Dübendorfs rekordverdächtige Zwangsversteigerung

Nahe der Zürcher Stadtgrenze kommt nach einem erbitterten Streit ein Grundstück für 64 Millionen Franken unter den Hammer.

Hier dürfte beidseits des Glattalbahn-Trassees längst ein Hochhaus stehen: Giessen-Areal in Dübendorf.

Hier dürfte beidseits des Glattalbahn-Trassees längst ein Hochhaus stehen: Giessen-Areal in Dübendorf. Bild: Dominique Meienberg

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Das Gebiet unweit der Stadtzürcher Grenze hat schon für manche Schlagzeile gesorgt. Seit etlichen Jahren geht nichts mehr auf dem bestens erschlossenen Giessen-Areal etwa 1 Kilometer vom Bahnhof Stettbach entfernt.

Doch nun sorgt eine Neuigkeit für neuen Schwung: Kürzlich hat das Betreibungsamt Dübendorf eine Anzeige geschaltet, auf die viele lange gewartet haben: Das 35'100 Quadratmeter grosse Grundstück wird zwangsversteigert.

Visualisierung des privaten Gestaltungsplans Giessen. Die erste Version des Plans erlaubte noch ein 114-Meter-Hochhaus (zum Vergrössern bitte anklicken). Quelle: Stadt Dübendorf

Endlich, könnte man sagen. Denn schon 2013 hatte eine Bank die Zwangsverwertung des Grundstücks verlangt, weil die Zinsen für einen Kredit in zweistelliger Millionenhöhe nicht bezahlt wurden. Diesem Begehren schloss sich kurz darauf ein weiterer Gläubiger an, der dem Grundeigentümer zwei Millionendarlehen gewährt hatte. Insgesamt dürfte es mittlerweile inklusive Verzugszinsen um rund 27 Millionen Franken gehen. Das Betreibungsamt und die Gerichte waren einverstanden, doch der Eigentümer, die Firma K-Werkstatt, wehrte sich mit Händen und Füssen gegen die Zwangsversteigerung. Immer wieder wurden Gerichtsprozesse angestrengt – die meistens verloren gingen. Gleichzeitig versicherte die K-Werkstatt dem TA vor knapp zwei Jahren, dass in Kürze ein Baugesuch für ein Projekt eingehen und man bald Co-Investoren im Boot haben werde. Alles sei «unter bester Kontrolle». Doch nichts geschah.

Also kommt es am 29. Januar 2020 um 14 Uhr zur Zwangsversteigerung des Bodens im Arvensaal des Hotels Sonnental in Dübendorf. Wer interessiert ist, braucht ein dickes Portemonnaie. Die amtliche Schätzung für das Grundstück beläuft sich auf 64,2 Millionen, einen nicht alltäglichen Betrag bei Versteigerungen. Das sind sogar gut 4 Millionen mehr als die Schätzung des Bundesgerichts von 2014. 1 Million muss der Erwerber direkt an der Versteigerung hinblättern.

181 Prozent Ausnützung

Wird der Preis bezahlt, macht die K-Werkstatt ein gutes Geschäft. Die Firma hatte das Grundstück 2006 der ETH abgekauft. Für wie viel, ist nicht bekannt. Klar ist aber, dass der Betrag viel tiefer lag als 64 Millionen. Es wurde massiv aufgewertet durch einen inzwischen rechtsgültigen Gestaltungsplan auf dem einen Teil des Grundstücks, das durch die Ringstrasse und die Glattalbahn zerschnitten ist.

Das Bauvolumen wurde in der zweiten Auflage des Gestaltungsplans etwas reduziert, der Wohnanteil von 40 auf 50 Prozent erhöht (zum Vergrössern bitte anklicken). Quelle: Stadt Dübendorf

Auf 24'800 Quadratmetern lässt der Plan 45'000 Quadratmeter Nutzfläche zu, was einer Ausnützung von beachtlichen 181 Prozent entspricht. Dort ist eine Überbauung mit Hochhaus von maximal 85 Metern Höhe erlaubt, zudem ist ein Wohnanteil von 50 Prozent vorgegeben. Das Areal hat eine eigene Haltestelle der Glattalbahn. Die restlichen 10'300 Quadratmeter sind als Freihaltezone ausgeschieden und für einen Park vorgesehen.

«Die preislichen Risiken
wären für
die Stadt Dübendorf
zu hoch.»
Martin Bäumle (GLP), Stadtrat

Wer kauft das Grundstück und was fängt der neue Eigentümer damit an? Das ist völlig offen. In Frage kommen zum Beispiel Pensionskassen oder Investoren, welche unter den Negativzinsen ächzen. Klar ist nur, dass die Stadt Dübendorf nicht zuschlagen wird. «Dies wäre aus verfahrenstechnischen Gründen kaum machbar», sagt Finanz-Stadtrat Martin Bäumle (GLP). «Zudem wären die preislichen Risiken zu hoch, wenn man Chancen und Nutzen abwägt.» Bäumle müsste beim Stadt- und Gemeinderat innert Kürze eine Kompetenzberechtigung für einen bestimmten Maximalbetrag einholen. Dieser würde öffentlich, womit die Bieterposition der Stadt stark geschwächt würde.

Martin Bäumle vor Bundesgericht gezerrt

Das Giessen-Areal und Bäumle standen schon mehrfach im Fokus der Öffentlichkeit. Gegen die erste Version des privaten Gestaltungsplans, damals noch mit einem 114-Meter-Turm, ergriffen die GLP, Grünen, SP und EDU 2011 das Referendum.

Während des Abstimmungskampfs übergab Bäumle einem Journalisten einen Betreibungsauszug der K-Werkstatt, womit Millionenforderungen publik wurden. Letztlich sagte das Volk Nein, das 550-Millionen-Projekt war gestorben. Darauf wurde Bäumle wegen Verdachts auf Amtsgeheimnisverletzung bis vor Bundesgericht gezerrt, wo er – gegen den Eigentümer von K-Werkstatt – obsiegte.

Erstellt: 13.11.2019, 06:57 Uhr

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