«Ich gehe nie ins Pflegeheim»

Die Spitex kümmert sich zunehmend um unheilbar kranke und demente Menschen, die zu Hause sterben wollen. Auf Pflegetour in Zürich-Witikon.

«Die Spitex ist wunderbar»: Zweimal pro Woche kommt die Spitex für Duschen und Haarewaschen zu Frau Aebi. Foto: Samuel Schalch

«Die Spitex ist wunderbar»: Zweimal pro Woche kommt die Spitex für Duschen und Haarewaschen zu Frau Aebi. Foto: Samuel Schalch

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist kurz nach acht Uhr, als Antonella Pascali bei Fackelmayers die Tür aufschliesst. Die junge Frau hat vor wenigen Monaten die Lehre zur Fachfrau Gesundheit abgeschlossen und arbeitet jetzt im Spitex-Zentrum Witikon, das im katholischen Kirchgemeindehaus eingemietet ist. Von dort ist sie mit dem Elektrovelo den Berg runtergefahren zu ihrem ersten Kunden. Helmut Fackelmayer (87) lebt in einem alten Haus. Es ist sein Elternhaus, hier ist er aufgewachsen, hier hat er sein Leben lang gewohnt. Herr Fackelmayer ist Graveur, seine Werkstatt ist gleich nebenan. Seit drei Jahren sind die Maschinen unbenutzt. Herr Fackelmayer leidet an mehreren Krankheiten – seine Frau betreut ihn rund um die Uhr.

Das Ehepaar hat der Spitex einen Hausschlüssel anvertraut – für alle Fälle. Frau Fackelmayer (89) ist am Ende ihrer Kräfte, sie hat 20 Kilo abgenommen. Kürzlich musste sie auch noch den Grauen Star operieren lassen. Das alles ist zu viel. Als Antonella Pascali in die Stube tritt und sie begrüsst, fängt Frau Fackelmayer an zu erzählen. Sie klagt über die vielen Augentropfen, die sie nehmen muss. Über den schlimmen Husten, den sie vermutlich von einer der Spitex-Frauen habe. Über die häufige Verspätung der Spitex. «Ich stehe um halb sieben auf, ich möchte, dass Sie immer um acht Uhr kommen, sonst wird es zu spät mit dem Frühstück, und der ganze Tagesablauf gerät durcheinander.» Ein verständlicher Wunsch.

Kleiner Teams für mehr Kontinuität

Die Spitex-Planerin im Zentrum Witikon kennt das Problem und versucht, wenn möglich die Anliegen zu berücksichtigen. Doch bei 33 Mitarbeiterinnen und rund 180 Kundinnen und Kunden ist die Einsatzplanung eine Herausforderung, zumal fast alle die Hilfe am Morgen brauchen – zum Aufstehen, Waschen, Medikamente einnehmen. Auch wünschen sich viele Kundinnen mehr Kontinuität bei den betreuenden Personen, sie schätzen es nicht, wenn jeden Tag eine andere Pflegerin kommt. Hier ist eine Verbesserung in Sicht. Die Spitex Zürich Limmat, zu welcher Witikon gehört, plant eine Reorganisation: Die Teams sollen verkleinert werden.

Zu Besuch bei Frau Fackelmayer. Foto: Samuel Schalch

Antonella Pascali nimmt sich Zeit für Frau Fackelmayer und ermuntert sie, zu sagen, «wenn Sie von uns mehr Unterstützung brauchen». Herr Fackelmayer wartet derweil geduldig oben im Schlafzimmer, auf der Bettkante sitzend. Der niedrige Raum ist hell getäfert, er wirkt freundlich trotz Regenwetter, durch die Fenster auf zwei Seiten schweift der Blick ins Grüne. Antonella Pascali fasst den Patienten an den Händen, er steht auf, stützt sich auf ein Böckli und geht mit kleinen Schritten ins Badezimmer, von hinten leicht geführt von der Pflegerin. «Ich zweifle, ob Sie mich halten können, wenn ich umfalle», witzelt der noch immer stattliche Mann.

Alles der Reihe nach

Helmut Fackelmayer kann noch einiges selber machen, doch ohne Hilfsmittel ginge es nicht. Er hat einen Badewannenlift, einen Treppenlift, einen Spezialstuhl im Wohnzimmer. Als er in der Wanne sitzt und das warme Wasser aus der Dusche über seinen Körper rinnt, fühlt er sich wohl: «Das ist das Schönste am Morgen.» Die junge Spitex-Pflegerin unterhält sich mit ihm und fragt immer wieder nach, wie es gehe. Beim Anziehen hält sie die gewünschte Reihenfolge ein: Unterhose, Socken, Unterhemd, Hemd und zum Schluss die Hose. Alles in allem ist Antonella Pascali eine gute Stunde beim Ehepaar. Sie trägt die Zeit in ihrem Tablet ein und macht einen Vermerk: Auf die Gesundheit der Ehefrau achten!

