«Wenn wir das hier hätten, müsste ich nicht Hotpants anziehen»

Schweizer Schauspielerinnen wehren sich in der Organisation «Female Act» gegen Missstände in ihrer Branche.

«Female Act»: Franca Basoli, Beren Tuna, Wanda Wylowa, Magdalena Neuhaus, Barbara Terpoorten, Oriana Schrage, Anna-Katharina Müller. (v.l.). Foto: Andrea Zahler

«Female Act»: Franca Basoli, Beren Tuna, Wanda Wylowa, Magdalena Neuhaus, Barbara Terpoorten, Oriana Schrage, Anna-Katharina Müller. (v.l.). Foto: Andrea Zahler

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Es ist eng im Atelier von Oriana Schrage: Die zwölf Schauspielerinnen, die sich an diesem Mainachmittag in Wipkingen treffen, sind regelmässig auf den hiesigen Bühnen und Bildschirmen zu sehen. Trotzdem kennen ihre Namen nur wenige.

Schrage hat letztes Jahr im ­Kinohit «Wolkenbruch» mitgespielt. Neben ihr sitzen Anja Schärer, die kürzlich im Hechtplatz-Theater zu sehen war, Wanda Wylowa und Beren Tuna, beides Schweizer-Filmpreis-Trägerinnen. Barbara Terpoorten, die in «Der Bestatter» die weibliche Hauptrolle spielte, und Anna-Katharina Müller, Ensemblemitglied des Jungen Schauspielhauses, sitzen auf einem kleinen Sofa. Nicht alle Anwesenden wollen mit Namen genannt werden, und nicht über alle Themen darf geschrieben werden – «hängige Fälle», erklären sie.

«Welches Geschlecht hat Ihrer Meinung nach Kultur?»Aus dem Streiktag-Fragebogen

Dass sich die Schauspielerinnen, die im In- und Ausland arbeiten, in Zürich treffen, ist kein Zufall: Viele von ihnen leben und arbeiten hier. Nicht nur erfolgreiche und in Zürich entstandene Filme wie «Zwingli» oder «Wolkenbruch» zeigen, dass hier die Deutschschweizer Filmhochburg ist, sondern auch Zahlen des Bundesamts für Kultur zur Filmförderung im Jahr 2018, die diese Woche veröffentlicht wurden: Während in Zürich 30 Finanzierungsgesuche gut­geheissen wurden, waren es in Bern lediglich sechs, in Basel ­deren vier.

Gekommen sind zur Planungssitzung auch die Jungschauspielerinnen Mira Frehner («Der Frosch») und Magdalena Neuhaus, die schon im «Tatort» mitspielte. Leicht verspätet stossen Franca Basoli (ehemalige künstlerische Leiterin von Miller’s Studio) und Alexandra Prusa («Um Himmels Willen») dazu. Sie alle sind Teil von «Female Act», die sich für Gleichstellung und Diversität im Film und auf der Bühne einsetzt.

Barbara Terpoorten: Ich habe einen roten Teppich gekauft für den Frauenstreiktag.

Beren Tuna: Einen was gekauft?

Terpoorten: Einen sieben Meter langen, roten Teppich, den wir in der Stadt ausrollen und so aufmerksam auf uns und unsere Forderungen machen können.

Anna-Katharina Müller (mit verstellter Stimme): Baby, hier! Schätzchen, lächeln! Perfekt, Baby!

Die Schauspielerinnen lachen, obwohl der Kampf um Auf­merksamkeit, den sie alle ­kennen, nicht lustig ist. Auf ­Absurditäten wie solche Red-Carpet-Momente wollen sie mit satirischen Spots aufmerksam machen, die sie Ende Monat ­drehen. Eine der Szenen proben die «Bestatter»-Kommissarin Barbara Terpoorten und Anna-Katharina Müller.

Müller als Schauspielerin: Ja, hallo, hier bin ich… Kathrin… (...) Meyer, ich war da wegen dieser Hauptrolle, der Mutter… (...)

Terpoorten als Casterin: (...) Ah, genau. (...) Du, aber diese Rolle, das liegt jetzt nicht an deinem Spiel, wirklich nicht, aber, die haben die umgeschrieben.

Müller: Wie?

