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«Bei der Adoption ist die sexuelle Orientierung der Eltern unwichtig»

Seit Januar können homosexuelle Paare eine Stiefkindadoption beantragen. Wird das zuständige Amt nun mit Anfragen überhäuft? Amtschef André Woodtli nimmt Stellung.

Tina Fassbind
Als Familie zusammen: Seit Anfang Jahr steht nicht nur Ehepaaren eine Stiefkindadoption offen.
Als Familie zusammen: Seit Anfang Jahr steht nicht nur Ehepaaren eine Stiefkindadoption offen.
Keystone

Neuerdings können nicht nur Ehepaare, sondern auch Paare in einer eingetragenen Partnerschaft oder in einer faktischen Lebensgemeinschaft Stiefkinder adoptieren – also auch gleichgeschlechtliche Paare. Hat bereits ein schwules oder lesbisches Paar eine Stiefkindadoption beantragt? Das weiss ich nicht, und es ist für unsere Arbeit auch nicht wichtig. Die Adoption ist eine Kindesschutzmassnahme, bei der es uns um die Prüfung der Umstände geht, in denen das Kind aufwachsen soll. Nach unserer Erfahrung spielt die sexuelle Orientierung der Eltern keine Rolle.

Und trotzdem dürfen Schwule und Lesben weiterhin keine fremden Kinder adoptieren, sondern nur jene ihrer Partnerin oder ihres Partners. Diese Restriktion ist gesellschaftspolitisch begründet und spiegelt vor allem unsere normativen Vorstellungen von Familie. Das Leben lehrt uns: Für das Wohl des Kindes ist die Geschlechterkonstellation der Eltern nicht relevant. Entscheidend ist vielmehr, ob ein Kind emotional gut aufgehoben ist, ob es verlässliche, vertraute und verfügbare Eltern hat und ob die Verhältnisse stabil sind. Auf diese Voraussetzungen für eine gute Entwicklung achten wir.

Könnte die neue Gesetzeslage dazu führen, dass Patchworkfamilien nun vermehrt Stiefkindadoptionen beantragen? Davon gehen wir nicht aus. Die Stiefkindadoption kam bisher dann zum Zuge, wenn sich ein Elternteil nicht mehr aktiv an der Betreuung des Kindes beteiligen konnte. Die Familienstrukturen haben sich verändert. Familien sind heute ja eigentliche Netzwerke. Adoptionen sind nur eine von vielen Möglichkeiten, ein solches Netzwerk aufzubauen. Elternschaft sollte ohnehin nicht zu eng an die Partnerschaft gebunden werden. Man kann das bedauern, aber Paarbeziehungen sind dafür schlicht zu kurzlebig – Statistiken zeigen, dass sie durchschnittlich nach sieben Jahren enden. Wir appellieren deshalb an alle Paare, die Kinder haben: Bleibt auch nach einer Trennung gemeinsam Eltern! Denn Kinder wollen und brauchen einen Bezug zu beiden Elternteilen. Nur dort, wo diese Beziehung nicht mehr möglich ist, macht eine Stiefkindadoption Sinn.

Sie sagen, dass für eine Adoption die Verhältnisse in einer Partnerschaft stabil sein sollten. Wie können Sie so etwas sicherstellen? Wir überprüfen Paare gründlich, bevor sie überhaupt einen Antrag auf Adoption stellen können. Wir führen Gespräche, besuchen sie zu Hause, klären ab, weshalb sie ein Kind adoptieren wollen, nach welchen Grundsätzen sie ihre Erziehung ausrichten wollen, welches Zuhause sie ihm bieten. Am Ende dieses sehr intensiven und individuellen Abklärungsprozesses werden die Beobachtungen in einem Bericht festgehalten und beurteilt, ob sich das Paar für eine Adoption eignet oder nicht. So gehen wir auch bei einer Stiefkindadoption vor. Das alles entscheidende Kriterium ist dabei immer das Kindeswohl.

Wie lange dauert der Adoptionsprozess insgesamt? Von der Interessenbekundung bis zur eigentlichen Antragstellung kann es zwischen drei Monaten und mehreren Jahren dauern. Ist der Antrag gestellt, dauert es in der Regel ein halbes Jahr, bis der Abklärungsbericht vorliegt. Die eigentliche Adoptionsbehörde im Kanton Zürich ist die jeweils zuständige Kesb, an die der Adoptionsantrag, alle seine Beilagen und der Sozialbericht übermittelt werden. Dann kann es nochmals ein paar Wochen dauern. Pro Jahr führen wir ungefähr siebzig Abklärungsverfahren durch, davon etwa zehn Stiefkindadoptionen.

