«Die Polemik der SVP hat sich abgenützt»

Der Ex-Präsident der SVP Zürich teilt nach der Wahlschlappe im grossen Interview aus. Konrad Langhart kritisiert den Stil seiner Partei – und Roger Köppels Anti-Klima-Kurs.

Er werde den Kontakt mit den hohen Parteigremien nicht vermissen, sagt Konrad Langhart. Foto: Thomas Egli

Er werde den Kontakt mit den hohen Parteigremien nicht vermissen, sagt Konrad Langhart. Foto: Thomas Egli

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Sie sind seit Dienstag nicht mehr Präsident der SVP Zürich. Man könnte sagen: Christoph Blocher hat Sie abgesägt. Würden Sie dem zustimmen?
Das ist etwas hart ausgedrückt. Sagen wir es so: Es hat für mich nicht mehr gestimmt. Ich will im Herbst nicht nochmals erklären, warum wir drei Nationalrats­sitze verloren haben.

Hat Sie Christoph Blocher jetzt abgesägt oder nicht?
Nein, das nicht. An der Vorstandssitzung nach den Wahlen kam aber von ihm etwas verklausuliert der Antrag, man müsste eine Arbeitsgruppe einsetzen, welche über eine mögliche Unterstützung des Präsidiums nachdenken sollte. Dann hat das Ex-Regierungsrätin Rita Fuhrer konkretisiert und plötzlich von einem Interimspräsidenten gesprochen. Da war für alle klar, worum es ging. Das habe ich als Rücktrittsaufforderung aufgefasst und innerlich die Reissleine gezogen.

Sie sagten am letzten Dienstag in Ihrer Rede vor den Delegierten, es sei «zu viel Geschirr zerschlagen worden». Was meinten Sie damit?
Es hat schon vor den Wahlen ­einige Vorkommnisse gegeben. Aber die sind intern, und ich möchte mich dazu nicht näher äussern. Die wichtigste Frage ist: Wer trägt für dieses Wahldebakel die Hauptverantwortung?


Video: Konrad Langhart nimmt Stellung zu den SVP-Verlusten

Der Präsident der Zürcher SVP führt die Wahlschlappe vor allem auf schlechte Mobilisierung zurück.


Wer trägt Sie in Ihren Augen?
In den letzten drei Jahren haben wir immer mehr verloren. Nicht nur bei den Gemeindewahlen, sondern auch in allen anderen Kantonen. Jüngst haben wir in Luzern und Basel sogar noch mehr verloren als in Zürich. Da kann man doch nicht sagen, die Zürcher Kantonalpartei sei schuld. Die SVP steht in der ganzen Schweiz im Gegenwind. Ich sage nicht, dass ich keine Fehler gemacht habe. Vielleicht muss ich einen der neun Sitzverluste auf meine Kappe nehmen. Aber für die Themensetzung der SVP kann ich nichts dafür. Die Selbst­bestimmungsinitiative, die den Auftakt für unseren Wahlkampf hätte sein sollen, ist kläglich gescheitert. Es war ja eigentlich eine gute Sache. Aber es ist uns überhaupt nicht gelungen, den Leuten das Problem zu erklären.

Sie versuchen die Schuld an die nationale SVP abzuschieben. Wo bleibt da Ihre Selbstkritik?
Meine Kompetenzen waren ziemlich beschränkt. Im Parteivorstand sassen auch Gregor Rutz oder Christoph Mörgeli und noch viele andere, die mitbestimmen. Jetzt, nach den Wahlen, sind sie alle ein bisschen zurückgetreten und schauen zu, bis alles weggeschwemmt ist. Natürlich habe ich als Präsident auch etwas zu sagen, aber ich muss vor allem hinstehen. Ich war zum Beispiel der Einzige, der am Wahlsonntag im Medienzentrum war und die Niederlage erklärte.

«Es ist selbst in unserer Wählerschaft nicht zielführend, sie lächerlich zu ­machen.»

Viel Selbstkritik habe ich noch nicht gehört.
Da muss ich etwas ausholen. Vor drei Jahren, als ich gewählt ­wurde, war ich die Alternative zu Präsidiumskandidat Claudio Zanetti. Man wusste, dass ich für die etwas andere SVP stehe, die konstruktiv mitarbeitet und nicht nur provoziert und immer zuerst einmal Nein sagt. Ich kann Ihnen sagen, diese Polemik und Aggressivität geht den SVPlern im Weinland immer mehr auf den Wecker. Früher, als die Partei gewachsen ist, hat deswegen niemand reklamiert. Aber unterdessen merken viele: Diese Polemik hat sich abgenützt. Man muss ja immer mehr poltern, damit noch jemand reagiert. Ich wollte eine andere Haltung in die SVP tragen. Übertrieben gesagt: Ich wollte die SVP Andelfingen über die SVP des Kantons stülpen. Das war naiv. Die SVP ist viel zu heterogen. Die Parteimitglieder von der Goldküste und die Bauern vom Weinland treffen sich im wirklichen Leben gar nie. Darum ist dies meine grösste Selbstkritik: dass mir das nicht so gelungen ist, wie ich mir das vorgestellt habe.

