Die Profiteure der klugen Strassenlampen

Wenn die Strassenbeleuchtung bei wenig Verkehr gedimmt wird, wirkt sich das für nachtaktive Tiere positiv aus.

Auf Insektenfang: Tom Hennet von der WSL leert in Urdorf die Fallen an den dimmbaren Strassenlampen.

Auf Insektenfang: Tom Hennet von der WSL leert in Urdorf die Fallen an den dimmbaren Strassenlampen. Bild: EKZ/Katia Soland

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Nun hat auch Wädenswil einige intelligente Strassenlampen. Wie die EKZ (Elektrizitätswerke des Kantons Zürich) mitteilten, wurden an der Seestrasse zwölf Kandelaber in Betrieb genommen, die ihre Lichtstärke dem Verkehrsaufkommen anpassen.

Wädenswil ist damit neben Urdorf und Neftenbach die dritte Gemeinde mit Durchgangsstrassen, bei denen das Licht gedimmt wird, wenn wenig Autos unterwegs sind: In Urdorf ist das an einem Abschnitt der Birmensdorferstrasse. In Regensdorf und anderen Zürcher Gemeinden gibt es Strassenlaternen mit vorauseilendem Licht. Dort reagieren die nicht voll aufgedrehten LED-Leuchten, wenn sich ein Auto nähert. Sie werden heller.

Mehr als Strom sparen

Ursprünglich wurden solche bedarfsorientierten Strassenbeleuchtungen konzipiert, um elektrische Energie zu sparen. Eine gemeinsame Studie der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL und der EKZ zeigt nun aber auch, dass sich gedimmtes Licht an Strassen auch ökologisch positiv auswirkt. Werden die Strassenleuchten gedimmt, ziehen sie klar weniger Insekten an.

Die EKZ betreiben auf einer Kantonsstrasse in Regensdorf 33 bedarfsgesteuerte LED-Leuchten. (Video: EKZ, Juni 2015)

Nachtaktive Insekten verlieren bei starken künstlichen Lichtquellen die Orientierung, weil diese ihre natürlichen Orientierungspunkte, die Gestirne, überstrahlen. So werden sie etwa von Strassenlampen magisch angezogen. Sie fliegen spiralförmig auf sie zu und umkreisen sie bis zur Erschöpfung.

Beitrag gegen Lichtverschmutzung

«Eine gedimmte Strassenbeleuchtung ist folglich ein wirkungsvoller Beitrag gegen die Auswirkung der unerwünschten Lichtemission», sagt Studienleiterin Janine Bolliger. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der WSL.

Um herauszufinden, ob die dimmbaren Leuchten eine Auswirkung auf Insekten und Fledermäuse haben, passten die EKZ die Beleuchtung von zehn Kandelabern in Urdorf und Regensdorf während 32 Nächten an: Wechselnd wurden die Leuchten eine Woche gedimmt und eine Woche voll aufgedreht. Über die Nacht wurden jeweils Insektenfallen montiert. Die Aktivität der Fledermäuse wurde ermittelt, indem Mikrofone deren Ultraschallsignale aufnahmen.

Gut für Wanzen und Ameisen

Es stellte sich heraus, dass in erster Linie die Witterung die Anzahl der Insekten und Fledermäuse beeinflusst: Je wärmer und trockener, desto mehr Tiere wurden erfasst. Laut Janine Bolliger gingen aber deutlich weniger Insekten in die Falle, wenn das Licht gedimmt war. Es flogen also weniger Insekten um die Kandelaber.

Allerdings profitierten in erster Linie Wanzen und Hautflügler, zu denen etwa die Ameisen gehören, davon. Fliegen, Mücken und Käfer zeigten sich weniger lichtempfindlich. Das gedimmte Licht hatte aber auch Einfluss auf die Fledermäuse. Fledermäuse orientieren sich zwar hauptsächlich mit Ultraschall- und Echoortung, sind aber nicht blind.

Wichtige Dunkelkorridore

Hier galt: Je mehr Insekten an den Leuchten vorhanden waren, desto höher war die Fledermausaktivität. So jagen vor allem die häufigeren Arten, welche sich als Kulturfolger gut im Siedlungsraum zurechtfinden, im Lichtkegel, der die Insekten anzieht. Für seltenere Fledermausarten ist auch die gedimmte Beleuchtung noch zu hell.

Grosses Mausohr: Für seltenere Arten ist selbst das gedimmte Licht zu hell. Bild: Stiftung Fledermausschutz (Hans-Peter Stutz)

Das Thema ist damit für die Forscher der WSL und die Lichtexperten der EKZ nicht abgehakt, denn die aktuelle Studie kann nur Aussagen über die Auswirkung der Lichtintensität machen. Aber auch die Lichttemperatur beziehungsweise Lichtfarbe und die Form der Leuchten beeinflussen möglicherweise das Verhalten von nachtaktiven Tieren.

Janine Bolliger führt aus: «Die weniger hellen Strassenzüge könnten wie Dunkelkorridore wirken und damit die Durchlässigkeit von stark besiedelten Gebieten für nachtaktive Organismen erhöhen.»

Janine Bolliger u. a.: Studie zur Auswirkungen der LED-Strassenlicht-Temperatur auf die Häufigkeit von Insekten und Fledermäusen. (WSL/EKZ). (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.01.2019, 12:04 Uhr

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