«Das ist das Schönste am Morgen.» Foto: Samuel Schalch

Alle Spitex-Mitarbeiterinnen haben ein Tablet bei sich, in dem sie nicht nur die Weg- und Arbeitszeiten erfassen, was für die Abrechnung wichtig ist, sondern auch medizinische oder soziale Auffälligkeiten, die sie bei den Patienten feststellen. Nicht aufschreiben müssen sie die regelmässigen Pflegehandlungen. Diese sind für jede Spitex-Kundin und jeden Kunden in der Pflegeplanung dokumentiert, die bei Veränderungen aktualisiert wird und welche die Mitarbeiterinnen auf ihre Tour mitnehmen. So wird sichergestellt, dass jede Pflegeperson alle nötigen Informationen hat.

Lieber Spitex als Biochemie

Sabah Tabai findet das System gut. Der bürokratische Aufwand sei gering, sagt die erfahrene Pflegerin. Seit 23 Jahren arbeitet sie bereits für die Spitex, sie hat sich damit ihr Biochemie-Studium finanziert und entschied sich dann später – vor die Wahl zwischen Forschung und Pflege gestellt – für die Spitex. Ihre erste Patientin an diesem Morgen ist Helene Baig.

Die pensionierte Lehrerin hat seit vielen Jahren Diabetes, die Spitex kommt dreimal täglich, um den Blutzucker zu messen und je nachdem Insulin zu spritzen. Heute ist der Wert sehr tief, unter sechs. Sabah Tabai macht sich Sorgen, Frau Baig könnte es schwindlig werden. Auch schon hat sie die alte Frau im Flur ohnmächtig auf dem Boden liegend gefunden. Es ist jetzt wichtig, dass sie etwas isst. Frau Baig sitzt im Polsterstuhl in der Stube, die Füsse auf einem Plastikschemel hochgelagert. Ein tiefer Blutzuckerspiegel macht träge.

Die Pflegerin wollte sichergehen, dass die Patientin etwas isst. Foto: Samuel Schalch

Sabah Tabai zieht ihr erst mal andere Socken an, solche mit Antirutschsohlen. Dann geht sie mit ihr in die Küche, bereitet Kaffee zu, legt Brot und Butter auf den Tisch und fordert die Patientin auf, den Toast selber zu streichen. Während Frau Baig isst, wäscht Sabah Tabai ab. Essen zubereiten und Abwaschen ist auf dem Pflegeplan von Frau Baig eigentlich nicht vorgesehen, dafür kommt jeweils eine hauswirtschaftliche Mitarbeiterin der Spitex vorbei, welche die Kundin selber bezahlen muss. Doch Tabai wäre es nicht wohl gewesen, die Patientin zurückzulassen, ohne zu wissen, ob sie tatsächlich etwas isst. Frau Baig weiss dies zu schätzen. «Ich danke Ihnen von Herzen», sagt sie zum Abschied.

Die Kaffeepause fällt aus

Die Pflegerin ist nun bereits etwas in Verzug, und bei der nächsten Kundin wird ihr Zeitplan erneut strapaziert. Frau Frick ist dement. Sie liegt im Bett, als Tabai kurz vor zehn Uhr bei ihr eintrifft. Nichts Ungewöhnliches. Die zierliche 90-Jährige steht immer spät auf. Die Spitex kommt, um ihr die Medikamente zu geben. Die blaue Tablette, die sie vor dem Schlafen hätte nehmen sollen, liegt noch auf dem Nachttisch. «Die brauche ich nicht», sagt Frau Frick.

Das Telefon klingelt. Es ist die Tochter: Um halb elf Uhr komme der Coiffeur, ob die Spitex ihre Mutter bereit machen könne? Normalerweise steht Frau Frick selbstständig auf, wäscht sich und zieht sich an. Doch in 20 Minuten schafft sie das nie, zumal sie heute besonders verwirrt ist. Sabah Tabai opfert ihre Kaffeepause und hilft. «Das gehört zu meinem Beruf – die Abwechslung, das Unvorhergesehene, das selbstständige Arbeiten. Das liebe ich.» Frau Frick sagt: «Die Spitex ist ein Segen.»

Frau Frick ist dankbar für die Hilfe der Spitex. Foto: Samuel Schalch

Am Mittag wird wieder jemand kommen, um mit ihr zu essen. Den Herd darf sie nicht allein bedienen, es wäre zu gefährlich.

