«Sie sind eben ein Opfer der Marktwirtschaft»

Wie viel Eishockey soll sich Zürich leisten? Stadionbefürworter Peter Zahner (ZSC Lions) und Gegner Markus Kunz (Grüne) schonten einander im Streitgespräch nicht.

Wird aus dem Modell Realität? Markus Kunz (l.) und Peter Zahner diskutieren angeregt. Fotos: Raisa Durandi

Wird aus dem Modell Realität? Markus Kunz (l.) und Peter Zahner diskutieren angeregt. Fotos: Raisa Durandi

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Herr Kunz, wann waren Sie letztmals an einem Heimspiel der ZSC Lions?
Markus Kunz: Keine Ahnung, ist das denn wichtig?

Das würde erläutern, ob Sie Spitzensport live verfolgen.
Kunz: Ich bin ein schlechter Konsument von Spitzensport – und damit wohl ein Vertreter der Bevölkerungsmehrheit.

Dann wäre es Ihnen egal, wenn es die ZSC Lions nicht mehr gäbe?
Kunz: Meine persönliche Meinung ist irrelevant. Es geht um eine wichtige Abstimmungsvorlage für die Stadt Zürich, die nicht nur aus ZSC-Fans besteht.
Peter Zahner: Es geht nicht nur um ZSC-Fans. Der Stadtrat, die klare Mehrheit des Parlaments und beinahe alle Parteien sind der Meinung, dass die ZSC Lions ein Aushängeschild der Stadt sind. Insbesondere hören wir, dass wir wichtige Arbeit im Nachwuchs- und Frauensport leisten. Politiker sagten uns, wir täten viel für den Sozialstaat, indem wir Jugendlichen eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung geben.

Herr Zahner, haben Sie zuhause einen Garten oder sind Pächter eines Familiengartens?
Zahner: Wir wohnen in einem Zweifamilienhaus mit Garten.

Was sagen Sie den 120 Schrebergärtnern, die wegen des Stadionprojekts weichen müssen?
Zahner: Ich verstehe sehr gut, dass sie nicht erfreut sind. Zum Glück aber nimmt die Stadt deren Anliegen sehr ernst. Sie hat versprochen, jedem Schrebergärtner einen geeigneten Ersatzstandort anzubieten.
Kunz: Es geht nicht nur um den Verlust der Familiengärten, sondern allgemein um das Verschwinden von Grünflächen. Ich verstehe nicht, warum das Stadion unbedingt in der Stadt stehen muss. Die ZSC-Fans kommen ja vor allem aus dem Norden Zürichs und aus dem Oberland, wie eine Erhebung vor einem Jahr ergeben hat. Warum bauen Sie nicht in Dübendorf oder Wallisellen?
Zahner: Erstens kommt die Mehrheit unserer Fans aus der Stadt. Die ZSC Lions sind ein Stadtclub. Zweitens haben wir neben 15 Standorten in Zürich auch fünf ausserhalb der Stadt geprüft: Volketswil, Wangen-Brüttisellen, Rümlang, Opfikon und Glattbrugg. Doch in den Gesprächen mit den Vertretern dieser Gemeinden hat sich gezeigt, dass deren Infrastruktur nicht genügt – sei es aus Platz-, Verkehrs- oder Sicherheitsgründen. Der Standort in Altstetten ist schlicht perfekt: Kaum direkte Nachbarn, hervorragende ÖV-Erschliessung, gute Erreichbarkeit für den Privatverkehr. Wenn wir dort nicht bauen können, gibt es keinen anderen Standort in der Stadt.

