Die Regierung kocht auch nur mit Wasser – und Cola Zero

Der Zürcher Regierungsrat hat Mario Fehr zum Präsidenten bestimmt und das offizielle Gruppenbild veröffentlicht. Eine Betrachtung von Ruedi Baumann

Die Regierung im Uhrzeigersinn: Steiner, Stocker, Kägi, Staatsschreiber Husi, Fehr, Heiniger, Walker Späh, Fehr. Foto: André Springer

Die Regierung im Uhrzeigersinn: Steiner, Stocker, Kägi, Staatsschreiber Husi, Fehr, Heiniger, Walker Späh, Fehr. Foto: André Springer

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Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP) ist ab 1. Mai der neue Präsident der Zürcher Regierung, das ist auf dem Bild sofort ersichtlich. Vizepräsident im Amtsjahr 2016/2017 wird Baudirektor Markus Kägi (SVP). Rechtzeitig hat die Regierung gestern ihr traditionelles Gruppenföteli veröffentlicht – etwas bieder und brav im Sitzungszimmer. Doch die Geschichte dieses Bildes ist sehr emotionsgeladen.

2006 nämlich hatte Keystone-Fotograf Walter Bieri die Regierung bei einer sehr unvorteilhaften Szene erwischt. Die Männer hatten die Hände im Hosensack, und die Frauen mokierten sich über Rita Fuhrers Rocksaum. Prompt verwendete die «NZZ am Sonntag» das Bild für einen Artikel unter dem Titel «Zürcher Regierung in der Krise». Für die Psychohygiene der damaligen Regierung war das Gift. Seither ist nur noch ein Hoffotograf zugelassen. Und dieser postiert das Grüppli je nach Gusto des Regierungspräsidenten auf einem Zürichseedampfer, um volle Kraft voraus zu symboli­sieren, oder auf einer Baustelle, um zu zeigen, wie alle anpacken.

Zurück im Sitzungszimmer

Mario Fehr hat die Regierung wieder ins Sitzungszimmer zurückgeholt – «da wo wir wichtige Entscheide fällen». Es soll bewusst kein Hallotria-Bild draussen am See sein, denn – so Fehr – «wir müssen ein hartes Sparpaket umsetzen». Und so kann man sich auf diesem Bild nicht über kurze Rocksäume, Stöckelschuhe oder die farbigen Socken von ­Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP) lustig machen – das wird alles durch die Tischplatte zensuriert.

Der Betrachter kann sich jedoch an versteckten Details erfreuen. So trinken ausgerechnet die beiden Herren mit den am meisten divergierenden Bodymass­indizes Cola Zero, der gewichtige Baudirektor Markus Kägi (SVP) und der asketische Marathonläufer Thomas Heiniger. Alle anderen begnügen sich mit Wasser. Die beiden Frauen, die als Jüngste und Amtsjüngste vorne am Tisch sitzen, Justizdirektorin Jacqueline Fehr (SP) und Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP), haben als einzige ein iPad griffbereit. Das Bild sei «ungekünstelt und nicht gestellt» an einer normalen Regierungssitzung aufgenommen worden, sagt Präsident Fehr.

Ein Kontrollblick auf die Ordentlichkeit der einzelnen ist deshalb aussagekräftig. Die grösste Unordnung herrscht bei Silvia Steiner, die sich als ehemalige Staatsanwältin grosse Aktenberge gewohnt ist. Mario Fehr kommt hingegen fast ohne Papier aus. Neben ihm sitzt dafür Staatsschreiber Beat Husi als eine Art externe Festplatte. Bei Finanzdirektor Ernst Stocker (SVP) fallen die farbigen Klebezettelchen in seiner Mappe auf, was für die Ordentlichkeit des ehemaligen Bauern spricht.

«Gebührend gekleidet»

Während die Regierungsmitglieder sich bis vor zehn Jahren als «Herr Finanz­direktor» oder «Frau Volkswirtschafts­direktorin» ansprachen, duzt man sich heute. Kleiderregeln gibts keine, jedes Regierungsmitglied sei, so Fehr, «gebührend gekleidet». Die Herren erscheinen alle im Stil Nullachtfünfzehn-Schale-Krawatte. Bei den Frauen wirkt Carmen Walker Späh (FDP), die dank ihrer Frisur eh als Stilikone gilt, am elegantesten (mit Ausnahme des zu starken Lippglosses im Blitzlicht), während Silvia Steiner als Nachfolgerin von Regine Aeppli (SP) das Rot in der Bildung zumindest farblich weiterträgt.

Gemäss Mario Fehr soll das Bild zeigen, wie die Regierung geeint ihre wichtigen Aufgaben angeht. Das ist nur zu einem Teil gelungen. Der Links-rechts-Graben ist offensichtlich. Die bürger­lichen «Top Five» sitzen betont locker und lässig da, vor allem Stocker und Heiniger. Genossin Jacqueline Fehr dagegen markiert mit wach-kritischem Gesichtsausdruck, dass mit ihr nicht gut Kirschenessen ist, sollte bei der Justiz auch nur ein Rappen mehr gespart werden. Und Präsident Mario Fehr sitzt so ­kerzengerade und musterschülerhaft ­ordentlich am Tisch, wie es kein Polizeirekrut im Stehen hinkriegen würde.

Erstellt: 29.04.2016, 07:50 Uhr

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