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Die wichtigste Nummer, wenns zwickt

0800 33 66 55 – zehn Zahlen, die es sich zu merken gilt. Wer kein lebensbedrohliches medizinisches Problem hat, wird unter der Nummer seit einem Jahr kostenlos beraten.

Ärztepräsident Josef Widler (hier in seiner Praxis) hatte die Gemeinden einst gegen sich aufgebracht, weil er von ihnen für jeden Einwohner einen Beitrag von 10 Franken für den ärztlichen Notfalltelefondienst verlangt hatte. Foto: Urs Jaudas
Ärztepräsident Josef Widler (hier in seiner Praxis) hatte die Gemeinden einst gegen sich aufgebracht, weil er von ihnen für jeden Einwohner einen Beitrag von 10 Franken für den ärztlichen Notfalltelefondienst verlangt hatte. Foto: Urs Jaudas

Es ist elf Uhr morgens, am Telefon meldet sich ein Mann aus dem Zürcher Oberland, der seit einem Tag Rückenschmerzen hat. «Haben Sie eine falsche Bewegung gemacht?», fragt die Mitarbeiterin des Aerztefons. Der Mann bejaht. «Haben Sie schon ein Schmerzmittel genommen?» Auch diese Frage beantwortet er mit Ja. Andere Medikamente nimmt der Mann nicht, er leidet also nicht unter weiteren Krankheiten. Die Frau, die früher als medizinische Praxisassistentin gearbeitet hat, schätzt die Situation als nicht dramatisch ein und stellt den Patienten zur diensthabenden Ärztin in seiner Wohnregion durch. Der Mann erhält noch gleichentags einen Termin.

Der Fall ist exemplarisch für die beim Aerztefoneingehenden Anrufe. 120’000 Leute haben letztes Jahr die Nummer 0800 33 66 55 gewählt, weil sie bei einem medizinischen Problem unsicher waren. Häufig sind Rückenschmerzen, Fieber bei Kindern, Zeckenbisse, Zahnschmerzen oder Fragen zu Medikamenten. Laut Betriebsleiter Robert Frey rufen auch oft Menschen mit suizidalen Gedanken an. Diese können die Mitarbeiter des Aerztefons rasch an einen Psychiater oder eine Psychiaterin vermitteln.

Zwischen allen vermitteln

Das Aerztefon ist eine Triagestelle, die von der öffentlichen Hand finanziert wird. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Telefon entscheiden aufgrund eines kurzen Gesprächs, an wen sie die Hilfesuchenden weiterleiten: an einen Hausarzt, eine Fachärztin, eine Apotheke. Kann sich die Person kaum mehr bewegen, schicken sie einen Notfallarzt zu ihr nach Hause. Oder sie bestellen einen Rettungswagen, wenn das gesundheitliche Problem lebensbedrohlich erscheint – das Aerztefon hat eine Schnelldurchwahl auf die Nummer 144.

33 Personen arbeiten beim Aerztefon an der Binzmühlestrasse in Oerlikon am Kundentelefon, tagsüber jeweils vier bis sechs und nachts zwei. Alle Mitarbeitenden sind medizinisch ausgebildet, etwa als Pflegefachleute, Pharmaassistentinnen oder medizinische Praxisassistentinnen. Sind die Aerztefon-Mitarbeitenden in einem Fall unsicher, können sie eine Ärztin oder einen Arzt beiziehen. Den ärztlichen Rückhaltedienst an 365 Tagen rund um die Uhr leisten sieben Mediziner in Teilzeitanstellung.

Viele Gründe für das Zwicken im Rücken

Gerade bei Rückenschmerzen ist es wichtig, aber oft nicht einfach, am Telefon zu beurteilen, wie schlimm die Lage ist. «Man muss auf die Atmung hören, muss die Kreislaufsituation und den Bewusstseinszustand einschätzen», sagt Betriebsleiter Frey, der viele Jahre als Rettungssanitäter gearbeitet hat. Es könnte ein Riss in der Bauchaorta sein, was akut lebensbedrohlich ist. Aber auch ein Herzinfarkt kann Schmerzen im Rücken auslösen. In diesen Fällen braucht es rasch einen Rettungswagen. Bei einem Hexenschuss hingegen genügt eine Spritze des Notfallarztes.