«Ich bezweifle, dass Altstetten der einzig mögliche Standort ist.»Markus Kunz

Kunz: Ist es nicht einfach so, dass Sie nirgends ausserhalb Zürichs von der öffentlichen Hand 120 Millionen Franken für den Stadionbau erhielten?
Zahner: Nein. Diese Frage stellte sich nicht, weil wir zum Schluss gekommen sind, dass es keinen anderen Standort gibt als jenen in der Stadt. Als Nicht-Sportfan können Sie die emotionale Bindung des Vereins zur Stadt und seinen Fans vielleicht nicht verstehen.
Kunz: Das ist für mich tatsächlich kaum nachvollziehbar und tönt wie Religion.
Zahner: Sie bezweifeln, dass wir ein Stadtclub sind?
Kunz: Ich bezweifle vor allem, dass der Standort in Altstetten der einzig mögliche ist.

Herr Zahner, die ZSC Lions haben mit Walter Frey und Peter Spuhler überaus potente Geldgeber. Warum finanziert Ihr Verein nicht alles selber und nimmt das Geld fürs Stadion bei einer Bank auf statt bei der Stadt?
Zahner: Es ist ein Illusion zu glauben, dass ein Privater ein 120-Millionen-Darlehen zu einem Zins von 1,6 Prozent über die Laufzeit von 65 Jahren erhält. Die Stadt sprang ein, weil sie als AAA-Schuldnerin am Markt bessere Bedingungen erhält und die ZSC Lions als Teil der Stadt sieht. Wichtig ist mir zu sagen: In den Stadionbau fliessen – anders als von der Gegenkampagne behauptet – keine Steuergelder. Für die 120 Millionen zahlen wir Zins und jährlich 2 Millionen für die Amortisation ...

... just den Betrag, den die Stadt – diesmal aus Steuermitteln – an den Betrieb des Stadions zahlt.
Zahner: Dass die Beträge gleich hoch sind, ist purer Zufall. Die Laufzeit des Betriebsbeitrages aber beschränkt sich auf 30 Jahre. Am Anfang der Verhandlungen standen viel höhere Betriebsbeträge und eine viel längere Laufzeit zur Diskussion. Bau und Betrieb des Stadions sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe.
Kunz: Dennoch: De facto refinanziert Ihnen die öffentliche Hand das Darlehen. Die 120 Millionen sind vielleicht keine direkten Steuergelder. Aber es sind öffentliche Gelder, da die Stadt diese guten Zinsbedingungen nur erhält, weil ein stabiler, mit Steuergeldern finanzierter öffentlicher Haushalt dahintersteht.

Was geschieht mit den 120 Millionen, wenn der ZSC Bankrott geht?
Zahner: Man darf keine Weltuntergangsszenarien heraufbeschwören. In der Theorie ist das möglich, in der Praxis aber ist die Wahrscheinlichkeit sehr klein. Glauben Sie, dass die Geldgeber Frey und Spuhler sowie die Swiss Life, welche immerhin 36 Millionen ans Stadion zahlen und als sorgfältige Investoren gelten, zuschauen würden, wie ihre Investition den Bach runtergeht?
Kunz: Wenn die beiden Milliardäre und der Milliardenkonzern so überzeugt wären vom Projekt, würden sie die Mittel sicher aufbringen. Die Stadt vergibt hier Hochrisikokapital. Kein Sportclub der Welt kann garantieren, dass er in 60 Jahren noch oberklassig ist. Wir haben es ja gerade beim FC Zürich gesehen: Als erstes nach dem Abstieg ging er zur Stadt, um eine günstigere Miete für den Letzigrund auszuhandeln.
Zahner: Aber die Stadt ist vertraglich abgesichert: Sind die ZSC Lions Pleite, geht das Stadion an die Stadt – mitsamt den Investitionen der Privaten und den 19 Millionen von Bund und Kanton.

