Die Wien-Connection der Winterthurer Islamisten

Schweizer Syrien-Reisende pflegten Kontakte zu einem IS-Rekrutierer aus Österreich, der zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

In der Winterthurer An’Nur-Moschee verkehrten der verhaftete S. V. und weitere Syrien-Reisende. Foto: Doris Fanconi

In der Winterthurer An’Nur-Moschee verkehrten der verhaftete S. V. und weitere Syrien-Reisende. Foto: Doris Fanconi

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Geplant war ein islamistisches Happening der besonderen Art. Ort: Winterthur, Hotel Töss. Zeit: 28. September 2013, 13 Uhr. Angekündigt war Prominenz aus der deutschsprachigen Salafistenszene, so Abou Nagie, Gründer der umstrittenen Koran-Verteilungaktion «Lies!», und die beiden berühmt-berüchtigten Prediger Izzuddin und Ebu Tejma. Die Kantonspolizei Zürich prüfte Einreiseverbote, und es blieb damals unklar, wer schliesslich beim geschlossenen Anlass im Hotel Töss auftrat.

Doch war die «Benefizveranstaltung» für Syrien harmlos? Oder bildete sich dort ein Netzwerk heraus, über das schon bald Männer, Frauen und Jugendliche zum Islamischen Staat reisten? Als Erste hatte es eine Konstanzer Gymnasiastin kurz nach ihrer Teilnahme an der Veranstaltung in Winterthur-Töss nach Syrien gezogen. Mindestens ein halbes Dutzend Winterthurer wählten einen ähnlichen Weg. Die meisten kamen zum IS, die meisten kamen um.

Auch deshalb interessiert sich heute, drei Jahre später, die Bundesanwaltschaft brennend für die beschriebene Zusammenkunft und die Folgen. Einer der damaligen Mitorganisatoren sitzt im Regionalgefängnis Burgdorf BE in Untersuchungshaft. Und Prediger Ebu Tejma, auf einem Flyer als Redner in Töss angekündigt, ist im Juli 2016 in Österreich zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt worden.

Schweizer trainierten in Wien

In der Schweiz und in Österreich drehen sich die Ermittlungen um IS-Unterstützung. In beiden Ländern ist die austro-helvetische Salafisten-Connection zur Sprache gekommen, als Teil eines grösseren Netzwerks, das von Deutschland bis in die Kriege im Irak und in Syrien reicht. Johannes Saal, der sich als Jihadforscher an der Universität Luzern intensiv mit den Verbindungen auseinandersetzt, ordnet Ebu Tejma eine Schlüsselrolle zu: «Er hatte nicht nur Einfluss auf Jihadisten in Österreich, sondern auch auf dem Balkan und im ganzen deutschsprachigen Raum, insbesondere der Schweiz und Süddeutschland.»

Beim Prozess gegen Ebu Tejma, bürgerlich Mirsad Omerovic, in Graz hat ein Vertreter des österreichischen Verfassungsschutzes ausgesagt – allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Daraufhin hielt das Gericht dem Angeklagten seine Kontakte zu Glaubensbrüdern aus Winterthur vor – insbesondere zu Thaibox-Weltmeister Valdet Gashi und zu S. V., der seit einem Dreivierteljahr in Burgdorf hinter Gittern sitzt.

Kampfsportschule nach islamischer Art

Die beiden gelten als Initianten der Winterthurer Kampfsportschule MMA Sunna. Dort trainierten auch junge Männer, die später nach Syrien zogen – und das in einer angeblich islamischen Art – keine Frauen, keine Musik, keine Flüche. Einer von ihnen war Gashi selber, der wohl als IS-Kämpfer starb.

Bereits zuvor, Ende 2013, hatte sich S. V. in Syrien aufgehalten. Er posierte dort in Kampfmontur, schwer bewaffnet. Aber nach kurzer Zeit kehrte er nach Winterthur zurück. Dargestellt wird er in den Medien als «Islamisten-Leitwolf», was er bestreitet zu sein. S. V. beteuert, bei seinem Syrien-Aufenthalt sei es um humanitäre Hilfe gegangen. Die Reise in die Wege geleitet habe Prediger Izzuddin, der beim islamistischen Happening von 2013 in Winterthur-Töss vor Ort war.

Kontakte zuerst abgestritten, dann zugegeben

Die Ermittler nehmen S. V. einiges nicht ab. Sie sehen in ihm eher ein Winterthurer Pendant zu Ebu Tejma, der als IS-Rekrutierer verurteilt wurde. Vor Gericht hatte der Prediger zuerst Winterthurer Kontakte abgestritten. Später gab er zu, er sei in der Schweiz gewesen. Auch hätten ihn Valdet Gashi und S. V. in Wien besucht – wegen einer Koran-Übersetzung. Bei dieser Gelegenheit habe man zusammen trainiert.

Gemeinsamkeiten bestehen über die Freude am Kampfsport und am Salafismus hinaus: Elternteile von S. V. und Ebu Tejma sind Bosniaken aus Serbien. Beide unterhielten Kontakte zum bosnischen Prediger Bilal Bosnic. Bosnic ist vergangenes Jahr in Bosnien-Herzegowina wegen Aufrufs zu Gewalt und IS-Rekrutierungen zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden.

Erstellt: 09.11.2016, 23:53 Uhr

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