Die Zürcher Katholiken haben Besseres verdient

Mit dem neuen Administrator Pierre Bürcher wird der Weg bereitet für einen Bischof wie ihn: unbekannt, freundlich und stramm konservativ.

Der Churer Hof mit der Kirche St. Maria Himmelfahrt (r.) und dem Bischöflichen Schloss dahinter. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Der Churer Hof mit der Kirche St. Maria Himmelfahrt (r.) und dem Bischöflichen Schloss dahinter. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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Kommentatoren schätzen die Ernennung von Pierre Bürcher zum Apostolischen Administrator des Bistums Chur unterschiedlich ein. Spontan glaubten Basiskatholiken, der Papst mache einen Schritt auf sie zu. Tatsächlich dürfte Franziskus die Notlage im Bistum erkannt und die Notbremse gezogen haben. Doch Bürcher ist kein Mann der Basis, im Gegenteil: ein hierarchietreuer Kleriker, ganz so wie die bisherigen Bischöfe von Chur, die auch für die Zürcher Katholiken zuständig sind.

2004 musste Bürcher im Konflikt mit der demokratischen Waadtländer Kantonalkirche abrupt seinen Dienst in Lausanne quittieren. Hätte sich Franziskus jetzt für den weltoffenen Kapuziner Mauro Jöhri entschieden – die Basis könnte jubilieren. Vielleicht hat der Papst Bürcher bevorzugt, weil dieser als Bischof mehr Autorität hat als Ordensmann Jöhri.

Vorarbeit zur Bischofswahl

Die Unsicherheit rührt auch daher, dass man Bürcher hierzulande nicht kennt: Er wirkte in der Romandie, und dies nur als Weihbischof. Eigentlicher Bischof war er in Reykjavik. Die isländische Hauptstadt steht nicht gerade im Brennpunkt der katholischen Öffentlichkeit. Wie er sich diesen Posten im Abseits verdient hat, wissen nur Insider.

Bürcher betont, er sei nicht zuständig für die Neubesetzung des Bischofsstuhls. Aber er leistet Vorarbeit dazu. Er muss herausfinden, wie es um die Diözese Chur bestellt ist: Sind die demokratischen Kantonalkirchen wirklich eigenmächtige Verwalter kirchlicher Steuergelder? Ja, das sind sie. Fühlen sich Laientheologen und -theologinnen befugt, kleine Kinder zu taufen, Sterbende zu salben und in der Messe zu predigen? Ja, das tun sie. Dann also braucht das Bistum die Zügel eines strengen Bischofs? Ja, das braucht es – jedenfalls aus der Sicht Roms, das Abweichler auf den Pfad der Universalkirche zurückholt.

Das ist ja die Tragik des Bistums, dass seine Hirten nicht die Gläubigen repräsentieren, sondern eine diesen fremde Welt.

Man kann sich einfach nicht vorstellen, dass Chur in ein paar Monaten einen fortschrittlichen Bischof haben wird. Die das in der Hand haben, sind stramm konservativ: Nuntius Thomas Gullickson in Bern, Bischofspräfekt Marc Ouellet in Rom und notabene Pierre Bürcher. Der Einzige, dem man Flexibilität zutraut, ist Papst Franziskus. Er aber wird auf die drei anderen hören müssen. Dabei ist es durchaus möglich, dass Rom zu guter Letzt keinen Hardliner wie Generalvikar Martin Grichting auf die Bischofsliste setzt. Wohl eher einen wie Bürcher – einen unbekannten, freundlichen Konservativen. Diesen Typus verkörpern der häufig genannte Weihbischof Alain de Raemy oder auch der Huonder nahestehende Pfarrer von Unteriberg, Roland Graf. Brückenbauer sind auch sie nicht. Das ist ja die Tragik des Bistums, dass seine Hirten nicht die Gläubigen repräsentieren, sondern eine diesen fremde Welt.

Den Churer Hof bevölkern Monsignori in Samt und Seide, Exorzisten oder Propagandisten der natürlichen Familienplanung. Die Churer Bistumsleitung selber ist ein Sammelbecken für kirchliche «Randexistenzen», von denen manche ein Bein im Sumpf der Häresie haben. Huonder wohnt jetzt bei den suspendierten Piusbrüdern. Weihbischof Marian Eleganti gehörte lange zu einer kirchlich verbotenen marianischen Familie und lebt heute im Dietiker Exil. Bürcher kehrte vor kurzem krank aus der Kälte Islands zurück. Dabei würden das Bistum Chur und alle darin vereinigten Katholiken endlich einen Bischof aus der Mitte der Kirche und aus der Mitte des Lebens verdienen.

Erstellt: 26.05.2019, 22:26 Uhr

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