Die Zürcher Chaosbaustelle

Die Bauriesen Halter und Steiner haben sich in Wallisellen zerstritten. Für sie geht es um Millionen – für andere um die Existenz.

Zwei der vier Wohntürme des Waldhauses Neuguet stehen noch immer leer. Foto: Andrea Zahler

Zwei der vier Wohntürme des Waldhauses Neuguet stehen noch immer leer. Foto: Andrea Zahler

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Auf der Baustelle des Waldhauses Neuguet in Wallisellen ist vieles schiefgelaufen. So viel, dass selbst erfahrene Bauarbeiter sagen, sie hätten «so etwas noch nie erlebt». Die markanten Hochhäuser hätten der neuen Siedlung auf dem Zwicky-Areal ein Gesicht geben sollen. Vorerst zeigt das Projekt aber vor allem, wozu Kostendruck und der Konkurrenzkampf zwischen grossen Bauunternehmen führen.

Sieben Handwerksfirmen mit 20 bis 230 Mitarbeitern, die dem «Tages-Anzeiger» Auskunft gegeben haben, sind in ihrer Existenz bedroht, weil sie für ihre Arbeit auf der Baustelle noch kein Geld erhalten haben. Sie warten auf Beträge zwischen 300'000 und 800'000 Franken. So grosse Ausfälle können sie sich nicht erlauben. Insgesamt dürften – konservativ geschätzt – noch Zahlungen von über 10 Millionen Franken bei mehreren Dutzend Firmen offen sein.

Bauarbeiter, die auf der Baustelle tätig waren, erzählen von Arbeitern, die mit Werkzeug und Material Treppen bis in den 14. Stock hochsteigen mussten, weil die Lifte nicht funktionierten. Sie erwähnen einen Stromschacht, der nicht eingeplant war, oder Bauaufzüge, die zu früh abgebaut wurden. Sie berichten von Decken, die mehrmals gemacht wurden, weil zu viele Bauarbeiten gleichzeitig liefen und dabei einzelne Elemente beschädigt wurden. Bei einem Sturm entfernte sich ein Baugerüst von der Hauswand und drohte zu kippen.

Zerwürfnis der Bauriesen

Verantwortlich für den Bau sind keine Unerfahrenen, sondern zwei der grössten Schweizer Bauunternehmen. Die Halter AG entwickelte das Gebiet und erteilte der Steiner AG den Auftrag, das Waldhaus Neuguet als Totalunternehmerin zu bauen. Die beiden Firmen stehen wegen des Bauprojekts in einer heftigen Auseinandersetzung.

Handwerksfirmen trifft es hart: Sie haben kaum Mittel, gegen die übermächtige Baufirmen vorzugehen. (24. Juli 2019) Foto: Andrea Zahler

«Organisation, Koordination und Überwachung der Bauarbeiten durch die Steiner AG entsprechen weder unseren vertraglichen Vereinbarungen noch einem branchenüblichen Standard», sagt Ede Andràskay, Geschäftsführer bei Halter im Bereich Entwicklung. Er wirft Steiner «Missmanagement» vor und sagt: «Wir werden nie wieder mit ihnen zusammenarbeiten.»

Steiner weist die Vorwürfe «vehement» zurück und kontert, Halter habe ihr das Projekt nicht im vertraglich vereinbarten Planungsstand und mit «Planungsfehlern» übergeben. Diese hätten zu Verzögerungen geführt, weil nachträgliche Anpassungen vorgenommen werden mussten, sagt Steiner-Sprecher Andreas Gurtner. Halter hingegen sieht diese Änderungen als normalen Prozess, das gehöre zur Aufgabe einer Totalunternehmerin: «Sie muss die Planung in einen ausführungsreifen Status bringen», sagt Andràskay. Dies habe die W. Schmid AG auf der gegenüberliegenden Seite des Areals «vorbildlich» gemacht. Dort entwickelte Halter zur gleichen Zeit das Bauprojekt Zwicky-Zentrum. Das Projekt wurde im März abgeschlossen.

Damals hätte auch das Waldhaus Neuguet fertig sein müssen, doch dort laufen die Arbeiten nach wie vor. Steiner rechnet damit, dass der letzte von vier Blöcken bis Mitte August fertiggestellt wird.

Hoher Wettbewerbsdruck

Die Baustelle zeigt, was bei dem grossen Kostendruck geschehen kann, der in der Baubranche herrscht. Der Geschäftsführer der grössten Schweizer Immobilien-AG Swiss Prime Site, René Zahnd, spricht in der Zeitung «Hoch­parterre» von «Rabattschlachten» zwischen den Totalunternehmern und einem «fragwürdigen Business». Den hohen Kosten- und Wettbewerbsdruck in der Baubranche bestätigt auch Steiner. Dies könne dazu führen, dass der Vergabeprozess an die Subunternehmen teilweise mehr Zeit benötige, bis der geeignetste Partner gefunden und beauftragt sei.

Totalunternehmer offerieren in der Regel einen Pauschalpreis. Bauen sie günstiger, streichen sie das Geld als Gewinn ein. Zudem erhalten sie ein Honorar im tiefen einstelligen Prozentbereich der Bausumme. Damit sie den Auftrag des Bauherrn erhalten, kalkulieren Totalunternehmer knapp und hoffen, Handwerksfirmen zu finden, welche die Arbeit günstig erledigen. Diese Suche kann den Bau verzögern. Geht noch etwas schief oder ­wurde schlecht geplant, summiert sich dies. Die gesamte Planung gerät durcheinander.

