Dieses Zürcher Hochhaus schrumpft eine Etage pro Woche

Mit dem 1970 erstellten Gebäude des Spitals Limmattal geht es abwärts.

Dieses Video zeigt, wie ein einst 16-stöckiges Gebäude Etage um Etage rückgebaut wird. Video: Helene Arnet, Bilder: Andrea Zahler

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Eine normale Baustelle gibt es nicht. «Jede hat ihre Eigenheiten, Null-Acht-Fünfzehn gibt es bei dieser Arbeit nicht», sagt Polier Silvan Hürlimann vom Bauunternehmen Eberhard. Doch Hürlimann fährt fort: «Diese Baustelle ist aber wirklich besonders.» Besonders ist zum Beispiel, dass das Gebäude nicht langsam von unten nach oben wächst, sondern von oben nach unten schrumpft. Hier wird ein Hochhaus abgerissen. Beziehungsweise rückgebaut. Stockwerk für Stockwerk. Auch das Hochhaus ist ein besonderes: Es handelt sich um das 1970 errichtete Spital Limmattal, das wegen seiner Höhe und Funktion lange Zeit als Wahrzeichen der Region galt.

Wir stehen im zwölften Stock des einst 16-stöckigen Gebäudes, und die Sonne brennt uns direkt auf die Helme. Vor uns, aber noch ein Stockwerk höher, steht ein kleiner Bagger, der mit einem Schlaghammer ausgerüstet ist und mit Getöse eine Betonwand ausschlägt. Er steht gewissermassen auf der Decke unserer Etage, die es nur noch zur Hälfte gibt. Bereits verschwunden sind zwei Geschosse und der Technikaufbau.

Etage um Etage geht es nach unten. Bild: Andrea Zahler

«Eine Etage pro Woche ist geplant», sagt Edwige Franc. Die Bauingenieurin hat die Projektleitung aufseiten des Totalunternehmers Losinger Marazzi inne, welcher schon den Neubau realisierte. Man sei fast im Plan. «Und mit steigender Erfahrung geht es immer schneller.» Bis Oktober soll der Altbau bis ins zweite Untergeschoss hinab rückgebaut sein.

Gerade gibt ein Stück Deckenplatte unter dem steten Druck des kleinen Baggers nach. Auf unserem Niveau ist eine grössere Baumaschine am Werk, ein 17-Tönner. Versetzt werden sie mit einem Kran, denn selbst hin- und herfahren geht hier nicht. Nicht nur, weil sie die Stockwerke wechseln müssen, sondern auch, wegen der Tragfähigkeit der Unterlage. Es müssen jeweils vier Stockwerke unterhalb des Niveaus, wo sie stehen, zusätzlich abgestützt werden.

«Knifflig an dieser Baustelle ist die unmittelbar örtliche Nähe zum Neubau.»Caroline Feldmann, Architektin

Caroline Feldmann ist die Gesamtprojektleiterin vonseiten des Spitals. Auch für sie als Architektin ist dies eine ganz besondere Aufgabe. Denn die ganzen Bauarbeiten finden bei laufendem Betrieb des Spitals statt. Erst kam der Neubau, im Oktober 2018 wurde fliegend gezügelt, ohne dass die Arbeiten im Spital unterbrochen wurden. Nun wird der Altbau der Architekten Schütz, Meyenburg und Keller abgebrochen.

«Knifflig an dieser Baustelle ist die unmittelbar örtliche Nähe zum Neubau», sagt Feldmann. An eine Sprengung oder den Einsatz von brachialen Abrissbirnen sei daher gar nicht zu denken gewesen. «Mit dem Pflegezentrum hat der Altbau sogar eine gemeinsame Wand und gemeinsame Verkabelung.» Es sei eine echte Herausforderung gewesen, das Pflegezentrum so abzukabeln, dass dort weiterhin alles funktioniert, erzählt Franc.