«Elternschaft sollte nicht zu eng an die Partnerschaft gebunden werden. Paarbeziehungen sind dafür schlicht zu kurzlebig»

André Woodtli,Amt für Jugend und Berufsberatung Kanton Zürich

Wie kommen Adoptiveltern schlussendlich mit einem Adoptivkind zusammen? Die Vermittlung von künftigen Adoptivkindern wird meistens von Vermittlungsstellen oder von Behörden der Kinderherkunftsländer übernommen. Das Zusammenführen von möglichen Adoptiveltern und einem Kind, das in der Schweiz geboren wurde, gehört zu den Aufgaben des Vormunds. Die Regelungen in der Schweiz sind ausgesprochen streng und richten sich nach dem Haager Adoptionsübereinkommen. Es geht darum, Kinderhandel vorzubeugen. Ohne ein staatlich geprüftes, detailliertes Dossier von künftigen Adoptiveltern und -kindern kann ein Kind in der Schweiz nicht adoptiert werden. Die meisten Schweizer wollen übrigens Säuglinge adoptieren. Es gibt aber wesentlich mehr ältere Kinder, die adoptiert werden könnten.

Wäre es nicht im Sinne der Kinder, die Restriktionen zu lockern, um ihnen allenfalls ein besseres Leben zu ermöglichen? Das ist eine ethische Frage, die sich nicht leicht beantworten lässt. Es ist auch stets fraglich, ob es für das Kind gut ist, wenn es aus seinem Umfeld herausgerissen und in ein anderes Land gebracht wird. Wie gesagt: Entscheidend ist in jedem Fall das Kindeswohl. Das Kind bekommt neue Eltern – ein enormer Einschnitt in seinem Leben. Diesen Entscheid kann man nicht einfach wieder rückgängig machen. Deshalb müssen die Voraussetzungen stimmen. Die Eltern müssen bereit sein, alles für das Wohl des Kindes zu tun.

Und hat auch das Kind ein Mitspracherecht? Selbstverständlich. Das Kind wird bei uns im Kanton Zürich von einer Fachperson im Rahmen seiner Urteilsfähigkeit zur Adoption befragt. Je älter das Kind ist, desto relevanter wird seine Meinung.

Was geschieht, wenn ein Kind die Adoption ablehnt? Das muss noch nicht das Ende des Prozesses bedeuten. Aber in einem solchen Fall wird nochmals alles genauestens überprüft und dem Grund nachgegangen, weshalb das Kind die Adoptiveltern, den Stiefvater oder die Stiefmutter ablehnt.

«Adoption kann keine Nothilfe sein.»

André Woodtli,Amt für Jugend und Berufsberatung Kanton Zürich

Schweizweit werden immer weniger Kinder adoptiert. Wie ist die Situation im Kanton Zürich? Auch hier sind die Zahlen rückläufig. Die grösste Selektion geschieht bereits, nachdem adoptionswillige Paare eine unserer obligatorischen Informationsveranstaltungen besucht haben. Diese sind dem ganzen Abklärungsprozess vorgelagert und zielen darauf ab, interessierte Paare über die rechtlichen und persönlichen Pflichten von Adoptionseltern aufzuklären. Nur ein kleiner Teil wagt danach wirklich den Schritt. Dass die Zahl der Adoptionen im Kanton Zürich rückläufig ist, liegt aber nicht nur an den strengen Regelungen.

Woran liegt es dann? Die Möglichkeiten der sogenannten assistierten Empfängnis haben sich enorm verbessert: Paare können oft dank medizinischer Hilfen eigene Kinder bekommen. Bei der Adoption spielen heute eher ethische Fragen eine Rolle. Es geht beispielsweise darum, einem gefährdeten Kind zu helfen. Sehr oft entscheiden sich auch Paare, die bereits eigene Kinder haben, zu einer Adoption, um einem Kind ein besseres Leben zu ermöglichen. Als damals Haiti verwüstet wurde, stiegen beispielsweise die Nachfragen in den einschlägigen Foren und auch in unseren Beratungen rapide. Aber eben: Adoption kann keine Nothilfe sein!

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