Die Männeroase

Markus Ehrat hat den Pfarrberuf an den Nagel gehängt und als Therapeut das heilige Feuer wiedergefunden – in seiner Jurte im Wald bei Bauma, wo er Klienten empfängt.

Glücklich mit seinem neuen Leben: Ex-Pfarrer Markus Ehrat vor der Jurte im Wald bei Bauma. Foto: Reto Oeschger

Glücklich mit seinem neuen Leben: Ex-Pfarrer Markus Ehrat vor der Jurte im Wald bei Bauma. Foto: Reto Oeschger

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Die Idylle offenbart sich vor allem abends, wenn die Sonne schräg durch die Bäume scheint und die Kühe von der angrenzenden Wiese hinüberschauen. Zum Revier von Markus Ehrat gehören eine kunstvoll gebaute Jurte, ein mongolisches Nomadenzelt mit Platz für acht Leute, ein an Bäumen aufgespannter Gong und die Feuerstelle. Für viermal zwei Wochen verlegt Ehrat seine Therapiepraxis hier hinaus in den Wald, wohnt in der Jurte und empfängt hier seine Klienten – einzeln oder auch in Männergruppen zu Gemeinschaftsabenden und Oasentagen. «Meine Klienten erleben es als Bereicherung, wenn sie die klinische Umgebung verlassen können», sagt Ehrat, der Therapeut mit einer Ausbildung in prozessorientierter Psychologie.

Wer zu ihm in den Wald kommt, darf die «Masken des Maskulinen» ablegen, überhaupt die Geschlechterrollen, die gesellschaftlichen Formalismen und die kirchlichen Rituale. Zentrum des Waldklosters, wie Ehrat es nennt, ist die Feuerstelle. Abends am Lagerfeuer falle es ihm leicht zu bekennen: «Ich glaube an Gott, der alles daransetzt, dass ich merke: Er hat uns das Liebste, seinen Sohn, gegeben.» Erschrocken über seine frommen Worte ergänzt Ehrat sofort, er möchte sie poetisch verstanden wissen. Obwohl für einen Theologen solches Gotteslob zum Beruf gehört, für Ehrat ist es ungewöhnlich. Ihm war das heilige Feuer als Pfarrer nämlich abhandengekommen.

Im Amt vereinsamt

Dabei hatte der frühere Maschinenschlosser Theologie auf dem zweiten Bildungsweg studiert. 12 Jahre lang war er reformierter Gemeindepfarrer, zuletzt in Friesenberg. Das Pfarramt, sagt der 56-Jährige im Rückblick, habe ihn auf einen Holzweg geführt, weil es mit seinem Bedürfnis nach Austausch und Gemeinschaft nichts zu tun habe. Die Zugehörigkeit zur göttlichen Schöpfung habe er im kirchlichen Ritual nicht entdeckt. «Für meine Sexualität, Wut, Kraft, Vitalität habe ich in der Kirche keine Ausdrucksform gefunden.» Ja, in den Ritualen der Kirche sei er selber gar nicht vorgekommen. «Der kirchliche Formalismus hat mich von mir entfernt. Ich bin im Amt vereinsamt.» Viel mehr als das liturgisch ritualisierte Abendmahl haben Ehrat eigentlich die Menschen dahinter interessiert, das, was sie bewegt. Erst in seinem neuen Beruf als Therapeut habe er es mit Begegnungs- und Gruppenprozessen zu tun bekommen, mit Selbstoffenbarung, eigenen Bedürfnissen und Herzensangelegenheiten.

Im Waldkloster hat Ehrat mit dem heiligen Feuer seine Eremitenseite wiederentdeckt. Hier lebt er, mit Erlaubnis des Försters, nach dem Vorbild der Wüstenmönche. Ehrat verbringt die Abende in Stille, Gebet und Lektüre, manchmal besucht von einer vorbeigehenden alten Frau oder einem streunenden Hund. Dann fühlt er sich verschwistert mit den Bäumen, Gestirnen und Mondphasen.

«Ich betreibe hier draussen eine transpersonale Psychologie – im Übergang vom Sichtbaren zum Unsichtbaren.»

Am ehesten versteht sich Ehrat als Waldbruder. Waldbrüder gab es vor allem im späten Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit. In der Zeit der Hexenverfolgung gerieten auch sie unter Beschuss. Wie die Beginen und Begarden, die ohne Ordensgelübde zusammenlebten und beteten, bildeten sie christliche Laien-gemeinschaften. Ehrat zufolge ist die Tradition der Waldbrüder dem Wüstenmönchtum der ersten christlichen Jahrhunderte verwandt. Wald wie Wüste seien ein Zwischenland, ein rechts- und repressionsfreier Raum, wo weder der Soldat noch der Steuereintreiber hingelangte, und auch nicht der lange Arm der Kirche. Im Rahmen von Klosterneugründungen wurden die Waldbrüder allerdings reguliert und in den Rhythmus des Klosterlebens eingegliedert. So bezeugt etwa bei der Gründung des Klosters Kappel am Albis durch Mönche der Zisterzienserabtei Hauterive.

Der Theologe geht den umgekehrten Weg. Er will am unregulierten Ort im Wald bleiben – um den Preis der Sicherheit im Pfarramt samt dem guten Lohn. «Schliesslich habe ich die Kirche als meine Heilsanstalt verlassen. Ich brauche ihre Anerkennung nicht mehr für mein heiliges Feuer.» Es ist die Kultur des Lagerfeuers, die Ehrat entspricht: Zusammensitzen, sich austauschen, sich dem inneren Feuer zuwenden, das habe seinen Glauben wieder wachsen lassen. Hier im Wald spüre er Gemeinschaft und Zugehörigkeit, Verbindlichkeit, Solidarität, Komplizenschaft.

Seine Spiritualität will Ehrat nicht einordnen. Er versteht sich als Eklektiker, der Zen praktiziert, Mystik mag und den interreligiösen Dialog mit den Brüdern hochhält. Er fühlt sich von sichtbaren und unsichtbaren Wesen umgeben – von Ahnen, Geistwesen, Zwergen und Heerscharen von Engeln. Sein Credo: Alles Leben ist vom Göttlichen bewohnt. Das Wort Esoterik mag er nicht, eher die Selbstbezeichnung Grenzgänger: «Ich betreibe hier draussen eine transpersonale Psychologie – im Übergang vom Sichtbaren zum Unsichtbaren.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.07.2017, 21:12 Uhr

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