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Droht dem Buchautor eine Anzeige wegen Nötigung?

Jürg Jegge wurde zu den gegen ihn erhobenen schweren Vorwürfen nicht angehört. Könnte er sich juristisch dagegen wehren?

Thomas Hasler
Könnte sich rein theoretisch mit juristischen Mitteln gegen das Buch wehren: Jürg Jegge.
Könnte sich rein theoretisch mit juristischen Mitteln gegen das Buch wehren: Jürg Jegge.
Keystone

Der als «Lehrer der Nation» bekannt ­gewordene Sonderschullehrer ist von seinem ehemaligen Schüler Markus Zangger des sexuellen Missbrauchs bezichtigt worden. Die behaupteten Delikte sollen sich zwischen 1970 und 1983 ereignet haben. Selbst unter der Annahme, dass sich Jegge der sexuellen Handlungen mit Kindern und/oder der sexuellen Nötigung schuldig gemacht hat, könnte er dafür strafrechtlich nicht mehr belangt werden. Sie sind verjährt. Auch der seit 2013 geltende Unverjährbarkeitsartikel bei schwerem Kindsmissbrauch würde daran nichts ändern, weil die Verjährung bereits eingetreten ist und Zangger zur Tatzeit bereits 12-jährig gewesen war.

Bisher hat sich Jegge zu den konkreten Vorwürfe öffentlich nicht geäussert. Dies als Schuldeingeständnis zu werten, würde gegen die Unschuldsvermutung verstossen. Juristisch betrachtet, handelt es sich vorläufig nur um unbe­wiesene Behauptungen. Auch aus dem im Buch abgedruckten Brief Jegges an Zangger lassen sich keine konkreten sexuellen Handlungen herauslesen.

Es fällt auf, dass Jegge im Buch keine Gelegenheit erhielt, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Dieser Verstoss gegen das Fairnessgebot würde der Presserat ohne Zweifel als Verstoss gegen Richtlinie 3.8 (Anhörung bei schweren Vorwürfen) beurteilen. Es gibt dabei nur einen Haken: «Der Presserat äussert sich nicht zu Büchern.» Dies hielt der Presserat schon vor siebzehn Jahren fest, als es um die Rezension eines Papst-Buches ging.

Nicht jede Verletzung ist strafbar

Rein theoretisch könnte sich Jegge mit juristischen Mitteln gegen das Buch wehren. Der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs von Kindern ist wie kaum ein anderer Vorwurf geeignet, den Ruf eines Menschen zu zerstören. Ein möglichst wirksamer Schutz vor einer Rufschädigung wäre am ehesten mit einer superprovisorischen Verfügung zu erreichen. Damit könnte ein Richter die Auslieferung des Buches an die Buchhandlungen verbieten oder stoppen. Superprovisorisch bedeutet, dass die Gegenseite vor Erlass der Verfügung gar nicht angehört wird.

Der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs ist in jedem Fall eine ehr- beziehungsweise persönlichkeitsverletzende Äusserung. Dagegen können Betroffene straf- und zivilrechtlich vorgehen. Im Bereich des Strafrechts wäre am ehesten Artikel 173 (üble Nachrede) anwendbar. Die üble Nachrede ist aber nicht strafbar, wenn bewiesen werden kann, dass die ehrverletzenden Äusserungen wahr sind oder dass man «ernsthafte Gründe» hatte, sie für wahr zu halten.

Heikel für Markus Zangger könnte allenfalls eine Äusserung seines Anwalts Christoph Erdös werden. Er hatte am Medienanlass über Einigungsversuche mit Jürg Jegge und dessen Rechtsvertreter berichtet: «Nachdem wir keine Einigung über eine Abfindung oder ein Schmerzensgeld finden konnten, wollte mein Mandant mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit treten – subjektiv und aus der Sicht eines Opfers.» Im Umkehrschluss könnte man daraus auch schliessen: Hätte Jegge eine Abfindung gezahlt – gefordert worden waren insgesamt 50'000 Franken –, hätte Zangger auf die Buchpublikation verzichtet. Dies könnte den Tatbestand der Nötigung erfüllen. Das Zitat, sagte Erdös auf Nachfrage, sei «leider etwas missverständlich und hätte so von mir nicht autorisiert ­werden können». Zangger habe nie die Absicht gehabt, für sich einen un­rechtmässigen finanziellen Vorteil zu erwirken.

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