Das sind die Top-Steuerzahler unter den Zürcher Firmen

Bei einem Ja zur Steuerreform zahlen Unternehmen ab 2021 weniger Gewinnsteuern – und machen entsprechend mehr Gewinn.

Für Grossfirmen am Wirtschaftsstandort Zürich wie Lindt & Sprüngli steht bei der kantonalen Volksabstimmung vom nächsten Sonntag einiges auf dem Spiel. Fotos: Petra Orosz (Keystone)

Für Grossfirmen am Wirtschaftsstandort Zürich wie Lindt & Sprüngli steht bei der kantonalen Volksabstimmung vom nächsten Sonntag einiges auf dem Spiel. Fotos: Petra Orosz (Keystone)

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Für eine Handvoll Unternehmen geht es um viel Geld, wenn Zürich am nächsten Sonntag über die kantonale Umsetzung der Unternehmenssteuerreform abstimmt. Insgesamt haben Firmen zuletzt 3 Milliarden Franken an den Kanton und seine Gemeinden abgeliefert – aber es sind gerade mal 43 von 80'000 steuerlich erfassten Unternehmen, die laut Regierung für fast die Hälfte davon aufkamen.

Für deren Aktionäre wäre ein Abstimmungserfolg wie Weihnachten im Spätsommer. Denn bei einem Ja sinken die Gewinnsteuern, die den Löwenanteil dieser Abgaben ausmachen, und das bedeutet ein paar Prozent mehr Gewinn fürs Unternehmen.

Für die grosse Mehrheit der Zürcher Firmen ist die Reform dagegen kaum relevant, denn all die Dorfläden, Malergeschäfte oder Yoga-Studios zahlen schon heute keine oder nur sehr geringe Gewinnsteuern. Aus Erhebungen der Steuerämter lässt sich folgende Faustregel ableiten: Die grössten und erfolgreichsten 5 Prozent aller Unternehmen zahlen 90 Prozent der Gewinnsteuern, das oberste Prozent etwa 70 Prozent.

Wer aber sind diese grossen Zürcher Steuerzahler, die von der Reform profitieren, und wie sieht ihre Steuerrechnung aus? Das ist ein grosses Geheimnis, denn Ämter und Politiker halten sich in der Regel ehern an ihre Schweigepflicht, und die Firmen selbst geben nur zum Teil konkrete Zahlen bekannt. Wer den Kandidatenkreis eingrenzt, muss sich erst einmal dem Finanzplatz zuwenden. 17 der erwähnten 43 Firmen sind Banken und Versicherungen. Egal, ob man die potentesten Zürcher Unternehmen nach Umsatz, Eigenkapital, oder Personalbestand sortiert: UBS und CS sowie Zurich, Swiss Re und Swiss Life sind ganz vorne dabei.

Die Dreistelligen

Von den beiden Grossbanken weiss man aufgrund der Geschäftsberichte, dass sie weltweit wieder einen ähnlich grossen Steueraufwand vom Gewinn abziehen wie vor der Finanzkrise: je um die 1,5 Milliarden Franken. Das muss zwar nicht zwingend heissen, dass auch in Zürich wieder gleich viel abfällt. Damals zahlten sie zusammen Gemeindesteuern von 400 Millionen pro Jahr, was inklusive kantonaler Abgaben auf die 700 Millionen schliessen lässt.

Die UBS teilt auf Anfrage mit, dass sie in der Schweiz 2018 mit Einkommenssteuern von umgerechnet 460 Millionen rechnet. Diese Steuern fallen dort an, wo die Bank ihre operativen Tätigkeiten habe, und: «Die UBS hat diese zu einem grossen Teil im Kanton Zürich.» Ähnliches dürfte für die CS gelten. Man darf also zumindest davon ausgehen, dass beide Banken hier wieder Steuern in dreistelliger Millionen­höhe zahlen. Das macht schnell ein Zehntel der insgesamt 3 Milliarden Franken aus, die Kanton und Gemeinden laut Statistik aktuell von Firmen einziehen.

Die Zurich-Versicherung hat 2018 1,3 Milliarden Franken an Steuern bezahlt.

Andere Kandidaten für dreistellige Millionenbeträge gibt es nicht viele. Der grösste ist die Zurich-Versicherung. Sie teilt mit, dass sie in der Schweiz 2018 einen Steuerbeitrag von mehr als 1,3 Milliarden geleistet habe, ohne weitere Details zu nennen. Diese irritierend hohe Summe könnte daher rühren, dass Versicherungen dem Staat in grossem Umfang Verrechnungssteuern weiterleiten, die sie von Dritten einziehen. Der Steuerbetrag, den die Zurich selbst zahlen muss, dürfte deutlich tiefer sein.

Geht man von den 1,4 Milliarden Gewinn und den 22 Milliarden Kapital aus, die in ihrem Steuerausweis von 2017 auf­tauchen, kann ihre Steuerlast im Kanton Zürich nicht über 290 Millionen liegen. Wahrscheinlich ist sie deutlich tiefer, da solche verschachtelten Konzerne ihre Steuern unter anderem mittels sogenannter Beteiligungsabzüge reduzieren können. Vereinfacht gesagt, geht das so: Wenn eine Tochtergesellschaft ihre Gewinne in einem steuergünstigen Kanton versteuert und sie dann ans Mutterhaus weitergibt, tauchen diese zwar dort im Steuerausweis auf, werden aber nicht erneut besteuert.

Ein Kandidat für dreistellige Steuermillionen ist auch die Swiss Re. Sie gibt an, dass sie ihre Steuern «hauptsächlich im Kanton Zürich» zahle. Von den umgerechnet insgesamt 280 Millionen Franken Steuern, die sie 2018 in der Schweiz entrichtet habe, seien aber nur 120 auf die eigentlichen Unternehmenssteuern von Bund und Kanton zurückzuführen. Was bedeuten würde, dass in Zürich nur noch etwa 80 Millionen anfallen. Eine Zahl, die laut Insidern sicher zu tief angesetzt ist.

5 Prozent aller Unternehmen bezahlen 90 Prozent der Gewinnsteuern.

Nicht mehr ganz im dreistelligen Millionenbereich dürften die ­Kantons- und Gemeindesteuern liegen, die Swiss Life in Zürich zahlt. Sie weist für die gesamte Schweiz laufende Ertragssteuern von 105 Millionen Franken aus, inklusive Grundstückgewinn-, aber ohne Kapitalsteuern. Davon geht ein guter Teil an den Bund und vielleicht auch andere Kantone.

Wenn solche Grosskonzerne weniger Steuern zahlen müssen, profitieren davon in erster Linie ausländische Grossanleger. Zu dieser Einschätzung kommt der Zürcher Stadtrat, der die Steuerreform nicht etwa bekämpft, ­sondern dafür wirbt. Die Märkte seien derzeit überversorgt mit ­Liquidität, daher sei davon auszugehen, dass die geplanten Steuersenkungen «vor allem in Dividendenausschüttungen und Aktienrückkäufen fliessen». Davon profitiere das Aktionariat der Grosskonzerne, und dieses befindet sich nach verschiedenen Untersuchungen zu etwa zwei Dritteln im Ausland.

Als bedeutende Aktionärin bei fast allen grossen Zürcher Firmen an Bord ist Blackrock, der grösste Vermögensverwalter der Welt. Auch Investmentgesellschaften aus den USA, Grossbritannien oder Kanada mit weniger bekannten Namen wie Black Creek, Harris oder Silchester halten substanzielle Anteile an mehreren Firmen. Ebenfalls dabei sind die Norwegische Zentralbank, die Regierung von Singapur oder der Staatsfonds von Katar.