Wie waren die Reaktionen auf Ihren Rücktritt?
Ich habe sehr, sehr viele Reaktionen bekommen. Es gibt immer noch viele Mails, die ich noch nicht beantworten konnte. Ich bin überzeugt, ich wäre an der letzten Delegiertenversammlung wiedergewählt worden, wenn ich nicht zweimal gesagt hätte, dass ich nicht mehr zur Verfügung stehe.


Bildstrecke: Ganze SVP-Führungsriege tritt zurück


Zur Klimapolitik: Für Roger Köppel sind das grösste Problem die linken Lehrer, die ihre Schüler instrumentalisieren. Für wie mehrheitsfähig in der ­SVP-Wählerschaft halten Sie eine solche Darstellung des Klimaproblems?
Ich verstehe diese Polemik nicht. Man kann doch nicht alle, die sich Sorgen wegen des Klimas machen, in die gleiche Ecke ­stellen. Es ist selbst in unserer Wählerschaft nicht zielführend, sie lächerlich zu machen.

Wie gross ist die Sorge in der SVP betreffend Klima?
Sie ist durchaus vorhanden. Wir Bauern haben letztes Jahr erlebt, wie es ist, wenn es einen Sommer lang nicht regnet.

Wie war es?
Ich brauchte mehr Wasser, die Erträge gingen zurück, und im Winter musste ich Futter zukaufen. Klar ist die Frage, wie viel dem Klimawandel zuzuschreiben ist und wie viel einfach nur Wetter war. Ich bin ja kein Wissenschaftler. Aber Tatsache ist, dass die Winter generell wärmer und die Sommer heisser werden.

Welche wäre die richtige Strategie für die SVP in der Klimafrage?
Wir sollten uns kein grünes ­Mäntelchen umhängen. Aber wir müssten Vorschläge zur Senkung des CO2-Ausstosses prüfen und wenn nötig mittragen.

Wie wohl fühlen Sie sich noch in der SVP?
Ich bin froh, dass ich wieder in der dritten Reihe bin. Ich werde den Kontakt mit den hohen Parteigremien nicht vermissen. Vielleicht kann ich sogar besser die Stimme von jenen einbringen, die in der SVP gleich denken wie ich – das sind nicht wenige.

Nun geht es in der SVP in die andere Richtung. Roger Köppel macht wieder auf Konfrontation mit den Freisinnigen.
Es bringt keine Lösungen, wenn wir die anderen angreifen und fertigmachen. Wenn nötig, werde ich mich gegen diesen Politstil zur Wehr setzen.

Wie?
Das weiss ich ehrlich gesagt auch noch nicht.

Gibt es für Sie eine Schmerzgrenze, bei der Sie aus der SVP austreten würden?
Nein.

Sie könnten zum Beispiel zur BDP übertreten.
Nein, die gibt es ja gar nicht mehr. Ich bin jetzt seit 33 Jahren in der SVP, und dabei bleibts.

Neu ist Jungpolitiker Patrick Walder Parteipräsident. Was trauen Sie ihm zu?
Ich komme gut aus mit ihm. Er hat den Vorteil, dass er sich bis im Herbst voll ums Präsidium kümmern kann. Ich bin Milizpolitiker und muss auch noch meinen Lebensunterhalt verdienen. Das SVP-Präsidium ist ja ein Ehrenamt. Vielleicht kann Patrick Walder mehr heraus­holen als ich. Er wird ja Unterstützung von den einflussreichen Kreisen von der Goldküste bekommen.

Wer hat denn in der SVP ­wirklich das Sagen?
Eben die einflussreichen Leute. Ich habe mit diesen vielleicht zu wenig oder besser gesagt nie telefoniert. Ich wurde von ihnen aber auch nie angerufen oder direkt beeinflusst.

War es ein Fehler, dass Sie den Kontakt nie gesucht haben?
Wahrscheinlich. Aber ich renne niemandem hinterher, nur weil er Nationalrat oder sonst was ist. Es ist möglich, dass ich in diesen Kreisen zu wenig gut vernetzt war und einseitig auf die Parteibasis gehört habe. Womöglich war meine Wahl vor drei Jahren für die Parteiführung ein Betriebsunfall.

Erstellt: 05.04.2019, 21:43 Uhr

Konrad Langhart

Konrad Langhart (55) ist Agronom und Biobauer in Oberstammheim. Seit acht Jahren ist er für die SVP im Kantonsrat. 2016 wurde er in einer Kampfwahl gegen Nationalrat Claudio Zanetti zum Zürcher SVP-Präsidenten gewählt. Nach der Wahlniederlage vom 24. März 2019 und parteiinterner Kritik ist er zurückgetreten. (sch)

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