«Sind Sie gegen Nachwuchs- oder Frauensport?»Peter Zahner

Herr Kunz, stören Sie sich etwa an ...
Kunz: ... den Geldgebern, ja. Herr Frey und Herr Spuhler sind als einflussreiche SVP-Politiker massgeblich daran beteiligt, dass der Stadt Zürich Geld fehlt.
Zahner: Hören Sie, das ist nicht der Platz für eine SVP-Diskussion. Die Herren Frey und Spuhler sind in erster Linie Unternehmer, die vielen Leuten Arbeit geben und sehr viel Steuern zahlen.
Kunz: Sie sorgen mit ihrer Steuer- und Sparpolitik auf Bundes- und kantonaler Ebene dafür, dass der Stadt Zürich Steuersubstrat entzogen wird, und machen dann die hohle Hand bei der von ihnen verhassten rot-grünen ...
Zahner: ... nochmals, Herr Kunz: Die 120 Millionen sind keine Steuergelder!
Kunz: Ich finde es unanständig, dass schwerreiche SVPler überhaupt bei der Stadt Zürich um Geld betteln.
Zahner: Und ich finde es unanständig, dass Sie die Sachebene verlassen. Es geht um ein Stadion und eine Trainingshalle für über 1250 Spielerinnen und Spieler und für die Sportfans. Sie können doch nicht gegen Jugendsport sein.
Kunz: Wie viele der von Ihnen instrumentalisierten Kinder sind eigentlich aus der Stadt Zürich?
Zahner: Das weiss ich nicht ganz genau, sicher nicht die Mehrheit. Die Stadt Zürich hat nun mal eine Zentrumsfunktion.
Kunz: Gemäss Statistik ist Eishockey in der Stadt bei den Jungen nur die elft-beliebteste Sportart. Die Stadt zahlt für die auswärtigen Jugendlichen.

Herr Kunz, betreiben Sie hier Lokalpolitik auf dem Buckel der Jungen?
Kunz: Ich stelle einfach fest: Das ist für die Stadt kein gutes Geschäft.
Zahner: Sind Sie gegen Nachwuchs- oder Frauensport?
Kunz: Sicher nicht, aber die Stadt muss nicht immer Milchkuh spielen. Wir mussten wegen der schwierigen Finanzlage bereits im Schulbereich sparen.

Herr Zahner, es gibt ja bereits ein grosses Eishockeystadion.
Zahner: Das stimmt nicht. Das renovierte Hallenstadion ist eine multifunktionale Arena, in der auch Eishockey gespielt werden kann. Seit der Sanierung 2004/05 sind zwei Dinge passiert: Unsere Anzahl Termine ist aufgrund zusätzlicher Wettbewerbe stark gestiegen. Gleichzeitig ist das Stadion viel besser ausgelastet. Da ist der Konflikt offensichtlich. Noch ein Detail: Vor der Renovation hatten wir unsere Sportinfrastruktur im Stadion. Jetzt zahlen wir jährlich 240'000 Franken Miete für Garderoben inklusive Zusatzräumen in einem Industriegebäude unweit des Stadions und kommen jedesmal wie eine Auswärtsmannschaft zum Hallenstadion.

«Man darf den Sport nicht gegen die Kultur ausspielen.»Markus Kunz

Hier könnte man sagen: Das ist ein Problem eines privaten Vereins.
Zahner: Ich will damit nur sagen, dass das Hallenstadion nicht für die ZSC Lions umgebaut wurde, sondern auch für die ZSC Lions. Kunz: Mir ist klar, dass Sie mit der Situation nicht glücklich sind. Tatsache ist eben: Sie sind eben ein Opfer der Marktwirtschaft. Eishockey ist für einen Vermieter weniger lukrativ als ein Popkonzert oder eine UBS-Generalversammlung. So werden Sie verdrängt.
Zahner: Wir brauchen die gleichen Voraussetzungen wie unsere sportlichen Konkurrenten. Elf von zwölf Clubs haben die Catering- und Vermarktungsrechte in ihren Heimstadien. Damit erwirtschaften sie beträchtliche Mittel, die uns entgehen. Wenn die Stadtzürcher weiterhin einen erfolgreichen Eishockeyverein wollen, müssen Sie uns das ermöglichen.
Kunz: Sie haben sicher einen Plan B.
Zahner: Nein, Plan B ist: im Hallenstadion bleiben und Kosten herunterfahren. Da wir unser strukturelles Defizit von jährlich 3 bis 4 Millionen tilgen müssten, würde es unweigerlich auch den Nachwuchs treffen. Wir haben elf Profitrainer für die Jungen.

