Drängt Zürich Tänzerinnen in die Prostitution?

Eine Gesetzesänderung soll Stripperinnen vor Ausbeutung schützen. Die strikte Umsetzung im Kanton Zürich droht nun aber das Gegenteil zu bewirken.

Für ihre Berufskolleginnen gelten ab Januar neue Regeln: Stripperin an einer Fachmesse.

Für ihre Berufskolleginnen gelten ab Januar neue Regeln: Stripperin an einer Fachmesse. Bild: Eddy Risch/Keystone

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Auf dem Tisch von Regierungsrätin Carmen Walker-Späh liegt derzeit ein Brief, der es in sich hat. Kann es wirklich sein, dass der Kanton Zürich Striptänzerinnen in die Prostitution drängt? Das ist die Frage, die er aufwirft. Sie ist rhetorischer Art. «Wir haben es hier mit einer absolut stossenden Geschichte zu tun», sagt Regula Rother, Leiterin der Zürcher Stadtmission, die sich für sozial benachteiligte Menschen einsetzt. Sie hat den Brief abgeschickt, zusammen mit der Fachstelle FIZ, die gegen die Ausbeutung von Frauen kämpft.

Die «stossende Geschichte» hat ursprünglich mit guten Absichten begonnen: Bundesrätin Simonetta Sommaruga wollte jene Ausländerinnen vor Ausbeutung schützen, die in hiesigen Erotikshows für Geld die Hüllen fallen lassen. Deshalb kündete sie vor einem Jahr an, dass das sogenannte Cabaret-Tänzerinnen-Statut abgeschafft werde.

Das Statut ist eine Sonderregelung, die es Striplokalen erlaubte, Frauen von ausserhalb der EU zu rekrutieren. Eingeführt wurde es 1995 paradoxerweise aus dem gleichen Grund, aus dem es nun wieder gestrichen wird: zum Schutz der Tänzerinnen. Das Statut knüpfte ihre Arbeitsbewilligungen nämlich an strenge Vorschriften. Bloss haben viele Nachtclubbesitzer diese Vorschriften in der Praxis ignoriert. Sie zwangen ihre Tänzerinnen, sich zu prostituieren und Alkohol zu trinken, um so die Kunden auch zum Trinken zu animieren. Deshalb ist das Statut ab dem 1. Januar reif fürs Altpapier.

Ein Brief vom Amt birgt Zündstoff

Die Striplokale verlieren damit nicht nur ihr Personal aus exotischen Weltgegenden wie Thailand, Russland oder der Karibik, sondern auch einen bedeutenden Teil von innerhalb der EU: Frauen aus Rumänien und Bulgarien. Diese beiden Länder sind zwar seit bald neun Jahren Mitglied der Union, aber wer von dort kommt, profitiert in der Schweiz erst ab Juni 2016 von der Personenfreizügigkeit.

Anders gesagt: Wegen zweier zeitlich schlecht aufeinander abgestimmter Regeländerungen tut sich eine arbeitsrechtliche Lücke auf, die rumänischen und bulgarischen Stripperinnen während fünf Monaten die Arbeit verbietet. Zündstoff birgt das vor allem wegen dem, was das kantonale Amt für Wirtschaft und Arbeit in einem Brief an einen Nachtclubbesitzer aus dem Zürcher Niederdorf schrieb.

«Uns werfen sie es vor, jetzt machen sie es selber…»

Pierluigi Lionzo, der dort das Calypso betreibt, hat mehrere Tänzerinnen aus Rumänien angestellt und bat deshalb um Hilfe. Die Absage, die er erhielt, bezeichnet er als «frauenverachtend». Sie endete nämlich mit dem Hinweis: «Obwohl es sich bei Cabaret-Tänzerinnen nicht um Prostituierte handelt, machen wir Sie gerne auf die langjährige Praxis im Kanton Zürich für Prostitution aufmerksam.» Frauen aus Bulgarien und Rumänien hätten bis und mit Mai 2016 die Möglichkeit, sich als selbstständig Prostituierte anzumelden.

In Lionzos Augen ist die Botschaft unmissverständlich: Der Kanton Zürich legt seinen Tänzerinnen nahe, in die Prostitution zu wechseln. Dies, obwohl sie mit diesem Metier erklärtermassen nichts zu tun haben wollten, wie er sagt. Und obwohl es Bundesrätin Sommaruga ursprünglich um das Gegenteil ging: zu verhindern, dass Striptänzerinnen ins Geschäft mit käuflichem Sex gedrängt werden. Lionzo spricht von Heuchelei: «Uns werfen sie vor, wir würden so was tun – und jetzt machen sie es selber…» Eine Sprecherin des Amts für Wirtschaft und Arbeit entgegnet auf Anfrage, dieser Vorwurf sei «haltlos». Der betreffende Hinweis sei allgemeiner Art gewesen, eine Erläuterung der rechtlichen Rahmenbedingungen.

In Bern geht, was in Zürich unmöglich ist

Für Regula Rother von der Stadtmission ist die Sache damit aber nicht erledigt: «Ob das jetzt so gemeint ist oder nicht: Man kann das nicht machen.» Sie ist überzeugt, dass sich in Zürich eine pragmatische Lösung finden liesse, wenn man nur wollte. Andere Kantone wie Bern oder Basel haben für die betroffenen Frauen Übergangsregelungen gefunden, entgegen den Anweisungen des Bundes. Alles andere hätte den Geruch des Amtsschimmels gehabt, ist dort zu hören.

Ganz anders tönt es in Zürich: Man sehe «keine Möglichkeit und keine Notwendigkeit» für eine Übergangslösung, teilt das Amt für Wirtschaft und Arbeit mit. Noch blieben zwei Wochen Zeit, um daran etwas zu ändern – und der Brief auf dem Tisch von Regierungsrätin Carmen Walker-Späh. Bei deren Direktion heisst es auf Anfrage allerdings nur, dass man diesen bald beantworten werde.

Erstellt: 18.12.2015, 14:00 Uhr

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