Grosse Baufirmen wie Steiner oder Halter können es verkraften, wenn ihre Rechnung bei einem Bauprojekt wie beim Waldhaus Neuguet nicht aufgeht. Steiner erzielt einen Jahresumsatz von 830 Millionen Franken und ist seit 2010 Teil der ­indischen Hindustan Construction Company. Im Mai bezifferte sie ihren Auftragsbestand auf 1,3 Milliarden Franken. Die Halter AG ist ein Familienunternehmen und gibt keine konkreten Zahlen bekannt. Ihr Jahresumsatz wird auf rund 600 Millionen Franken geschätzt.

Die Kleinen leiden

Die Leidtragenden bei solchen Bauprojekten sind die Eigentümer, die zu spät in ihre Wohn­objekte einziehen können oder unter Baumängeln leiden. Auch die kleinen Handwerksfirmen trifft es hart. Sie haben kaum Mittel, gegen die übermächtigen Baufirmen vorzugehen. Drohen sie mit Betreibungen, sitzen sie am Verhandlungstisch gut bezahlten Anwälten gegenüber. Diese geben ihnen zu verstehen, dass sie bei einem Rechtsstreit nur noch mehr Geld verlieren. Zudem sind die kleinen Firmen angewiesen auf weitere Auf­träge bei grossen Projekten. Und diese werden von General- oder ­Totalunternehmen durchgeführt, von denen es in der Schweiz nur wenige gibt.

Diese Macht ist auch Totalunternehmerinnen wie Steiner bewusst. Droht eine Handwerksfirma mit einer Betreibung, wird ihr klargemacht, dass sie nicht mit weiteren Aufträgen rechnen kann.

Erstellt: 29.07.2019, 06:21 Uhr

Wohnen auf der Baustelle

Vergangene Woche standen rund um das Waldhaus Neuguet Autos von Handwerkern und solche von Umzugsfirmen. Die einen bauen den 14-stöckigen Bau mit den vier Wohntürmen fertig oder beheben Baumängel, die anderen zügeln die Möbel der Eigentümer, die sich in einem der beiden freigegebenen Wohntürmen eine Wohnung gekauft haben. Andere Eigentümer warten seit Monaten darauf, dass sie einziehen können. Rund 30 von ihnen sind momentan auf Kosten des Bauherren, der Halter AG, in möblierten Wohnungen untergebracht.

Das Waldhaus Neuguet ist die bisher letzte Bauettappe eines neuen Quartiers auf dem rund 240'000 Quadratmeter grossen Zwicky-Areal, das in Wallisellen an der Grenze zu Dübendorf liegt. Das Gebiet liegt zwischen der A1 und der Überlandstrasse und wird von einem S-Bahn-Viadukt durchschnitten. Zwicky war eine Zwirnerei und Färberei. Um ihr Fabrikgebäude herum entstanden in den vergangenen Jahren Neubauten mit Hunderten von Wohnungen und Gewerberaum.

Das Waldhaus Neuguet von Ramser Schmid Architekten mit seiner geschwungenen Form ist der markanteste Neubau. Die vier unteren Sockelgeschosse hat im vergangenen Mai die österreichische Business-Hotelkette Harry’s Home bezogen. Die Hotelgäste frühstückten damals noch mitten auf einer Baustelle, denn die vier Wohntürme mit den 100 Eigentumswohnungen, die sich über dem Hotel erheben, sind bis heute nicht fertig gebaut. Das gesamte Haus steht auf unterirdischen Metallfedern, welche die Vibrationen der Züge abdämpfen, die auf dem Bahnviadukt direkt daneben vorbeirauschen.

Eigentlich hätte der Bau mit einer Bausumme von 70 Millionen Franken bis Frühling 2019 fertig werden müssen. Doch schon bald verzögerten sich die Arbeiten wegen diversen Planungsschwierigkeiten. Zuletzt kamen noch Probleme mit Rauchschutzdruckanlagen dazu, wie auch schon der «Anzeiger von Wallisellen» berichtete. Die Anlagen führen bei einem Brand Frischluft ins Treppenhaus und drücken so den Rauch weg. Bisher hat die Gebäuderversicherung Zürich zwei von vier Rauchschutzdruckanlagen abgenommen, mindestens eine davon musste neu gebaut werden. Sie war zu klein eingeplant worden.

Die Anlage ist nicht das einzige was an dem Bau noch fertiggestellt werden muss. Auch beim Hotel ragen noch Stromkabel aus den Aussenwänden, es fehlen Lampen. In Hotelzimmern müssen noch immer Baumängel behoben werden. Und während sich auf den einen Balkonen bereits Eigentümer sonnen, bohren auf anderen Bauarbeiter. (zac)

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Der «Tages-Anzeiger» hat mit einem Dutzend Bauarbeitern und Geschäftsführerinnen von Handwerksfirmen gesprochen. Einzelne wären bereit gewesen, mit vollem Namen über die Baustelle zu sprechen, doch der TA hat sich entschieden, sie alle zu anonymisieren. Zu gross wäre das Risiko, dass sie von grossen Playern keine Aufträge mehr erhalten. (zac)

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