Diese Lehren zieht Zürich aus dem Hitzesommer

Mit verschiedenen Massnahmen wappnet sich der Kanton künftig gegen Hitze und Dürre.

Gegen solche Szenarien will der Kanton Zürich besser gewappnet sein: Aus dem Rhein gefischte, tote Fische werden am Montag, 6. August 2018, in Neuhausen gesammelt.

Gegen solche Szenarien will der Kanton Zürich besser gewappnet sein: Aus dem Rhein gefischte, tote Fische werden am Montag, 6. August 2018, in Neuhausen gesammelt. Bild: Melanie Duchene/Keystone

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Trockener Boden, welke Kulturen, tote Fische: Die Bilder vom Hitze- und Trockensommer 2018 sind in Erinnerung geblieben – auch bei der Baudirektion des Kanton Zürichs. «Der Sommer 2018 war vielleicht noch keine wirkliche Katastrophe, aber er gab uns eine Vorstellung davon, wie eine solche aussehen könnte», schreibt der neue Baudirektor Martin Neukom (Grüne) in seinem Editorial zum aktuellen Informationsbulletin «Zürcher Umweltpraxis». In diesem werden nun Lehren aus dem vergangenen Sommer gezogen, der als jener mit dem massivsten Regendefizit seit Messbeginn (1864) gilt. Denn, so die Baudirektion: «Nach der Trockenheit ist vor der Trockenheit.»

Fischerei

Gefahr:
Die Wassertemperatur erreichte im Hitzesommer 2018 Höchstwerte. Darunter litten vor allem kälteliebende Fischarten wie die Äsche, die Bachforelle oder die Aale. Bei ihnen kann wärmeres Wasser zu Herzrasen führen und in Organversagen resultieren. Auch sind diese Fische in Gewässern mit erhöhter Temperatur anfälliger auf Krankheiten, wie beispielsweise Nierenkrankheit. Um diesen Gefahren entgegenzuwirken, wurden 2018 Tausende Fische abgefischt und umgesiedelt.

Mögliche Massnahmen:
Um der Erwärmung der Flüsse und Bäche entgegenzutreten, ist es sinnvoll, die Ufer üppig mit schattenspendenden Bäumen und Büschen auszustatten. Auch könnten künstlich geschaffene Kaltwasserzonen den Fischen als Rettungsbuchten dienen und sollten deshalb vermehrt gebaut werden. Weiter soll beispielsweise im Rhein, wo es nur wenige kühle Zuflüsse gibt, ein Damm aufgeschüttet werden. Dahinter könnte sich während einer Hitzeperiode kühles Grundwasser sammeln. Schliesslich braucht es auch Notfallkonzepte für Trockenphasen. So kann sich die Baudirektion vorstellen, der Landwirtschaft auch einmal kurzzeitig die Wasserentnahme zu untersagen.

Solchen Bachforellen kann es zu warm werden. Bild: zvg

Wasser

Gefahr:
Die monatelange Regenarmut in Kombination mit der Hitzeperiode hat die Zürcher Gewässer 2018 erheblich beeinträchtigt: Viele Zürcher Seen erreichten unterdurchschnittliche Pegelstände, und viele Fliessgewässer führten sehr wenig Wasser mit sich. Letzteres hat zur Folge, dass die Verdünnung des gereinigten Abwassers schlechter wird. So trug beispielsweise der Aabach am 24. Juli 2018 an gewissen Stellen bloss noch 41 Liter Wasser pro Sekunde. Dies entspricht beinahe der Menge an gereinigtem Abwasser, die zeitgleich aus den ARA Gossau und Egg-Oetwil hineingeflossen ist. Das belastet Fische und Mikroorganismen zusätzlich. Die Trinkwasserversorgung ist derweil weniger beeinflusst, da diese zu einem hohen Anteil mit Zürichseewasser erfolgt. Gemeinden mit Wasserknappheit können so Fremdwasser beziehen.

Mögliche Massnahmen:
Bei Wasserknappheit müssen die Interessen verschiedener Anspruchsgruppen berücksichtigt werden: Die Landwirtschaftsbetriebe, die bewässern wollen; die Bevölkerung, die Trinkwasser braucht, die Anliegen des Naturschutzes oder jene der Fischerei. Hier rät der Kanton, in die Kommunikation zu investieren und so Verständnis untereinander zu fördern. Auch kann sich die Baudirektion vorstellen, dass man zukünftig über einen Verteilungsschlüssel für die verschiedenen Interessenten nachdenkt. Zudem werden einige Abwasserreinigungsanlagen ausgebaut, damit sie auch Mikroverunreinigungen aus dem Abwasser ausmustern können.

