Die Prozession der «Entköppeler» ging nach Tiefenbrunnen

Die Aktion «Schweiz entköppeln» fand statt – obschon sich das Neumarkttheater davon distanzierte

Philipp Ruch wollte mit einem Exorzismus die Schweiz «entköppeln». Das Publikum war geteilter Meinung. Video: Stefanie Hasler

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Es war ein denkwürdiger Moment: Der Theaterabend war etwa 15 Minuten alt, Aktionskünstler Philipp Ruch und sein Team erklärten gerade, dass SVP-Nationalrat und «Weltwoche»-Chef Roger Köppel vom Geist des Nazi-Politikers und -Verlegers Julius Streicher besessen sei und dass es – zwecks Austreibung dieses Geists – notwendig sei, zu Köppels Privatdomizil in Küsnacht zu marschieren und dort ein exorzistisches Ritual durchzuführen. Da betraten die Verantwortlichen des Neumarkttheaters die Bühne.

Ruchs Aktion «Schweiz entköppeln» fand im Rahmen des einwöchigen Festivals «How Artists Approach War» am (öffentlich subventionierten) Theater Neumarkt statt. Seit die Aktion vor zwei Tagen publik wurde, gehen die Wogen hoch. Politiker von links bis rechts äussern Kritik. Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) erklärte im Gemeinderat, die Aktion überschreite eine «rote Linie». Die SVP will das Theater mit einer Subventionskürzung bestrafen.

Die «verrückten zwei letzten Tage» hätten ihn zur Intervention veranlasst, erklärte Neumarkt-Direkor Peter Kastenmüller dem Publikum im ausverkauften Theater. Mit ihm traten Dramaturg Ralf Fiedler und der kaufmännische Geschäftsführer Michel Binggeli auf.

Aus Rücksicht auf das Theater und seine Mitarbeitenden beende er die Aktion hiermit, erklärte Kastenmüller. Wenn jemand trotzdem zu Köppels Privathaus marschieren wolle, tue er das auf eigene Verantwortung. Das Neumarkttheater distanziere sich davon – und bitte alle, die gleichwohl an der Prozession teilnehmen würden, Köppels Privatsphäre zu respektieren. Diese beginne an Zürichs Stadtrand.

Es kam zu einem kurzen Wortgefecht zwischen Künstler Ruch und den Neumarkt-Verantwortlichen (Ruch zu Kestenmüller «Wurdest Du erpresst?») – dann fragte Ruch ins Publikum, wer marschieren wolle. Etwa drei Viertel der rund 120 Besucher streckten auf – und verliessen in der Folge den Theatersaal.

Dezenter Applaus

An der Spitze ein schwarz gekleideter Ruch-Mitstreiter samt schwarzem Kreuz, hinter ihm das Theaterpublikum: So ging die Prozession vom Neumarkttheater zum Bellevue und weiter zum Bahnhof Tiefenbrunnen. Dort, unter der Betonbrücke, direkt an der Stadtgrenze, endete der Marsch – die Privatsphäre blieb gemäss Kastenmüllers Wunsch respektiert.

Es folgte das angekündigte quasi-exorzistische Ritual – Bilder von Streicher und Köppel, Kerzen, das schwarze Kreuz und ein Hamsterkäfig kamen zum Einsatz. Dazu gab es Reden von Ruch und anderen Aktivisten und am Ende dezenter Applaus des Publikums.

Von Autounfall bis Ebola

Bereits im Vorfeld des Hauptevents hatte die Öffentlichkeit Gelegenheit, sich in die «Entköppelung» einzuschalten: über eine Internet-Seite konnte Köppel mit einem Fluch belegt werden – zur Auswahl standen ein Autounfall, Ebola, Impotenz und anderes.

Die Distanzierung durch das Neumarkttheater hatte sich bereits am Freitagnachmittag angekündigt. In einem Communiqué schrieb das Theater, die Ansichten und Meinungen von Ruch und seinem Team seien «nicht deckungsgleich» mit denjenigen des Neumarkttheaters. Namentlich finde man die gegen Köppel gerichteten Flüche «geschmacklos» und «primitiv». Gleichzeitig sei das Theater aber der Ansicht, die künstlerische Freiheit dürfe «nicht in irgendeiner alten oder neuen Weise» eingeschränkt werden.

Die Prozession passiert das Stadthaus – das schwarze Kreuz an der Spitze. Bild: Urs Jaudas

Erstellt: 18.03.2016, 22:42 Uhr

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