Terpoorten: Ja, das Kind wohnt jetzt nicht mehr bei der Mutter, sondern beim Vater. (...) Der Regie ist es wichtig, dass wir ein modernes Bild zeigen. (...)

Müller: Ah… Habt ihr dann die Rollen getauscht?

Terpoorten: Nein, nicht direkt, der Mann arbeitet immer noch selbstständig als erfolgreicher Architekt (...)

Müller: Wo ist dann das Kind?

Terpoorten: Es ist in einer 24-Hours-Krippe (...) Das Kind fühlt sich dann dort viel geborgener, also bei der Krippenerzieherin, und dann sieht der Vater, dass es dem Kind gut geht, und verliebt sich deshalb in diese junge Erzieherin (...).

Plötzlich reden alle durcheinander. Als Müller von dieser deutschen Casting-Agentur zu erzählen beginnt, wissen viele der Anwesenden sofort, von welcher sie spricht, ohne dass sie deren Namen erwähnt.

Wanda Wylowa (ironisch): Wie realistisch…

Alexandra Prusa: Typisch, dass die weibliche Hauptrolle an eine jüngere Frau geht.

«Fuckability» – die sexuelle Attraktivität einer Frau – ist der Begriff, der immer wieder fällt. Obwohl kein Qualitätsmerkmal, werden Schauspielerinnen, besonders ab 40 Jahren, oft danach beurteilt. Gegen solche Missstände, die die Zuschauer erst seit der #MeToo-Debatte ansatzweise mitbekommen, will sich «Fe­male Act» wehren. Auch gegen Vertragsklauseln, die verbieten, mit Schauspielkollegen über Gagen zu sprechen, für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und gegen die einseitige Darstellung von Frauenbildern – «Wann etwa sehen wir eine bosnische Chefärztin?», wirft Oriana Schrage irgendwann ein – setzt sich die Organisation ein.

Magdalena Neuhaus: Dann werden wir am Streiktag das Manifest vorlesen und verteilen. Was sonst noch?

Tuna: Alexandra könnte ihren von Max Frischs inspirierten Fragebogen vortragen?

Prusa (räuspert sich): 1. Möchten Sie eine Frau sein? 2. Glauben Sie, dass sich die Frauen für bestimmte Arbeiten, die der Mann für sich als unwürdig empfindet, besonders eignen? (...) 10. Was denken Sie, wenn jemand sagt: Als Gott die Welt erschuf, übte sie nur? 11. Welches Geschlecht hat Ihrer Meinung nach Kultur? (...)

Terpoorten: Danke, Maxa Frisch.

Schrage: Maxima Frisch!

Schärer: Ich habe eine Check­liste des «Svensk Teaterförbund», des staatlichen schwedischen Filminstituts, gefunden. Wenn eine gewisse Anzahl der Punkte erfüllt sind, erhält die Produktion ein A-Rating: «Approved», genehmigt.

Mira Frehner: Was für Punkte?

Schärer: Dass die Rollen zwischen den Geschlechtern gleichwertig verteilt sind. Wenn heikle Szenen geprobt oder gefilmt werden, nur so viele Leute wie nötig im Raum sein dürfen. Nacktheit muss in der Story begründet sein, Kostüme und Maske durchdacht und mit den Schauspielern besprochen. – Wenn wir das hier hätten, müsste ich auch nicht Hotpants anziehen, obwohl es inhaltlich keinen Sinn macht.

Als Schärer die Checkliste, die Punkte über die Besetzung der gesamten Crew zum Marketing beinhaltet, fertig vorgelesen hat, klatschen ihre Kolleginnen.

Wylowa: Ich wandere aus!

Schrage: Krass, was es mit einem macht, das nur schon zu hören.

Und plötzlich sind 180 Minuten vorbei: «Kinder!», «Proben!», «Termin!».

Erstellt: 24.05.2019, 21:43 Uhr

Auch der Bund wird aktiv

Pro Helvetia beteiligt sich an einer Voruntersuchung zu den geschlechtsspezifischen Arbeits­bedingungen in verschiedenen Kultursparten, darunter Literatur, Musik, Performing Arts und visuelle Künste). Die Ergebnisse sollen in eine spätere Studie zum Thema «Chancengleichheit für Mann und Frau im Kulturbereich» (in der auch die Filmbranche, für die das BAK zuständig ist, berücksichtigt wird) einfliessen.

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