitorganisatorin Paula Schmid ist happy. Sie weiss, dass auf dem Land mehr Personen aufs Auto angewiesen sind als in der Stadt. «Deshalb braucht es auch hier einen besseren ÖV», findet sie.

Horgen als Teil eines Ganzen

Die Demo in Horgen war Teil eines Aktionstages des Klimastreiks, der in 30 Städtchen und Dörfern der ganzen Schweiz stattgefunden hat. Er sollte zeigen, dass das Klima nicht nur in Städten wie Zürich, Bern oder Basel bewegt, sondern auch auf dem Land.

Auf seiner Homepage hatte der Klimastreik gleich eine Anleitung aufgeschaltet, wie man eine Demo organisiert. Dort hiess es auch, die Demos müssten nicht unbedingt gross sein – aber gerne zahlreich.

So machten sich viele lokale Komitees auf zu den Ämtern und druckten Flyer. Im Kanton Zürich haben am Samstag ausser in Horgen Hunderte in Affoltern am Albis, Bülach, Hettlingen, Pfäffikon, Regensdorf, Uster und Wetzikon demonstriert. Nur in den Bezirken Andelfingen, Dietikon und Meilen sind keine Demos zustande gekommen.

Am 24. Mai waren weltweit Zehntausende an Klimademos gegangen:

Erstellt: 31.08.2019, 19:45 Uhr

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