Für die Hausbesuche hat das Aerztefon Verträge mit den SOS-Ärzten und dem Verein Notfallärzte Zürich abgeschlossen. Diese arbeiten auf eigene Rechnung. Ihre Leute rücken Tag und Nacht aus. Die frei praktizierenden Ärzte werden dadurch entlastet. Sie müssen ihre Praxis nicht mehr für Notfälle verlassen, derweil sich im Wartezimmer die Patienten stauen.

Eine Nummer für alles

Die Nummer 0800 33 66 55 ist seit Anfang 2018 in Betrieb und gilt für den ganzen Kanton Zürich. Vorher gab es 32 verschiedene Telefonnummern für den ärztlichen Notfalldienst. In der Stadt Zürich und im Limmattal zum Beispiel die 421 21 21, die noch heute an vielen Kühlschränken klebt und heute zum neuen kantonalen Aerztefon umgeleitet wird. Das Aerztefon wird von der AGZ Support AG, einer Tochterfirma der Ärztegesellschaft des Kantons Zürich, betrieben.

Die Bestrebungen, eine einheitliche Lösung für den ganzen Kanton zu finden, gehen zehn Jahre zurück. Damals zeichnete sich eine Entwicklung ab, die sich inzwischen akzentuiert hat: Die Ärztegeneration der Babyboomer kommt ins Pensionsalter, und den jederzeit einsatzbereiten Hausarzt gibt es kaum noch. Durch die Feminisierung des Berufs hat der Anteil der Teilzeitarbeitenden stark zugenommen. Die jungen Ärztinnen wie auch die jungen Ärzte wollen möglichst geregelte Arbeitszeiten. Mit der neuen Organisation müssen sie zwar weiterhin Notfalldienst leisten, aber nur in ihrer Praxis und nur von 7 bis 22 Uhr.

Knapp 5 Franken pro Einwohner

Dass die Lösung zustande kam, ist wesentlich dem früheren Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP) zu verdanken. Er hat sich dafür eingesetzt, dass auch der Kanton einen Beitrag an die Triagestelle zahlt. Ärztepräsident Josef Widler hatte die Gemeinden gegen sich aufgebracht, als er von ihnen 10 Franken pro Einwohner verlangte, ansonsten der ärztliche Notfalldienst nicht mehr garantiert sei. Heiniger vermittelte, heute bezahlen Gemeinden und Kanton je hälftig 4.80 Franken pro Einwohner.

Jörg Kündig, Präsident des Gemeindepräsidentenverbandes, ist zufrieden mit dem Resultat und der bisherigen Arbeit des Aerztefons:«Die Triagestelle ist eine gute Sache, und die Kosten sind dank eines abgestuften Preismodells angemessen.» Für 2018 hat die AGZ Support AG 6,2 Millionen öffentliche Gelder erhalten. Wie hoch der Beitrag fürs laufende Jahr sein wird, hängt von den Anrufzahlen ab. Laut Auskunft der Gesundheitsdirektion, inzwischen von Natalie Rickli (SVP) geleitet, beträgt die Entschädigung bei 120’000 Anrufen künftig maximal 5,7 Millionen.

Langsame Entlastung

Das Aerztefon will die Zahlen steigern und hat deshalb eine grosse Werbekampagne gestartet. Bei einer Kantonsbevölkerung von 1,5 Millionen seien 160’000 bis 170’000 Anrufe pro Jahr realistisch, schätzt Betriebsleiter Robert Frey. Aus seiner Zeit bei Schutz und Rettung weiss er, dass sich die Menschen je nach Wohnregion unterschiedlich verhalten. Salopp formuliert: Jemand aus der Stadt ruft an, weil er den Finger eingeklemmt hat, jemand aus dem Tösstal, wenn er den Arm gebrochen hat. Zur allgemeinen Unsicherheit trägt laut Frey bei, dass immer mehr Leute allein leben und viele ihr Wissen von Dr. Google beziehen – «und der dramatisiert».

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Viele Menschen, die beim Aerztefon anrufen, seien unsicher, ob sie ins Spital gehen sollen, sagt Frey. «Wenn wir sie dann an den Hausarzt verweisen, spart dies einen Spitalnotfall.» In den Notfallstationen der Spitäler ist dieser Effekt allerdings bisher nicht spürbar, wie eine kleine Umfrage des TA ergab. Das Kantonsspital Winterthur stellt immerhin fest, dass die telefonischen Anfragen merklich zurückgingen. Und das sei «eine grosse Entlastung».

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