Strukturelles Defizit bedeutet, dass ...
Zahner: ... wir nur wegen mangelnder Strukturen rote Zahlen schreiben. Zwei Beispiele: Im Schweizer Cup mussten wir 2015 und dieses Jahr ein Heimspiel mit dem SC Bern tauschen, weil das Hallenstadion besetzt war. Bern erzielte einen Nettogewinn von jeweils 400'000 Franken, und wir hatten nur Reisekosten. Auch der Cupfinal 2016 konnte nicht im Hallenstadion gespielt werden. 2009 mussten wir aus demselben Grund den Champions Hockey League-Halbfinal und -Final in Rapperswil austragen – uns entging insgesamt 1 Million an Einnahmen.

Herr Kunz, ist es nicht peinlich, wenn ein Zürcher Spitzenclub für einen europäischen Final nach Rapperswil ausweichen muss?
Kunz: Nein. Erstens darf man auch den Rapperswilern etwas gönnen. Und zweitens ist es nächstes Mal bestimmt anders.

Sie sind dagegen, dass die öffentliche Hand den Spitzensport unterstützt. Soll sie sich auch aus der Spitzenkultur zurückziehen?
Kunz: Man darf den Sport nicht gegen die Kultur ausspielen.

«Wir wollen das Eis öfter für Schlittschuhläufer öffnen.»Peter Zahner

Es geht darum, was der Staat soll.
Kunz: Richtig. Und auch die Kultur wird die Sparzeiten zu spüren bekommen. Aber hier geht es nur um Geld der Stadt für einen Proficlub.
Zahner: Dennoch drängen sich Vergleiche auf. Wenn Sie in die städtische Badi gehen, zahlen Sie vielleicht 8 Franken Eintritt, und die Stadt legt noch 16  Franken drauf. Ein Opernbillett kostet 80 Franken und wird mit bis zu 300  Franken unterstützt. Mit den 2 Millionen städtischen Betriebsbeiträgen an uns kommen Sie auf eine viel geringere «Subventionierung» einer Eisstunde für die Profis, den Nachwuchs und die Frauenteams.
Kunz: Was hat die Bevölkerung vom Stadion ausser, dass Sie den ZSC spielen sehen kann?
Zahner: Zehn Tage im Jahr darf die Stadt gratis über das Stadion verfügen. Zudem planen wir, das Eis noch öfter für freies Schlittschuhlaufen zu öffnen.

Das ist neu. Wie oft denn?
Zahner: Drei bis fünf Mal im Monat einen Nachmittag zum Beispiel. Das hängt von unseren Spiel- und Trainingsplänen ab. Deshalb können wir die Termine auch nicht mehr als drei, vier Monate im voraus festlegen. Es wird dann ein Eintritt verlangt wie bei allen anderen Eisflächen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2016, 23:10 Uhr

Abstimmung am 25. September

2022 wollen die ZSC Lions in Altstetten eine Eishockeyarena mit 11'600 Plätzen und eine Trainingshalle eröffnen. Das Stadtzürcher Stimmvolk hat zu entscheiden über ein Darlehen von 120 Millionen Franken, einen jährlichen Betriebszuschuss von 2 Millionen und einmalige Infrastrukturkosten von 4,7 Millionen.

Markus Kunz

Markus Kunz ist Professor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur. Der 56-Jährige war 2002 bis 2010 Stadtparteipräsident der Grünen und sitzt seit 2012 im Gemeinderat. Kunz wohnt im Zürcher Kreis 3 und ist Vater zweier erwachsener Kinder.

Peter Zahner

Peter Zahner ist von Haus aus Betriebsökonom und Executive MBA der Universität Zürich. Nach seiner Tätigkeit als Direktor des Schweizer Eishockeyverbands wurde er Ende 2007 CEO bei den ZSC Lions. Der 55-Jährige wohnt in Wangen-Brüttisellen und ist Vater zweier erwachsener Kinder.

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