Düstere Aussichten für die Tagfalter

Im Kanton Zürich lebt ein Drittel weniger Schmetterlingsarten als noch vor hundert Jahren. Ein neues Inventar zeigt, wo die Rettungsmassnahmen am ehesten greifen.

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Biologen benutzen zuweilen seltsame Worte: zum Beispiel «Aussterbeschuld». Simone Bossart, Geschäftsleiterin des Vereins Schmetterlings­förderung im Kanton Zürich, sagt: ­«Einige der in den letzten zwanzig Jahren in Zürich seltener gewordenen Tagfalterarten befinden sich im Zustand der Aussterbeschuld.» Das bedeutet: Sie kommen zwar an gewissen Orten noch vor, doch können sie ohne umfassende Fördermassnahmen nicht überleben. Grund ist meist, dass ihre Lebensräume zu isoliert sind. Sind zwei Populationen weiter voneinander entfernt, als ein ­Falter fliegen kann, findet kein Austausch mehr statt. Ein schlechtes Jahr kann dann einen Bestand ganz verschwinden lassen.

Mit diesem Wissen sieht das Resultat des Tagfalterinventars des Kantons Zürich noch düsterer aus: In den letzten rund hundert Jahren ist ein gutes Drittel der Schmetterlinge aus dem Kanton Zürich verschwunden. Rund 130 Arten waren es um 1900, 90 sind es heute. Und ein Vergleich mit dem Bestand vor zwanzig Jahren zeigt, dass rund ein Viertel der Arten weniger wird – viele davon werden in absehbarer Zeit im Kanton Zürich ausgestorben sein. Geschehen ist dies bereits beim Grossen Wiesenvögelchen und beim Betonien-Dickkopffalter.

Sommervogeljagd mit Fernglas

Der Verein Schmetterlingsförderung im Kanton Zürich hat in den letzten Jahren den Bestand der Tagfalter im Kanton Zürich neu erhoben. Dabei hat er sich aus Effizienz- und Kostengründen auf drei Schwerpunktregionen beschränkt: Oberland, Knonauer-Amt-Albis-Zimmerberg sowie ausgewählte Gemeinden im Nordwesten des Kantons. Diese erlauben die aussagekräftigsten Aussagen für den Bestand. Insgesamt wurden 46 Gemeinden inventarisiert.

Zum Einsatz kam dabei eher das Fernglas als das Schmetterlingsnetz: «Für die meisten Arten reichte ein Blick durch den Feldstecher», sagt Bossart. «Bei Verwechslungsgefahr wurden die Falter gefangen, bestimmt und dann wieder freigelassen.» Das letzte umfassende Inventar für den Kanton stammte aus den Jahren 1990/92. Schutz- und Förderungsmassnahmen mussten deshalb mit diesem nicht mehr aktuellen Datenstand erfolgen. Manche Gemeinden, ­allen voran die Stadt Zürich, haben allerdings später selbst Daten erhoben. Sie legen nahe, dass die 1990/92-Kartierung nicht immer sorgfältig war und eher zu niedrige Zahlen ergab. Das bedeutet: Der Rückgang der Arten ist wohl noch dramatischer.

08/15-Falter auf dem Vormarsch

Allerdings sieht das Resultat auf Anhieb gar nicht so schlecht aus: Tatsächlich hat die Artenzahl in den Schwerpunktregionen seither von 80 auf 82 zugenommen. Den zwei ausgestorbenen Arten stehen nämlich vier gegenüber, die nach langer Abwesenheit wieder aufgetaucht sind. Eine Art, der Karstweissling, wurde überhaupt erstmals im Kanton Zürich entdeckt. Nimmt man Schmetterlings­arten dazu, die belegbar in den nicht neu inventarisierten Kantonsteilen ­vorkommen, leben in Zürich rund 90 Schmetterlingsarten.

Was dem Laien als gar nicht so schlecht erscheint, alarmiert Fachkundige: Es zeigt sich nämlich, dass vor allem die anpassungsfähigen Arten, also die Generalisten unter den Tagfaltern, mehr werden. Jene aber, die spezielle Ansprüche haben, stark zurückgegangen sind. In Zahlen: Von den 31 als Spezialisten geltenden Arten, deren Bestand sich in den letzten zwanzig Jahren geändert hat, nehmen 8 zu, 23 ab. «Es zeichnet sich eine Verarmung und Vereinheitlichung der Tagfalterfauna ab», erklärt Bossart. Das heisst: Es gibt zwar nicht weniger, aber immer mehr gewöhnliche Schmetterlinge. Und man findet überall nur noch dieselben.

Naturschutz für die Katz?

Haben denn die Fördermassnahmen gar nichts gebracht? Sind denn all die Aufwertungs- und Naturschutzprojekte, welche teilweise spezifisch auf Tagfalter ausgerichtet sind, für die Katz? «Ganz und gar nicht», sagt Bossart. «Ohne diese wäre die Situation noch düsterer.» Das Verschwinden geeigneter Lebensräume und die für Tagfalter laufend schlechtere Qualität der Gesamtlandschaft sei einfach in der letzten Zeit noch rasanter vonstattengegangen. «Schmetterlinge lieben Sonnenhänge – die auch bei Menschen bevorzugte Wohnlagen sind.» Am gefährdetsten sind aber jene Arten, welche auf Feuchtgebiete angewiesen sind. Zwar konnte gerade bei den Mooren der Flächenverlust – auf tiefem Niveau – weitgehend gestoppt werden. Doch trocknen sie aufgrund der Klimaerwärmung im Sommer auch immer häufiger aus.

Das Inventar erlaubt nun dem Verein Schmetterlingsförderung im Kanton Zürich sowie der kantonalen Fachstelle für Naturschutz, effizientere Förderprojekte zu planen. So hat sich zum Beispiel im Gebiet um Glattfelden, wo sehr viele Naturschutzmassnahmen realisiert wurden, der Bestand von Tagfaltern sichtbar erholt. Auch kann man die Projekte gezielt auf jene Arten ausrichten, die tatsächlich eine Überlebenschance haben. Das leitet zu einer Beobachtung über, die zum Schluss etwas hoffnungsvoller stimmt: «Es kann gut sein, dass es bei manchen Falterarten einfach etwas länger geht, bis die Fördermassnahmen greifen», sagt Bossart. Diese Falter befinden sich dann in der «Rückkehrschuld».

Der Bericht zum Tagfalterinventar wird Ende Monat unter www.schmetterlingsförderung.ch aufgeschaltet.

Erstellt: 10.03.2015, 20:50 Uhr

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