Zum Hauptinhalt springen

So kämpft die Kapo gegen Cybercrime

Früher verschafften sich Bankräuber mit der Pistole Zutritt zur Bank – heute hacken sie Computersysteme: Wie die Zürcher Internetpolizisten digitalisierte Verbrechen auflösen.

Daniel Nussbaumer, Co-Chef der Abteilung Cybercrime der Kantonspolizei. Foto: Urs Jaudas
Daniel Nussbaumer, Co-Chef der Abteilung Cybercrime der Kantonspolizei. Foto: Urs Jaudas

Herr Müller weiss nicht mehr weiter. Sein Rechner startet nicht mehr. Auch keiner seiner Computer in der Firma. Es erscheint eine Aufforderung auf dem Bildschirm, Geld zu zahlen. Ansonsten würden seine Daten gelöscht und der Zugang zu den Computern bleibe ihm verwehrt. Herr Müller geht zur Polizei und erstattet Anzeige. Dort wird entschieden, welche Abteilung den Fall behandelt. In der Fachsprache wird die Attacke als «CryptoLocker» bezeichnet – ein Verschlüsselungstrojaner.

Im Kanton Zürich ist das eine typische Aufgabe für die auf digitalisierte Verbrechen spezialisierte Abteilung Cybercrime der Kantonspolizei. Co-Leiter Daniel Nussbaumer ist 39-jährig, Jurist und hat seine Karriere bei der Staatsanwaltschaft begonnen. Er trägt Anzug mit Krawatte und sein Haar kurz. Sein Büro ist aufgeräumt, fast klinisch weiss. Auffällig ist lediglich der riesige, leicht gebogene Bildschirm auf dem Pult.

Wie wird konkret bestimmt, ob ein Fall von seiner Abteilung bearbeitet wird? Nussbaumer hält kurz inne und überlegt, um dann mit wohlformulierten Sätzen zu antworten: «Wir schauen uns die Fälle an, und entscheiden uns je nach Schwierigkeitsgrad und Ausmass, ob diese zu den Cyber-Ermittlungen zählen oder nicht.» Die Anzeigen würden gesammelt und analysiert. Wenn es zu Häufungen komme und neue Phänomene ausgemacht werden könnten, würde es für das seit 2013 bestehende Kompetenzzentrum interessant.

2016 schloss es 109 Untersuchungen ab, es kam zu 4 Anklagen und 27 Strafbefehlen. Kürzlich hat der Regierungsrat entschieden, mehr in die Digitalisierung der Strafverfolgung zu investieren. Zusätzlich zu den bisherigen 12 Stellen wurden weitere 20 genehmigt. Dazu gehören Informatiker, Staatsanwälte, Polizisten und Verwaltungsassistenten.

Auch im Internet gehts um Geld

Bei einem Grossteil der Delikte geht es um Geld. «Wenn es nicht um eine ideologische Sache geht, möchte sich immer eine Person unrechtmässig bereichern», sagt Nussbaumer. Es ist nicht überraschend, dass das erste schweizerische Kompetenzzentrum im Wirtschaftskanton Zürich angesiedelt ist. Die Spezialeinheit hat ihren Sitz im Hauptquartier der Kantonspolizei Zürich an der Kasernenstrasse. Die Büroräumlichkeiten im zweiten Stock mögen so gar nicht ins Bild passen, das die in die Jahre gekommene alte Polizeikaserne mit ihrer Backsteinfassade von aussen vermittelt. Weite, helle Gänge verbinden die grosszügigen, aber spärlich eingerichteten Büros. Die meisten Mitarbeiter sind zivil gekleidet. Einziger Hinweis auf das spezielle Aufgabengebiet: Im Matrix-Stil laufen grüne Zahlen über die Bildschirme.

Und was zeichnet einen digitalen Polizisten im Kompetenzzentrum aus? Laut Nussbaumer sind die Unterschiede zwischen digitalen und analogen Ansprüchen klein. «Sie müssen sicher internetaffin sein, aber ihre Hauptaufgabe ist noch immer die Spurensuche», sagt Nussbaumer. Der Unterschied zum konventionellen Polizisten: Die Spurensuche findet im Internet statt. Mit Fragen wie: Wem gehört die Website, wem die registrierte IP-Adresse? Eine weitere Eigenheit ist die Zusammenarbeit mit IT-Spezialisten. Zum Team gehören auch zivile Mitarbeiter mit einer Informatikausbildung. Etwa Netzwerk-, Daten- oder Rechenzentrenspezialisten. Sie sind dafür zuständig, die vielen Daten, welche die Polizisten aus den Beweisstücken erhalten haben, zu analysieren – Informatiker auf Spurensuche sozusagen. Die Kapo ist noch auf der Suche nach zusätzlichen Mitarbeitern. «Wir haben die genauen Stellenprofile noch nicht erarbeitet, aber die Informatiker sollten sich gegenseitig ergänzen», sagt Nussbaumer. Er macht sich keine Sorgen, dass der IT-Riese Google der Kapo alle Spezialisten wegnimmt – obwohl die Firma kürzlich den Sitz in Zürich stark vergrössert hat. Die Anforderungen seien da doch sehr unterschiedlich.

Früher verschafften sich Bankräuber mit Pistole und Sturmmaske Zutritt zur Bank – heute hacken sie sich in Computersysteme und versuchen so, an Geld zu kommen. Das Verbrechen wird digitalisiert. Diese Veränderung macht die Polizei mit. «Heute gibt es fast keine Delikte mehr, die nicht ein modernes Kommunikationsmittel beinhalten», sagt Nussbaumer. Die Fallzahl der digitalen Ermittlungen bei der Kapo Zürich bewege sich im vierstelligen Bereich. Darum wurde die interne Weiterbildung «Polizeiliche Ausbildung für Computer-Ermittlungen» (Pace) gestartet; bis Ende des Jahres sollen 500 Polizisten auf den neuesten Stand gebracht werden.

Und was ist mit der Anzeige von Herrn Müller? Dieser fiktive Fall sei eine häufige Aufgabe für die Internetpolizisten. «Wir empfehlen, nicht auf die Erpressung einzugehen», sagt Nussbaumer. Das Geld fliesse sonst zu den Akteuren, die es in weitere Software investieren – und damit Internetpolizisten das Leben noch schwerer machen. Es ist wie im Doping im Sport: Die Polizei muss ständig auf neue Vorgehensweisen reagieren. In diesem Fall sei es besonders prekär, denn wahrscheinlich werde Herr Müller seine Daten ohnehin nicht wieder bekommen. «Für Firmen ist es deshalb wichtig, ein gutes Back-up zu haben und einen guten Schutz gegen aussen.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch