«Die Schweizer Behörden haben geschlafen»

Der deutsche Terrorismusexperte Shams Ul-Haq kennt den mutmasslichen Extremisten aus dem Umfeld der An’Nur-Moschee, den die Bundesanwaltschaft verhaftet hat.

Shams Ul-Haq (41) ist Experte für Terrorismus und freischaffender Journalist. Foto: s-haq.com

Shams Ul-Haq (41) ist Experte für Terrorismus und freischaffender Journalist. Foto: s-haq.com

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Der kurdische Iraker M. aus dem Thurgau sitzt derzeit in Untersuchungshaft. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, eine kriminelle Vereinigung unterstützt und gegen das Verbot der Terrororganisation Islamischer Staat verstossen zu haben. Dies berichtete gestern die «SonntagsZeitung». M. verkehrte auch in der Winterthurer An’Nur-Moschee, die geschlossen werden soll. Der deutsche Terrorismusexperte Shams Ul-Haq hat dort verdeckt recherchiert und im letzten Oktober einen grossen Artikel in der «SonntagsZeitung» veröffentlicht. Bei seinen Besuchen in Winterthur hat er auch den vorläufig aufgenommenen Flüchtling und Sozialhilfeempfänger M. kennen gelernt.

Herr Ul-Haq, sind Sie erstaunt, dass M. nun unter Terrorverdacht verhaftet wurde?
Nein, aber das ist ja auch nicht der einzige Fall dieser Art in der An’Nur-Moschee. M. ist mir schon damals aufgefallen. Eigentlich ein ganz freundlicher Mann, zumindest äusserlich. Er hat aber immer betont, dass die Amerikaner und andere westliche Länder in Syrien und im Irak unschuldige Muslime töteten. Er war da schon sehr hartnäckig. Und er hat sehr gerne Geld gespendet für die Moschee. Er war da ein gern gesehener Gast.

Was war Ihr Eindruck von der An’Nur-Moschee?
Diese Moschee bietet die beste Grundlage für Radikalisierung. Es ist eine Moschee, in der man Jugendliche quasi züchten kann, damit sie am Ende zum Islamischen Staat nach Syrien oder in andere Länder gehen. Was da gepredigt wird und was nach den Gebeten in den Ecken der Moschee, in der Küche oder in Nebenräumen besprochen wird, ist nicht der wahre Islam. Da werden Leute für den Jihad angeworben, darum habe ich schon damals, als ich meinen Artikel veröffentlicht habe, gesagt, dass diese Moschee sofort geschlossen werden sollte. Aber leider Gottes haben die Schweizer Behörden geschlafen. Solche Moscheen bieten den idealen Nährboden für Salafisten und Terroristen.

Wie haben Sie gemerkt, dass da radikalisiert und für den Jihad rekrutiert wird?
Ich habe das an den Gesprächen mit den Leuten erkannt. Das waren mehr als drei Monate, in denen ich da ein und aus gegangen bin. Immer nach dem Abendgebet hat der Imam Aussprüche des Propheten oder Verse aus dem Koran rezitiert und diese dann falsch ausgelegt. Beim Freitagsgebet hat er davon gesprochen, wie wichtig der Jihad sei und warum wir Jihad führen müssten. Er hat das sehr schlau gemacht und einfach betont, was man bekommt, wenn man Jihad macht. Nach dem Gebet haben dann ältere Moscheebesucher oder Vorstandsmitglieder im kleinen Kreis die jüngeren aufgerufen, etwas zu unternehmen, denn sonst werde der Islam kaputtgehen. Auch wenn die Älteren das nie so direkt sagten, haben sie das so gemacht, dass man automatisch auf den Gedanken kam, in den Jihad zu ziehen.

«Eigentlich müsste der Staat da hart durchgreifen, aber die Gesetze in der Schweiz sind in dieser Beziehung lächerlich.»

Wurden auch Frauen angeworben?
Bei den Frauen ging man ganz ähnlich vor. Da war ein libyscher Imam, der mit einem Bein hinkte. Dessen Frau hat versucht, die jungen Mädchen für sich zu gewinnen. Die Frauen haben die Mädchen dann auch in ihre Wohnungen eingeladen, um ihr Gift unter die Menschen zu bringen. Wichtig war auch, neue Mitglieder anzuwerben, die dann wiederum andere auf extreme Gedanken bringen sollten. Es wurden einige junge Schweizer in der An’Nur-Moschee zum Islam konvertiert, und die Jungen wurden dazu angehalten, Korane für die Aktion «Lies!» in der Winterthurer Altstadt zu verteilen. Von Anfang an wurden die Menschen so indoktriniert, dass der Jihad im wahren Islam eben schon eine Pflicht sei. Das war zentral.

Erhielten Sie Drohungen, nachdem Sie Ihre verdeckten Recherchen veröffentlicht hatten?
Ja, ich habe zum Beispiel anonyme ­E-Mails erhalten, in denen mir vorgeworfen wurde, ich hätte den Islam verraten. Das ist ein gefährlicher Vorwurf. Es gab auch Telefonanrufe. Die sagten, dass sie mich als Bruder in der Moschee aufgenommen hätten und ich sie hintergangen hätte.

Will sich der An’Nur-Verein nun wirklich auflösen?
Es ist gut, dass die An’Nur-Moschee geschlossen werden soll. Aber damit ist das Problem in Winterthur ja nicht gelöst. Es gibt noch vier andere Moscheen, und diese Extremisten sind ja auch in anderen Gotteshäusern unterwegs und versuchen, ihre Wühlarbeit dort fortzuführen. Besonders ein Winterthurer Gotteshaus fällt als möglicher Ersatz für die An’Nur-Moschee auf. Eigentlich müsste der Staat da hart durchgreifen, aber die Gesetze in der Schweiz sind in dieser Beziehung lächerlich. Es braucht verschärfte Gesetze, denn die Terroristen spielen mit der Rechtsordnung, sie nützen sie zu ihren Gunsten aus.

Ein Teil des Mobiliars der An’Nur-Moschee wurde schon weggebracht. Ist die Moschee nun geschlossen?
Wegen des mutmasslichen Überfalls auf zwei Moscheegänger im letzten November befinden sich derzeit noch sechs Personen der An’Nur-Moschee in Untersuchungshaft. Der An’Nur-Vorstand will nun abwarten, bis diese Häftlinge wieder in Freiheit sind. Erst dann soll allenfalls ein neuer Vorstand gebildet werden, und erst dann will man daran denken, eine neue Moschee zu eröffnen. Ausserdem ist die alte An’Nur-Moschee noch nicht zu 100 Prozent geschlossen. Es finden dort immer noch Gespräche statt, es wird dort auch immer noch gebetet. Die Moschee ist noch nicht komplett geleert. Es werden Gespräche geführt über das Anmieten neuer Räumlichkeiten, aber es ist noch nichts entschieden. Die muslimischen «Brüder» sind immer noch in Untersuchungshaft, die Moschee muss man schliessen, und das alles ist Grund für grossen Frust. Ich warne die Sicherheitskräfte, dass diese Leute jetzt richtig sauer sind und etwas planen gegen die Behörden. Ich kann das Wort «Anschlag» in diesem Zusammenhang nicht in den Mund nehmen, denn ich weiss nicht, was sie genau vorhaben. Sie wollen einfach etwas unternehmen gegen das in ihren Augen ungerechte Vorgehen der Behörden.

Erstellt: 09.07.2017, 21:30 Uhr

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