«Die Schweizer sind kalt. Niemand grüsst zurück»

Simplice Ganou reiste für das Projekt 5x5x5 von Afrika nach Winterthur. Der Film über seine Sicht auf die Stadt feiert an den Kurzfilmtagen Weltpremiere.

Das Making-of: Am letzten Drehtag haben wir Simplice Ganou und seine Schweizer Crew in Winterthur begleitet. (Video: Lea Blum)

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Die Leute hier seien kalt, findet Simplice Ganou. Der Filmemacher aus Burkina Faso geht durch die Gassen der Winterthurer Altstadt, über 5000 Kilometer von seiner Heimat entfernt. «Wenn ich jemanden anspreche oder beim Vorbeigehen grüsse, grüsst keiner zurück.» Eigentlich sollte er hier Prota­gonisten für seinen neuesten Film finden.

Simplice Ganou ist in der Schweiz als Teilnehmer des Projekts 5x5x5 im Rahmen der Winterthurer Kurzfilmtage. 5 Kurzfilme von 5 internationalen Regisseurinnen und Regisseuren, produziert in 5 Wochen. Als einer von fünf afrikanischen Filmemachern ist er im Oktober nach Winterthur gereist und realisiert einen kurzen Dokumentarfilm zum Thema «To come, to stay, to leave» (kommen, bleiben, gehen). Fünf persönliche, eigenwillige und überraschende Blicke auf Winterthur und die Schweiz sollen entstehen.

«Hier würde ich nicht bleiben wollen. Ich bin gern in Burkina Faso. Dort, wo die Sonne scheint.»Simplice Ganou,
Filmemacher

Es ist der letzte Drehtag, die Voraussetzungen sind exzellent: Für das Projekt werden Ganou eine Crew, bestehend aus Studierenden des Bachelor-Lehrgangs Video der Hochschule Luzern, und professionelle Kameras zur Verfügung gestellt. «Hier hat man all die Kameras, die es braucht. Das ist mein Traum!», schwärmt Ganou.

Herzlichkeit fehlt

Die Crew – ein Kameramann, eine Tontechnikerin sowie eine Filmeditorin – trifft sich in einem Gemeinschaftsraum in der Altstadt und bereitet das Equipment vor. Ganou nimmts gelassen. Der 45-Jährige ist kein nervöser Typ, hat ein sonniges Gemüt, lächelt und grüsst. Die dünnen Rasta­locken reichen knapp bis zur Stirn. «‹Hei Rasta, wie gehts?›, rufen mir die Kinder in meinem Dorf in Burkina Faso zu, sobald ich aus dem Haus gehe», erzählt Ganou. Aber hier in Winterthur spricht kaum jemand mit ihm. «Das ist der grösste Unterschied, die grösste Schwierigkeit für mich», sagt er.

In seinem Land kennt er die Gewohnheiten der Leute, hat kulturelle Anhaltspunkte, wie er mit ihnen in Kontakt kommt. «Wenn ich rausgehe, komme ich mit mindestens 50 Personen ins Gespräch.» Man erzählt sich von der Arbeit, von Kinofilmen, von der Familie. In der Schweiz fehlt ihm das. «Die Menschen schauen mich an und denken, ich sei ein Immigrant, dass ich Geld möchte oder Probleme habe.»

Aber Simplice Ganou hat nur ein Problem: Ihm fehlt die Herzlichkeit der Menschen. Seine Augen sind gerötet. «Ich wusste nicht, wovon mein Film handeln sollte, wer mitwirken sollte. Drei Nächte lang konnte ich deswegen nicht schlafen.» Also machte er sein Problem zum Kernthema seines Films und sich selbst zum Protagonisten.

Einsam unter vielen

«Ich habe gefilmt, wie ich nicht schlafen kann, wie mich die Leute ignorieren und wie mich das Ganze verrückt macht», sagt Simplice Ganou. Der Film zeigt seine Einsamkeit, die Kälte der Winterthurer. Aber Ganou will Reaktionen auslösen und greift zu auffälligeren Mitteln: In unterschiedlichen Verkleidungen schreitet er entschieden auf die Winterthurer zu, bis sie auf ihn reagieren. Seine Crew hält die Szenen fest.

Simplice Ganou einsam in Winterthur. Bild: Screenshot aus dem Film «L'inconnu» (der Unbekannte)

Der Kontakt zu Menschen war Simplice Ganou schon immer sehr wichtig. Er arbeitete als Erzieher mit Strassen­kindern und studierte Soziologie und Kunst. 2009 machte er seinen Master als Dokumentarfilmer in Senegal. Das Filmemachen sei chaotischer in Afrika als in der Schweiz.

Bei einem Schmuckgeschäft bleibt Ganou stehen. «Hier, das musst du filmen!», dirigiert er seinen Kameramann, der sofort das Stativ ausfährt und den Startknopf der Kamera drückt. Tontechnikerin und Filmeditorin bringen sich schnell in Position, damit sie nicht in der Spiegelung des Ladenschaufensters zu sehen sind.

Französisch und Englisch

Die Sprache scheint kein Problem zu sein. Simplice Ganou spricht Französisch. «Du bist meine Ohren», sagt er zur Tontechnikerin, die Französisch versteht. «Und du meine Augen», richtet sich Ganou an den Kameramann. Mit ihm spricht er Englisch. Es gibt auch Momente der Unsicherheit, fragende Blicke unter der Crew. Aber am Ende scheint irgendwie jeder zu wissen, was zu tun ist.

«Wir müssen einen Brunnen finden», sagt Simplice Ganou und schreitet voran. Beim Jus­titiabrunnen an der Markt­gasse bleibt er stehen. «Dieses Bild brauche ich, und zwar genau von hier bis hier.» Er nimmt es genau.

Bild: Screenshot aus dem Film «L'inconnu» (der Unbekannte)

Auf die Frage, ob er schliesslich doch noch Protagonisten für seinen Film gefunden habe, sagt Ganou: «Ja. Aber keine Schweizer.» Seine These scheint er damit bestätigt zu haben. Mitgemacht haben am Ende die Leute, die nicht von hier sind. «Hier würde ich nicht bleiben wollen. Ich bin gern in Burkina Faso. Dort, wo die Sonne scheint», sagt Simplice Ganou.

Die Premiere findet am Samstag, 9. November um 17:00 im Rahmen der Winterthurer Kurzfilmtage im Theater Winterthur statt. Weitere Vorstellungen: Sonntag, 10. November, 11:30 Uhr, Kino RiffRaff Zürich, Dienstag, 12. November, 20 Uhr, Neues Kino Freienstein, Mittwoch, 13. November, 20:20 Uhr, Kino Bourbaki Luzern

Erstellt: 04.11.2019, 23:18 Uhr

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