Die Zürcher Polizei, Polens Freund und Helfer

Der Zürcher Alt-Nationalrat Roland Wiederkehr hat mit einem schweizerisch-polnischen Austauschprojekt Polens Strassen sicherer gemacht. Und sich einen Orden verdient.

Ein Toter und ein Schwerverletzter in Stettin: Das Auto war in einen Kandelaber geprallt. Foto: Marcin Bielecki (Keystone)

Ein Toter und ein Schwerverletzter in Stettin: Das Auto war in einen Kandelaber geprallt. Foto: Marcin Bielecki (Keystone)

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Der «heilige Zorn» treibt den ehemaligen Nationalrat und WWF-Chef Roland Wiederkehr immer noch an. Der 73-Jährige sagt von sich: «Ich kann nicht tatenlos zusehen, wenn etwas notwendig wäre, aber nicht zum Laufen kommt.» Und was ihn schon seit Jahren umtreibt, sind die Menschen, die im Verkehr schwer verletzt werden oder gar das Leben verlieren. «Es ist nicht in den Köpfen der Regierenden, dass der Verkehr der grösste Killer der eigenen Bevölkerung ist», sagt er.

«1,3 Millionen Tote, über 50 Millionen Schwerverletzte und horrende Kosten jedes Jahr. Die Tendenz ist steigend in den Entwicklungs- und Schwellenländern.» In Polen gab es vor drei Jahren mehr als 4000 Verkehrstote, das war die höchste Zahl im EU-Raum – in Deutschland waren es damals etwas über 3300, in der Schweiz 257.

Unterstützungsbeiträge gegen Verkehrstote

Die Schweiz sprach im Rahmen der Unterstützungsbeiträge für die EU-Oststaaten knapp 500 Millionen Franken für Polen. Damit sollten unter anderem auch Projekte unterstützt werden, welche die Sicherheit erhöhen: Bekämpfung von Terrorismus, Grenzsicherung, Asylzentren standen im Fokus. Wiederkehr fragte bei der Deza (Direktion für Entwicklungszusammenarbeit) an, ob auch etwas zur Reduzierung der jährlich mehr als 4000 Strassentoten getan werden könnte.

Denn der aufkeimende Wohlstand in Polen brachte plötzlich auch viel mehr Autos auf die Strassen – oft waren die Leute in uralten Klapperkisten unterwegs und kaum durch taugliche Gesetze oder tüchtige Polizisten gebremst. «Dass Autos zur Waffe werden können, war in Polen im öffentlichen Bewusstsein kaum präsent», stellt Wiederkehr fest. «Sie bretterten mit 120 durchs Dorf, und es kam ihnen gar nicht in den Sinn, dass dies sie und andere gefährden könnte.»

Polnische Polizisten in Zürich

Zwei Jahre lang wartete Wiederkehr auf die Zusage der Deza, doch dann standen vier Millionen für sein Projekt zur Verfügung: ein Austausch auf vielen Ebenen, zwischen Polizei, Medien, Fahrlehrern, Staatsanwälten und Richtern, NGOs sowie Politikern, um die Bevölkerung für die Gefahren zu sensibilisieren, die vom Fehlverhalten im Verkehr ausgehen. Und zwar nicht von oben herab, sondern auf freundschaftlicher Basis.

Wiederkehr organisierte Experten, Zürich und weitere Kantone stellten Polizeioffiziere frei für ein schweizerisch-polnisches Austauschprogramm. Sie reisten in die polnische Provinz, hielten dort vor einheimischen Polizisten und Entscheidungsträgern Vorträge über Verkehrssicherheit und zeigten auf, wie bei uns gefährliche Strassenabschnitte gesichert und Verkehrsregeln durchgesetzt werden. Sie erzählten von der Verkehrserziehung in den Schulen und was Fahrschülerinnen und Fahrschüler in der Schweiz lernen.

Dabei trafen Kulturen aufeinander. Und entstanden gleichzeitig Freundschaften. Christian Thomas, der als Vertreter des Fussgängervereins Zürich dabei war, sagt: «Das Projekt wurde sehr gut aufgenommen. Wir wurden oft mit grossem Engagement und liebenswürdiger Gastfreundschaft empfangen.»