Gemeinden, wie hier Männedorf, stellen die Versorgung mit Trinkwasser sicher. Bild: Michael Trost

Wald

Gefahr:
Neben einer erhöhten Brandgefahr liessen sich die Auswirkungen des Trockensommers 2018 auch bei einem Waldspaziergang im Juli beobachten: Vielerorts erinnerten die Bäume mit ihren verfärbten Blättern mehr an den Herbst als an den Sommer. Dies hat damit zu tun, dass die Bäume ihren Wasserverbrauch reduzieren müssen und damit beginnen, ihre Blätter frühzeitig abzuwerfen. Vereinzelt kann es gar zum Abbrechen ganzer Äste kommen. Ein von Trockenheit gestresster Baum ist zudem anfälliger für Krankheiten und Schädlinge. Davon haben insbesondere die Borkenkäfer profitiert, die vermehrt Bäume befallen haben.

Mögliche Massnahmen:
Als langfristige Strategie sieht die Baudirektion des Kanton Zürichs vor allem die Verjüngung des Waldes vor. Damit einhergehen soll ein Wechsel zu Baumarten, die besser mit Trockenheit und Hitze umgehen können. Damit hat der Kanton bereits begonnen und setzt statt auf Fichten und Buchen vermehrt auf Eichen und Eiben.

Borkenkäfer profitieren von der Trockenheit. Bild: Bildarchiv Tages-Anzeiger

Boden

Gefahr:
Pflanzen brauchen Wasser sowie Sauerstoff. Beides beziehen sie aus den Hohlräumen des Bodens, auch Poren genannt. Gibt es keinen Niederschlag oder kein Wasser, das zum Grundwasser fliesst, sind die Poren einzig mit Luft gefüllt. Im Trockensommer 2018 war dies vermehrt der Fall, so standen an gewissen Stellen im Kanton den Pflanzen kein oder zu wenig Wasser für das Wachstum zur Verfügung. Falls die entsprechenden Felder nicht bewässert wurden, sind deren Bepflanzungen vermehrt abgestorben. Besonders ausgesetzt waren der Hitze die Ackerkulturen wie Mais und Soja.

Mögliche Massnahmen:
Die Baudirektion des Kanton Zürichs bietet eine Bodenkarte an, die die Verfügbarkeit von Sauerstoff und Wasser anzeigt. Diese soll bei der Wahl der Bewirtschaftung von Feldern konsultiert werden, damit die geeignete Bepflanzung gewählt werden kann. So sind beispielsweise für sandigere Böden Kartoffeln eine bessere Wahl. Weiter können durch eine gute Bodenlockerung Poren erhöht werden. Auch wird der Landwirtschaft empfohlen, bei trockenheitsanfälligen Standorten die Pflanzenwahl anzupassen, um nicht auf Bewässerung angewiesen zu sein.

Die Schweizer Sommer der Zukunft: Ein ausgetrocknetes Feld in Zürich. (19. Juli 2018) Bild: Ennio Leanza/Keystone

Landwirtschaft

Gefahr:
Die Landwirtschaft hat in den vergangenen 15 Jahren immer wieder Wetterextreme erlebt. 2018 machte ihr besonders die Trockenheit zu schaffen. Dies führte unter anderem zu vermindertem Wachstum der Gräser auf den Weiden. Je nach Region wurde bereits Ende Juli damit begonnen, die Wintervorräte zu verfüttern. Viele Betriebe mussten auch teuer Futter hinzukaufen. Teilweise wurden deshalb Kühe viel früher und zu niedrigeren Preisen geschlachtet. Insbesondere für die Kühe bedeutet die Hitze einen zusätzlichen Stress: Sie reagieren unter anderem mit reduzierter Futteraufnahme sowie mit Rückgang der Milchleistung.

Mögliche Massnahmen:
Beim Futter lohnt es sich, auf Mischungen zu setzen, da dann nicht alles von einer Zutat abhängig ist. Besonders bewährt hat sich eine Kleegrasmischung, da Klee als Tiefwurzler in tieferem Boden noch Wasser erreichen kann. Kühlungen und Ventilatoren lindern derweil den Stress für die Tiere. Auch ist bei Weidung darauf zu achten, dass die Tiere Schattenplätze haben und ausreichend mit Wasser versorgt werden können.

Ab 24 Grad können Rinder in einen Hitzestress geraten. Bild: Nathalie Guinand

Ob es auch in diesem Jahr wieder zu ausgetrockneten Böden und versiegten Bächen kommt, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Klar ist: Gemäss Meteo Schweiz war auch der Juni dieses Jahres wieder überdurchschnittlich warm und die Felder vielerorts bereits wieder dürr. Erschwerend hinzu kommt, dass vielerorts der Grundwasserspeicher seit dem letzten Jahr nicht vollständig aufgefüllt wurde. (saf)

Erstellt: 29.07.2019, 11:10 Uhr

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