Die Zweistelligen

Ausserhalb der Finanzbranche ist die ABB der umsatzstärkste Betrieb mit Hauptsitz im Kanton Zürich. Sie zahlt nach eigenen Angaben den grössten Teil ihrer über 500 Millionen Steuern dort, wo sie produziert: im Ausland und im Aargau. In Zürich hat sie laut dem definitiven Steuerausweis null Gewinn ausgewiesen, dafür 16 Milliarden Kapital. Müsste sie dieses ohne Abzüge versteuern, wären darauf rund 28 Millionen an Steuern fällig.

Zu den Grossen gehört auch der Stellenvermittler Adecco, der nach eigenen Angaben ein gutes Zehntel seiner Steuern im Kanton Zürich bezahlt. Das wären für 2018 etwa 30 Millionen gewesen. Im hohen zweistelligen Bereich finden sich auch der Flughafen, der dem Kanton und der Gemeinde Kloten um die 55 Millionen zahlte, und die Bank Julius Bär mit etwa 45 Millionen.

Bezahlt 100 Millionen Steuern – aber wo? Schokoladenproduzent Lindt & Sprüngli

Ein Fragezeichen bleiben zwei anderen Kandidaten, die vergleichbares Potenzial haben: die Schokoladenriesen Lindt & Sprüngli und Barry Callebaut zahlen laut Geschäftsbericht an die 100 Millionen Franken Steuern und mehr, geben aber nicht an, wo. Vage bleiben auch zwei umsatzstarke technische Betriebe: Dormakaba, bekannt für die Kaba-Schlüssel, bezahlt nach eigenen Angaben nur den kleinsten Teil von insgesamt 77 Millionen Steuern im Kanton Zürich. Beim Hörgerätehersteller Sonova könnte es ein etwas grösserer Anteil von insgesamt 76 Millionen sein. Dieser betont zumindest, dass er einen Grossteil seiner Aktivitäten und Vermögenswerte in der Schweiz habe und seine Gewinne nicht in andere Steuerparadiese transferiere.

Keinerlei nähere Angaben macht dagegen der wenig bekannte Handelskonzern DKSH, dessen Steueraufwand insgesamt ebenfalls über 70 Millionen liegt. Zum Steueranteil im Kanton Zürich schweigen auch: die Privatklinikgruppe Hirslanden mit insgesamt 63 Millionen, Backwaren-Konzern Aryzta, bekannt für die Hiestand-Gipfeli, mit 37 Millionen und der Flugzeug-Caterer Gate­group mit 30 Millionen. Steuern im tieferen zweistelligen Millionenbereich zahlen im Kanton Zürich die Börsenbetreiberin SIXund die Telecomfirma Sunrise mit zuletzt um die 20 Millionen und die Migros-Bank mit etwa 13 Millionen. Der Baukonzern ­Implenia, der Automobilhändler Amag und die Bankengruppe EFG wiederum weisen in ihren Geschäftsberichten nur Steuern im tiefen einstelligen Millionenbereich oder sogar darunter aus.

Die grossen Unbekannten

Schwierig zu fassen, sind die Schweizer Ableger internationaler Tech-Giganten. So gut wie gar nichts weiss man von Google, für das Zürich immerhin der zweitwichtigste Sitz mit um die 3000 Mitarbeitern geworden ist. Die Firma hat sogar ihre Steuerdaten sperren lassen. So weit geht Apple Schweiz nicht. Deshalb weiss man immerhin: Auf jenen Gewinn, den sie vor zwei Jahren auswies, wären in Zürich im Prinzip 2,5 Millionen fällig.

Auch wenn alle Firmen punkto Steuern transparent wären, liesse sich kaum abschätzen, wie stark sie entlastet werden, wenn die Reform angenommen wird. Denn diese umfasst nebst der Reduktion des Gewinnsteuersatzes eine Reihe von Sonderrabatten, etwa für Forschung und Entwicklung oder Patente. Inwiefern die grossen Steuerzahler, vom Rückversicherer über den Schoggihersteller zum Stellenvermittler, diese für sich in Anspruch nehmen werden – das ist jene Millionenfrage, über die man sich zurzeit auch auf den Zürcher Steuer­ämtern den Kopf zerbricht.

Erstellt: 26.08.2019, 09:03 Uhr

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