Eine Sprengung war nicht denkbar, weil der Neubau (rechts im Bild) gleich neben dem alten Hochhaus steht. Bild: Andrea Zahler

Die Baustelle auf dem Dach birgt viele Stolpersteine. Armierungseisen, Gitter, Kalksteinbrocken. Und über uns schwebt eine Mulde, welche vom Kran langsam herabgelassen wird. Nun ist uns klar, weshalb man uns mit Helmen und Stiefeln, die oben mit Metallplatten verstärkt sind, ausgerüstet hat. Kurze Hosen sind selbst bei dieser Hitze nicht erlaubt. Betreten kann man sie erst nach einer Zutrittskontrolle und lediglich an einer Stelle, die zusätzlich so gesichert ist, dass sie nur via Fingerprint oder Badge passiert werden kann.

Wenn die Bagger in Betrieb sind, ist es hier nicht nur sehr laut, es bebt auch der Boden unter den Füssen. «Das ganze Gebäude zittert», sagt Silvan Hürlimann. «Aber keine Angst, es hält.» Feldmann erklärt später: «Die Statiker haben das ganze Gebäude minutiös ausgemessen. Horizontal und vertikal.»

Tatsächlich brauchte es mehrere Monate Vorlauf, bis die von aussen sichtbaren Abrissarbeiten begonnen werden konnten. Das Gebäude wurde zuvor total entkernt. «Dabei wurden alle Wände, die keine tragende Funktion haben, entfernt.» Da im Spital auch Heikles wie Asbest verbaut war, war das eine langwierige Sache. Die Materialien werden getrennt, teilweise bereits auf der Baustelle, teilweise später im Depot.

Beton im Lift

Doch wie kommt das Abbruchmaterial überhaupt vom zwölften Stock auf den Erdboden? Wir hören und sehen es gerade. Das grobe Mauerwerk kommt samt Armierungseisen in Mulden, die vom Kran angehoben und abgesenkt werden. Betonbrocken werden kurzerhand in den offenen Liftschacht geworfen, in dem sie im freien Fall bis ins Erdgeschoss poltern.

Wir nehmen wieder den Baulift abwärts, blicken ins Limmattal rundum, auf das noch karg bewachsene Flachdach des Neubaus mit dem Helikopterlandeplatz. Unten angekommen gehen wir an der alten Kantine vorbei, in der sich Pflastersteine türmen. Durch die verbogene blaue Lifttüre quellen Betonbrocken, an einer halb eingerissenen Wand sind noch Überreste von «Kunst am Bau» zu sehen. Blaue, weiss, rote geometrische Formen. Typisch 70er-Jahre. Die Keramikwände des Genfer Künstlers Jean Baier schmückten einst die Hauptzugänge des Spitals. Fast wird einem etwas nostalgisch zumute.

Geometrische Formen: Überreste der «Kunst am Bau» aus den 70er-Jahren. Bild: Andrea Zahler

Oder gar wehmütig, denn dieses Gebäude war Ort unzähliger Schicksalsmomente. Mit ihm sind Erinnerungen an Geburt, Krankheit, Genesung und Abschied verknüpft. Caroline Feldmann scheint die Gedanken gelesen zu haben, die der Anblick des einstigen Wandschmucks auslöst. Für viele Menschen der Region wecke das Verschwinden dieses Gebäudes Emotionen. Auch das macht dies zu einer besonderen Baustelle.

Ganz verschwinden wird das alte Spital nicht. «Wir haben einige dieser Keramikplatten eingelagert», sagt Feldmann. Auch die alte kleine Spitalkapelle wird mit Originalteilen an neuem Ort auferstehen. Dieser Rückbau ist nämlich nicht der Schlusspunkt, sondern nur Zwischenetappe des ganzen Spitalumbaus. Da, wo jetzt noch ein Teil des alten Spitals steht, wird anschliessend das neue Pflegezentrum gebaut – bevor das alte rückgebaut wird. Alles bei laufendem Betrieb. Doch das wird dann für die Crew schon beinahe keine besondere Baustelle mehr sein. Sondern Routine.

Erstellt: 02.07.2019, 11:01 Uhr

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