«Die Sorgfaltspflicht gilt bis zum letzten Arbeitstag»

Expertin Helena Trachsel sagt klar: Arbeitgeber müssen bei Belästigungen handeln.

«Der Arbeitgeber hätte während der Kündigungsfrist eine Untersuchung durchführen können»: Gleichstellungsexpertin Helena Trachsel. Foto: Sophie Stieger

«Der Arbeitgeber hätte während der Kündigungsfrist eine Untersuchung durchführen können»: Gleichstellungsexpertin Helena Trachsel. Foto: Sophie Stieger

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Dem Arbeitgeber wird vorgeworfen, die Studentin zu wenig vor den Belästigungen ihres Chefs geschützt zu haben. Was hätte der Arbeitgeber denn tun sollen?
Er ist gesetzlich dazu verpflichtet, ein belästigungsfreies Klima im Betrieb zu schaffen. Wenn sich eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter über eine Belästigung beschwert, muss der Arbeitgeber dies abklären. Das kann schwierig sein, denn schon während der Abklärung, muss die belästigte Person – in diesem Fall die Studentin – geschützt werden. Auf den gleichen Schutz hat allerdings auch der mögliche Verursacher Anrecht.

In diesem Fall hat der Belästiger gekündigt. Wie kann der ­Arbeitgeber aktiv werden, wenn der mutmassliche Täter weg ist?
Er kann eine Untersuchung während der Kündigungsfrist durchführen. Er hätte eine externe Instanz einschalten müssen. Einen Anwalt oder eine Mentorin.

Mit der Kündigung war die Frau ihren Belästiger los. Warum hat das nicht genügt?
Im ersten Moment war dies wohl Entlastung genug. Die Belästigungen waren ja nicht so gravierend. Doch sie sind verboten, und man könnte sich auch Schlimmeres vorstellen. Der Mann zieht weiter, hat am neuen Arbeitsort wieder Praktikantinnen. Womöglich werden die Vorfälle schwerer. Der Arbeitgeber ist der Wahrheit verpflichtet. In einem Zeugnis darf je nach Schweregrad ein solcher Vorfall nicht unerwähnt bleiben. Dazu muss er aber aufgearbeitet werden. Die Gemeinde hat in diesem Fall gedacht, das Problem sei mit der Kündigung gelöst. Die Sorgfaltspflicht des Arbeitgebers gilt aber bis zum letzten Arbeitstag.

Ist das ein Einzelfall?
Wahrscheinlich geschieht das öfter, als ich denke. Viele glauben wohl: Mit einer Kündigung muss ich keine grosse Geschichte aus einem Vorfall machen.

Welche Konsequenz sollte sexuelle Belästigung für einen Täter haben?
Ich rede ungern von Tätern. Verursachende ist besser. Sie müssten mindestens einen Verweis in der Personalakte haben. Je nach Schwere des Vergehens sollten dort auch die Hintergründe eines Vorfalls erwähnt sein. Auch in Arbeitszeugnissen sollten solche Verfehlungen erwähnt werden. Wenn nicht, könnte ein künftiger Arbeitgeber auf seinen Vorgänger Regress nehmen.

Würden Sie in ihrer Fachstelle einen Mann mit einem solchen Vermerk im Zeugnis einstellen?
Auf jeden Fall. Wir sind hier alles Erwachsene, die sich wehren können. Schwieriger würde es an Stellen, wo der Mann Kontakt zu Menschen mit Beeinträchtigungen, zu Kindern oder alten Menschen hätte.

*Helena Trachsel ist Leiterin der kantonalen Fachstelle für Gleichstellung von Mann und Frau

Erstellt: 24.06.2016, 23:43 Uhr

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