«Die Sekundarschulen werden aufgewertet»

Für den Eintritt ins Kurzgymi braucht es neu statt einer 4 einen Notendurchschnitt von 4,75. Ein Lehrer erklärt, wieso das keine Verschärfung ist.

Die Vornoten zählen wieder für den Eintritt ins Kurzzeitgymi: Sek-Schüler schreiben einen Leistungstest. Foto: Simon Tanner

Die Vornoten zählen wieder für den Eintritt ins Kurzzeitgymi: Sek-Schüler schreiben einen Leistungstest. Foto: Simon Tanner

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Die Beurteilung des Verhaltens der Schüler fliesst neu in die Note für den Übertritt ins Kurzzeitgymnasium. Wird das Thema wichtiger?
Ja. Es fing vor etwa zehn Jahren an, als im neuen Zeugnis acht Kriterien eingeführt wurden. Die Lehrer können seither viel differenzierter das Arbeits-, Lern- und Sozialverhalten beurteilen. Zuvor gab es ja meist einfach ein kaum aussagekräftiges «gut» bei «Betragen».

Wie ist das Echo bei Lehrbetrieben?
Gut, dort ist man an den überfachlichen Kompetenzen interessiert. Oft schauen die Lehrmeister im Zeugnis zuerst die Sanktionen unter den Punkten «erscheint pünktlich», «arbeitet zuverlässig», «kann zusammenarbeiten», «akzeptiert die Regeln» oder «begegnet Mitmenschen respektvoll» an – noch vor den Schulnoten.

Begrüssen auch die Lehrer, dass das Verhalten stärker gewichtet wird?
Ja, denn wir können das Verhalten eines Schülers nicht in der Mathenote unterbringen. Nun haben wir die Möglichkeit, die sogenannten Softfaktoren stärker zu berücksichtigen. Auch diese sagen viel aus über die Schüler.

Wie werden diese Softfaktoren in Noten umgerechnet?
Das ist noch nicht klar. Denkbar wäre, die vier Abstufungen beim Verhalten in die Noten 6, 5, 4 und 3 umzuwandeln.

Die Französischprüfung fürs Kurzzeitgymi wurde gestrichen. Das ist eine Schwächung der zweiten Landessprache.
Im Gegenteil, Französisch wird gestärkt, indem neu die Vornote berücksichtigt wird. Diese ist aussagekräftiger als eine einmalige Prüfungsleistung.

Trotzdem: Aktuell gibt es keine Vornote, aber Französisch zählt zu 20 Prozent an der Prüfungsnote. Künftig sind es nur 8,3 Prozent.
Aber der Schüler muss sich die Note über eine längere Zeit erarbeiten. Das ist anspruchsvoller als das Erbringen einer Leistung am Tag X. Es gibt noch einen anderen Punkt: Bisher wars uneinheitlich. Fürs Kurzzeitgymi gabs die Franzprüfung, für einen Teil der Berufsmittelschulen sogar noch einen Englischtest. Nun ists für alle gleich, und Französisch und Englisch werden gleich behandelt.

Deutsch und Mathematik . . .
. . . bleiben die relevantesten Fächer. Man weiss heute: Wer in den beiden Fächern besteht, hat am meisten Chancen auf eine Matur. Die Leistung in der Franzprüfung hingegen eignete sich weniger für die Maturprognose.

Neu müssen die Schüler fürs Kurzzeitgymi einen Notendurchschnitt von 4,75 erreichen. Aktuell ist es eine glatte 4. Das ist eine massive Verschärfung der Bedingungen.
Nur auf den ersten Blick. Denn es werden ja die Vornoten berücksichtigt, welche bei potenziellen Gyminasiasten gut sind.

Aber bis vor kurzem – als noch Vornoten berücksichtigt wurden – reichte noch eine 4,25.
Ja, aber da mussten die Prüfungen extrem hart korrigiert werden, damit – ich sags etwas überspitzt – nicht alle durchkommen. Das war auch psychologisch schwieriger. Man schickt einen Schüler lieber mit einer 4 in der Deutschprüfung zurück an die Sek als mit einer 2. Es werden künftig etwa gleich viele Sekschüler ins Kurzzeitgymi wechseln wie heute – wenn nicht mehr, weil die Politik das Kurzzeitgymi zulasten des Langzeitgymnasiums stärken will.

Die Politik will ja damit auch die Sek stärken.
Die neue Kurzgymiprüfung ist ein Ausdruck davon. Mit der Wiederberücksichtigung der Vornoten werden die Sekundarschulen aufgewertet. Und mit der breiteren Fächerung wird dem Klassenlehrer etwas Druck weggenommen.

Sek-B-Schülern wird der Zugang zum Kurzgymi erschwert, indem sie vom Klassenlehrer vorgeschlagen werden müssen und ohne Vornote eine 4,75 statt wie bisher eine 4 erreichen müssen. Ist das nicht eine zu hohe Hürde?
Das System sieht vor, dass die Schüler von der Sek A ins Gymi wechseln. Wenn ein B-Schüler fürs Gymi geeignet ist, wechselt er ohnehin zuerst ins A. Die Durchlässigkeit innerhalb der Sek-Stufen ist gewährleistet.

Gibts Gegner der Prüfungsreform?
Eltern, Lehrer, Bildungspolitiker- und wissenschafter sowie die Lehrbetriebe begrüssen die Reform. ich sehe derzeit keinen Widerstand.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.12.2016, 19:15 Uhr

Kaspar Vogel ist Sekundarlehrer in Winterthur und Vizepräsident des Lehrerverbands Sek ZH. Foto: PD

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