Polnische Delegation in Rümlang

Die polnischen Polizisten und Fachleute wurden im Gegenzug in die Schweiz eingeladen. Man führte sie unter anderem durch das Schwerverkehrszentrum am Gotthard, wo sie erlebten, wie insbesondere polnische Lastwagenfahrer immer wieder hängen blieben. Und sie wurden durch Zürich geführt und staunten über das Primat der Fussgänger.

Dazu kam ein politischer Austausch unter Parlamentariern beider Länder. Der Zürcher SP-Nationalrat und Präsident von Fussverkehr Schweiz, Thomas Hardegger, ist Mitglied der parlamentarischen Gruppe Schweiz - Polen. Er hat eine polnische Delegation in Rümlang, wo er Gemeindepräsident ist, empfangen. Dort wurde den Polen gezeigt, wie die kommunale Polizei in Sachen Verkehrssicherheit vorgeht. Auch konnten die Schweizer im Sejm, der einen der beiden Kammern der polnischen Nationalversammlung, das Projekt Via sicura präsentieren.

«Bei solchen Aktionen muss man dranbleiben, bis man an die richtigen Leute gelangt», weiss der gewiefte Netzwerker Roland Wiederkehr aus Erfahrung. Tatsächlich war es denn wohl auch eine einzelne Politikerin, die so richtig einhakte: Die Vizepräsidentin des Sejm bat um Einsicht in die Schweizer Verkehrsgesetzgebung. Im Februar 2015 dann befürwortete das polnische Parlament ein Paket von Gesetzesanpassungen nach Schweizer Vorbild, und bereits im Mai desselben Jahres ist das neue Gesetz in Kraft getreten.

Projekt rettet Tausende Leben

Unterdessen sind in Polen die Anforderungen für den Führerausweis vereinheitlicht und geklärt, es werden neuralgische Unfallschwerpunkte mit Schwellen entschärft, es sind neutrale Nachfahrautos und fliegende Geschwindigkeitsmessanlagen unterwegs. «In einem haben sie uns unterdessen sogar überholt», erzählt Wiederkehr: «Eine derart tolle Verkehrserziehungswoche, wie ich sie in einer polnischen Kleinstadt erlebt habe, gibt es in der ganzen Schweiz nicht – das war ein wahres Volksfest.»

Die Zahlen sprechen für sich: Seit dem Start des Projekts ist die Anzahl der Verkehrstoten in Polen von 4200 auf 3000 pro Jahr zurückgegangen. Zudem gibt es viel weniger Schwerverletzte – und riesige Einsparungen bei der öffentlichen Hand. Da die meisten Polinnen und Polen nur schlecht versichert sind, bleiben die Spitalkosten nämlich meist am Staat hängen. Thomas Hardegger macht auf einen wichtigen Punkt aufmerksam: «Da in Polen dieselbe Person die Budgets von Polizei und Gesundheit betreut, ist das Interesse gross, mit Sicherheitsmassnahmen die Gesundheitskosten zu senken.»

Nächstes Ziel: Kroatien

Das Projekt hat mittlerweile weitherum von sich reden gemacht. So verleiht das European Traffic Police Network Tispol, in dem die 28 EU-Staaten plus Norwegen und die Schweiz vertreten sind, Roland Wiederkehr am kommenden Mittwoch in Dublin den Tispol President Award 2016. Die Auszeichnung geht an Personen, die einen substanziellen Beitrag für die Sicherheit auf Europas Strassen geleistet haben.

Doch allzu lange wird sich der Gründer und einstige Präsident von Green und Road Cross Schweiz nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Er sagt: «Das Polen-Projekt lässt sich sehr gut auch auf andere Länder anwenden – zum Beispiel auf Kroatien.» Mit der Deza ist er deshalb schon seit längerem in Kontakt. Und eine parlamentarische Freundschaftsgruppe Schweiz - Kroatien hat er bereits ins Leben gerufen. Mit namhaften Mitgliedern: Neben Thomas Hardegger sind auch die amtierende Nationalratspräsidentin Christa Markwalder (FDP) und mehrere Zürcher Parlamentarier vertreten. Es ist kaum zu bezweifeln, dass Roland Wiederkehr auch da das Notwendige zum Laufen bringt.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.05.2016, 10:01 Uhr

Roland Wiederkehr

Alt-Nationalrat und Road-Cross-Gründer

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