Drücken und verzweifeln

Warum reagiert die Ampel nicht auf meinen Knopfdruck? Das fragen sich täglich unzählige Menschen, die zu Fuss eine Strasse überqueren wollen.

Wer hier draufdrückt, outet sich als Dilettant. Foto: Reto Oeschger

Wer hier draufdrückt, outet sich als Dilettant. Foto: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Stadtbild, Nr. 015 – Die Zürcher Kreuzungen sind gespickt mit kleinen, gelben Kästchen, die sich auf Bauchhöhe an Ampelpfosten befinden. Sie sind Schauplatz täglichen Ungemachs und Fehlverhaltens; sie zeigen uns eine Gesellschaft, die mit dem Kopf überall ist, nur nicht an Ort und Stelle.

Ständig sind Fussgängerinnen und Fussgänger zu beobachten, die am Zebrastreifen auf Grün warten, nachdem sie auf den gelben Kasten gedrückt haben. Aber das Grün kommt nicht, weshalb sie noch mehrere Male drücken. Das ist allerdings unsinnig, denn das Kästchen hat keinen Druckknopf.

Die Tücke liegt im ähnlichen Aussehen

Was die Ungeduldigen nicht erkennen: Die Mehrzahl der gelben Boxen ist nicht zum Drücken da, sondern zum Spüren von Vibrationen auf der Unterseite. «Taktile Signalgeber» heissen diese Apparate, installiert für blinde und sehbehinderte Menschen. Wer nicht genau hinschaut, verwechselt sie mit den sogenannten Fussgänger-Drückern, die tatsächlich das grüne Lichtsignal auslösen.

Die Tücke rührt vom ähnlichen Aussehen her: Beide Apparate sind leuchtend gelb und haben dieselbe Form. Ihr Unterschied: Der Signalgeber hat ein blaues Feld mit weisser Figur und weissem Stock – sofern das Signet nicht abgekratzt ist. Der Fussgänger-Drücker hat getreu seinem Namen einen Druckknopf – in Rot.

Das Modell mit Taste: Einer der relativ seltenen Fussgänger-Drücker.

Wer sinnlos auf der Vibratorbox herumhämmert, gibt sich ungewollt als städtischer Laie zu erkennen, als urbane Dilettantin. Ähnlich jenen, die hinten im Tram die Tretglocke übersehen. Urbane Laien gibt es viele: Goldküstenbewohner, deren SUV-Gehäuse im Service ist, Innerschweizer im Sale-Fieber, Hipster, denen gerade das Velo gestohlen wurde, und all jene, deren Augen am Handy kleben.

Für einen routinierten Gang durch die Stadt ist das Verständnis für die öffentlichen Druckknöpfe zwingend. Denn die Stadt wird langfristig alle ampelbewehrten Kreuzungen und Übergänge mit taktilen Signalgebern ausrüsten.

In der Innenstadt sind Knöpfe selten

Fussgänger-Drücker gibt es viel weniger; in der Innenstadt sind sie gar selten. Die roten Knöpfe für grünes Gehen sind an Ampeln im Einsatz, die isoliert stehen, oder an stark befahrenen Hauptstrassen, wo der Zebrastreifen von wenig Leuten benützt wird. Hätten diese nicht den roten Knopf, würden sie sich die Füsse plattstehen, bis ein Auto in der Kolonne hält.

Passiert nichts, vermuten die Fussgänger, sie seien zu lieb gewesen. Also drücken sie noch mehrere Male mit grosser Härte.

Aber auch der rote Knopf hat seine Tücken. Manchmal reagiert das Lichtsignal blitzschnell, manchmal um eine halbe Ewigkeit verzögert. Passiert nichts, vermuten die meisten Fussgänger, sie seien zu lieb gewesen. Also drücken sie noch mehrere Male mit grosser Härte – in der Annahme, der Knopf brauche strenge Erziehung. Das sind dann die Momente, wo sie sich fragen, ob die rot-grüne Regierung ernsthaft den Langsamverkehr fördert.

Doch die verzögerte Reaktion hat Gründe: Einerseits geniesst der öffentliche Verkehr Vortritt, und der Bus muss erst vorbei, bis das Grün für die Fussgänger aufleuchtet. Anderseits gibt es für die Autos Grünphasen mit einer Mindestdauer.

Grosse, komplizierte Kreuzungen mit viel Publikum wie das Bellevue haben ohnehin keine Drücker, sondern automatische Fussgängerphasen. Sonst wäre ständig jemand am Drücken, und die Autos stauten sich bis Chur und Luzern.


Die Kolumne «Stadtbild» widmet sich all den vielen Dingen, die es sich in Zürich im öffentlichen Raum gemütlich gemacht haben und die unser Bild dieser Stadt prägen – im Guten wie im Schlechten. Sie erscheint immer Mitte der Woche.

Erstellt: 23.01.2020, 10:47 Uhr

Artikel zum Thema

So vielseitig sind die Wände gegen das Böse

Stadtbild Lärmschutzwände haben zwar alle denselben Zweck. Gestalterisch sind sie aber ein reines Tummelfeld, besonders an der Rosengartenstrasse. Mehr...

Zürichs seltene «Armleuchter»

Die vergoldeten Kandelaber vor der ETH sehen mehr nach Versailles aus als nach Zürich. Mehr...

Die peinliche Wahrheit übers Züriblau

Stadtbild Haben wir uns kollektiv in die falsche Farbe verliebt? Wie Zürich unbemerkt in eine Identitätskrise stürzte – und wer uns daraus erlösen könnte. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Traumpisten und Bilderbuchdörfer

In dem Bündner Hochtal können Feriengäste in der Nationalparkregion des Schweizerischen Nationalparks in eine intakte Welt eintauchen.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kunst-Blumen: Zum Valentinstag schenkt Banksy der Stadt Bristol eine neues Werk. Das Blumen werfende Mädchen schmückt eine Wand im Stadtteil Barton Hill. (14. Februar 2020)
(Bild: Finnbarr Webster) Mehr...