Die verschwundene Fähre vom Rhein

Der Weiler Nohl ist nur noch durch einen Fussgängersteg über den Rhein mit dem Rest des Kantons Zürich verbunden.

Die Fussgängerbrücke, die Nohl mit dem Kanton Zürich verbindet, existiert erst seit 1956. Davor verkehrte hier eine Drahtseilfähre. Foto: Dominique Meienberg

Die Fussgängerbrücke, die Nohl mit dem Kanton Zürich verbindet, existiert erst seit 1956. Davor verkehrte hier eine Drahtseilfähre. Foto: Dominique Meienberg

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Der Sonderfall liegt wenige Hundert Meter hinter dem Touristenmagnet Rheinfall. Dort, auf einer schmalen Terrasse über dem rechten Rheinufer, thronen die Häuser von Nohl. Das malerische Dörfchen mit rund 140 Einwohnern ist ein geografisches Unikum: Zwar liegt Nohl auf der Schaffhauser Seite des Rheins, doch es gehört zum Kanton Zürich, genauer zu Laufen-Uhwiesen. Mit dem übrigen Gebiet dieser Gemeinde und mit dem Kanton Zürich ist der Ort allerdings nur mit einem schmalen Fussgänger- und Velosteg verbunden. Mit dem Auto ist die Zürcher Exklave jenseits des Rheins nur von Neuhausen SH her oder über deutsches Gebiet erreichbar.

Der Stadtstaat Zürich erwarb die hohe Gerichtsbarkeit über Nohl im Jahr 1651 von der Landgrafschaft Klettgau. Von da an gehörte der Ort zum Amt Uh­wiesen und ist bis heute Teil von Laufen-Uhwiesen.

Trotz der Abgeschiedenheit von der Heimatgemeinde: Isoliert fühle man sich in Nohl nicht, sagt Peter Nohl, der tatsächlich so heisst und seit Jahrzehnten im Weiler wohnt. Für viele gelte der Spruch eines ehemaligen Gemeinderats: «Politisch gehören wir zum Kanton Zürich, wirtschaftlich sind wir nach Schaffhausen orientiert, und im Herzen sind wir Nöhlemer.»

Rund 30 Fahrten pro Tag

Allerdings hat sich die Ausrichtung des Dorfes in den letzten Jahren verändert. Waren früher die grossen Industriefirmen Georg Fischer und SIG in Neuhausen die Hauptarbeitgeber, pendeln heute immer mehr Bewohner Richtung Winterthur und Zürich. Eingekauft wird dagegen in Schaffhausen – und im nahen Deutschland. Der Steg als Verbindung mit dem Kanton Zürich existiert erst seit 1956. Bis dahin war Nohl einzig mit einer Drahtseil-Fähre mit dem übrigen Gemeindeteil verbunden. In der Uhwieser Chronik heisst es: «Von 1895 bis 1956 stellte eine Drahtseilfähre die Verbindung zwischen dem Nohl und dem linken Rheinufer bei Dachsen her. Eine solche ist noch heute bei Ellikon am Rhein in Betrieb.»

Die Fähre hatte für Nohl eine grosse Bedeutung, war sie doch der kürzeste Weg zur Kirche Laufen, zum Dorf Uhwiesen und zur Bahnstation Dachsen. Im Sommer benützten sie aber auch Spaziergänger und Badegäste.

Jährlich zählte die Fähre 10'000 bis 12'000 Fahrten, was einem Tagesdurchschnitt von rund 30 Fahrten entsprach. Im Sommerhalbjahr war sie von 5 bis 21 Uhr in Betrieb, im Winterhalbjahr von 7 bis 19 Uhr.

Die Totenfähre brachte den Sarg über den Rhein. Foto: PD

Von den beiden Landestellen aus konnte der Fährmann mit einem elektrischen Läutwerk gerufen werden. Die Fahrtaxe betrug seit den 1920er-Jahren für eine einfache Fahrt 20 Rappen und 30 Rappen für eine Hin- und Rückfahrt. Bewohner von Nohl fuhren zu einem vergünstigten Tarif, aber nicht gratis, was mehrmals zu Diskussionen führte.

Mit der Fähre verbindet sich auch ein spezieller Beerdigungsbrauch, über den die NZZ vor einigen Jahren berichtete. Die Bewohner brachten bis Mitte des 20. Jahrhunderts ihre Täuflinge und Verstorbenen mit dem Schiff über den Rhein in die Kirche oder auf den Friedhof in Laufen am Rheinfall. «Der Eindruck, der von dieser Leichenfahrt ausgeht, ist unauslöschlich. Es ist ergreifend und beruhigend, dass ein so ­alter Brauch vom Volke eines kleinen Ortes, trotz der Verlockung, es sich bequemer machen zu können, mit Liebe und Besonnenheit hochgehalten wird», hiess es 1954 in einer Reportage der NZZ.

Kraftwerk bedeutete das Aus

Heute existiert sowohl der Totenbrauch als auch die Fähre nicht mehr. Der Bau des Stauwehres bei Rheinau bedeutete Mitte der 50er-Jahre das Ende der Schiffsverbindung, wie Peter Nohl erklärt. Der Aufstau des Rheins hatte zur Folge, dass die Strömung vor allem im Winter für den Betrieb der Drahtseilfähre nicht mehr ausreichte. Am Nohler Ufer zeugt heute einzig noch eine Betontreppe von der früheren Schiffsverbindung. Am Bau des Fussgängerstegs musste sich auch das Kraftwerk Rheinau finanziell beteiligen. «Eine Hochbrücke war zu teuer», sagt Peter Nohl. «Aber schon damals wollte die hiesige Behörde den drohenden Touristenverkehr nicht durch das enge Dorf zwängen, worüber heute alle Bewohner froh sind.» Es reiche schon, wenn viele Rheinfalltouristen mit den Autos durchs Dorf fahren und vergeblich nach «Gratis-Parkplätzen» Ausschau halten. Ohnehin habe Nohl unter viel Durchgangsverkehr zu leiden, die Strasse werde als Schleichweg oder Umfahrung benutzt.

Taxiservice für Senioren

Die spezielle Lage hat Auswirkungen auf den Alltag der Einwohnerinnen und Einwohner. Kindergärtler und Primarschüler müssen seit der Schliessung der eigenen Primarschule 1974 über den Rhein nach Dachsen zur Schule, die Oberstufe befindet sich seit je in Uhwiesen. Das Trinkwasser kommt aus Neuhausen, mit dem es auch eine Vereinbarung für die Kehrichtabfuhr, die Strassenreinigung und den Winterdienst gibt. Das Abwasser wird in die gemeinsame ARA Dachsen-Uhwiesen gepumpt, und bei einem Brand würde die Feuerwehr Kohlfirst ausrücken.

Einen ÖV-Anschluss gibt es in Nohl nicht. Die beiden Bahnhöfe Dachsen (Linie Winterthur) und Neuhausen Rheinfall (Linie Zürich) sind zu Fuss in rund 15 Minuten erreichbar. Die Gemeinde hat ein Abkommen mit einem Taxiunternehmen, dank dem Bewohner für 5 Franken mit dem Taxi zum Bahnhof Neuhausen fahren können. Eine Dienstleistung, die laut Peter Nohl vor allem ältere Menschen schätzen.

Erstellt: 24.07.2019, 22:33 Uhr

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