85 Prozent sind über 80 Jahre alt

Die Spitex muss sich zunehmend um demente Menschen kümmern, ebenso steigend ist die Zahl psychiatrischer Patienten und von Menschen, die unheilbar krank sind und zu Hause sterben wollen. Für schwierige Fälle können die Spitex-Dienste in den Quartieren auf Fachteams zurückgreifen, die gesamtstädtisch tätig sind. So hat die Spitex Zürich Spezialistinnen für Demenz, für Psychiatrie und für Palliative Care. «Die Hauptprobleme unserer Patienten und Patientinnen sind aber weiterhin Bewegungseinschränkungen durch Krankheit oder Unfall, verbunden mit Schmerzen», sagt Silvia Bertschinger, Teamleiterin in Witikon. Etwa 85 Prozent von ihnen sind über 80-jährig.

Auch Rosabeth Aebi ist alt, 93. Sie sieht aber aus wie 78. Vielleicht liegt es daran, dass sie Stammgast in der Badi Utoquai ist und täglich im See schwimmt. Vielleicht aber auch an ihrem sonnigen Gemüt. Sabah Tabai freut sich, Frau Aebi an diesem Morgen zu besuchen, sie hat sie längere Zeit nicht mehr gesehen. Frau Aebi steht strahlend in der Tür. «Willkommen, Liebste!», begrüsst sie die Pflegerin. Die beiden kennen sich seit zehn Jahren. «Wie geht es Ihnen?», fragt Tabai. Frau Aebi leidet an Arthritis, sie muss starke Medikamente gegen die Schmerzen nehmen. Ihre Gelenke sind geschwollen.

«Nie in ein Pflegeheim»

Gerade hatte sie wieder einen Entzündungsschub. «Es war schlimm, ich erhielt viel Cortison und erlitt deswegen eine Vergiftung», erzählt sie. Nun geht es ihr wieder besser, die Hände sind etwas abgeschwollen, sie kann die Finger wieder bewegen. Doch es tut weh. Sabah Tabai duscht die Patientin und wäscht ihr die Haare. Frau Aebi hat Stil. Kürzlich hat sie sich «ein wunderschönes Kleid» gekauft, das sie ihrer Lieblingspflegerin nachher vorführen wird. Mode ist ein Thema, über das sich die zwei gerne unterhalten. Sorgfältig föhnt Sabah Tabai die kurzen, braun gefärbten Haare und bringt sie mit der Rundbürste in Form. Frau Aebi sitzt im Bademantel auf dem WC-Deckel, sie hat die Augen geschlossen und ein Lächeln im Gesicht.

Frau Aebi schwimmt mit 93 täglich im Zürichsee. Foto: Samuel Schalch

«Die Spitex ist wunderbar», findet Frau Aebi. Sie wünscht sich, dass sie dank deren Hilfe bis zum Tod daheim bleiben kann. In ihrer schönen, geräumigen Wohnung mit Balkon, wo Geranien und Kapuziner blühen und die Küchenkräuter in einem grossen Topf prächtig gedeihen. «Ich gehe nie in ein Pflegeheim», sagt sie. Eine Aussage, die Sabah Tabai immer wieder hört. Sie hat noch niemanden erlebt, der ins Heim wollte.

Erstellt: 22.05.2018, 23:45 Uhr

Artikel zum Thema

Sie bieten Lebensqualität am Ende des Lebens

Die Spitex-Fachstelle Palliative Care in Zürich steht schwerstkranken Menschen und deren Angehörigen bei. Sie wollen ihnen ein würdiges Lebensende bereiten. Mehr...

Von Beruf Stimmungsaufheller

Reportage Die Vorweihnachtszeit ist für psychisch kranke Menschen schwierig. Das spürt Daniel Casasola von der psychiatrischen Spitex. Er ist zurzeit besonders gefordert. Mehr...

Wenn der Wäschekorb die Spitex ruft

Fussböden, die Alarm schlagen, intelligente Kleidung – wie Forscher von der Berner Fachhochschule die Pflege revolutionieren. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Paid Post

Ausstellungseröffnung: «Schatten»!

Mit einer Auswahl von fast 140 Werken zeigt die Ausstellung «Schatten» in der Hermitage 500 Jahre Kunstgeschichte.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

«Ich gehe nicht ins Pflegeheim»

Die Spitex kümmert sich zunehmend um unheilbar kranke und demente Menschen, die zu Hause sterben wollen. Auf Pflegetour in Witikon. Mehr...

Nur nicht hinschauen

Ein Mann hört nicht auf, Sexfilme von ihr auf Pornosites zu laden: Wie eine 26-jährige Frau ihrem Albtraum zu entkommen versucht. Mehr...

FCZ-Schläger vertreiben GC-Fans aus der Stadt

Die Polizei ist machtlos gegen die zunehmenden Übergriffe von gewaltbereiten FCZ-Ultras. Mehr...