Was es mit dem «Entspannungsschacht» auf sich hat

Tausende passieren den seltsamen Schacht täglich auf dem Weg zum Zürcher Flughafenbahnhof. Sein Fehlen hätte unangenehme Folgen.

Plötzlich wird es hell: Ein Zug fährt am Guckloch vorbei in den Flughafenbahnhof.

Plötzlich wird es hell: Ein Zug fährt am Guckloch vorbei in den Flughafenbahnhof. Bild: Thomas Egli

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Es ist ein Fenster mitten im Tunnel: Wer tagsüber mit der Bahn von Zürich her zum unterirdischen Flughafenbahnhof fährt, erblickt die Öffnung kurz vor der Einfahrt in die Perronhalle.

Plötzlich wird es für ein paar Sekunden hell. Zugpassagiere, die aus dem Fenster nach oben schauen, erhaschen einen Blick auf den Himmel. In der Nacht können Reisende beim Blick aus dem Fenster weit über ihnen gelbliches Licht und einen Scheinwerfer erblicken.

Oben warten Passagierflugzeuge

Beim Guckloch kurz vor dem Flughafenbahnhof Zürich handelt es sich um einen rund zehn Meter hohen Lüftungsschacht. Ein weiterer, etwas kleinerer Betonschacht ist beim Perronende in Richtung Bassersdorf zu sehen.

Das Spezielle an dem Bauwerk am Perronende in Richtung Zürich: Der Schacht führt direkt auf das südliche Vorfeld des Flughafens. Dorthin, wo sich die Standplätze der Flugzeuge befinden, zu denen Passagiere jeweils vor dem Start mit einem Bus hingebracht werden. Auf den im Internet frei abrufbaren hochaufgelösten Luftaufnahmen des Kantons Zürich ist gut erkennbar, wie die Passagiermaschinen in der Nähe des Lüftungsschachts stehen.

Der Schacht aus der Vogelperspektive. Bild: PD/Kanton Zürich

Erstellt wurden die beiden Lüftungsschächte im Zusammenhang mit dem Bau des unterirdischen Flughafenbahnhofs, der 1980 eröffnet wurde. Inzwischen gehört dieser mit 370 Zügen pro Tag zu den dichtestbefahrenen Bahnhöfen der Schweiz.

Die Betonbauten haben eine wichtige Funktion: Sie müssen die Druckwellen, die bei der Fahrt von Zügen durch die Tunnels entstehen, vom Bahnhof fernhalten – und somit verhindern, dass auf dem Perron wartende Passagiere in strengem Durchzug stehen. Dank der speziellen Form der Schächte wird ein grosser Teil der Luftströmung nach oben abgelenkt.


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Hier bleibt die Schranke bis zu 25 Minuten geschlossen. Durch die lange Wartezeit kommt es zu brenzligen Situationen. Video: Lea Koch


«Die Doppelspurtunnels schaffen lüftungstechnisch besondere Voraussetzungen», hiess es 1980 in einem Bericht der Zeitschrift «Schweizer Ingenieur und Architekt». Messungen hatten ergeben, dass die Züge bis zu 400 Kubikmeter pro Sekunde Tunnelluft in Richtung Perronhalle schoben. «Umfangreiche Modellversuche und Strömungsberechnungen zeigten die günstige Wirkung von Entspannungsschächten. Die erstellten zwei grossen Luftkamine, je in der Nähe der Perronenden, von den Gleisanlagen bis etwa 12 Meter über die Erdoberfläche, leiten einen wesentlichen Teil der grossen Druckwellen ab und ermöglichen auch ein Nachströmen von Aussenluft bei Ausfahrt der Züge, wodurch der Unterdruck gegen aussen und damit Zugerscheinungen auf den Perrons klein gehalten werden.»

Überdruck kann entweichen

Der Bericht von 1980 beschreibe den Nutzen der beiden Schächte präzis, sagt SBB-Sprecher Reto Schärli. «Wenn die Züge mit relativ hoher Geschwindigkeit in die relativ langen Tunnel Richtung Zürich Flughafen fahren, schieben sie wie ein Kolben Luft vor sich her. Damit dieser Überdruck vor dem Bahnhof entweichen kann, wurden die Schächte erstellt.»

Zwischenfälle im Zusammenhang mit dem Lüftungsschacht und dem Flughafen-Rollfeld sind laut Schärli bisher nicht bekannt. Das bestätigt auch Flughafensprecherin Sonja Zöchling, die von einem «speziellen Bauwerk» spricht. Dass Personen via den Lüftungsschacht aufs Vorfeld geraten wären, habe sie noch nie gehört. Zumal eine solche Kletterpartie an den senkrechten und kahlen Betonwänden auch kaum machbar erscheint. Der Zutritt zum Schacht von den Perrons aus ist explizit verboten; Warnschilder weisen Bahnpassagiere darauf hin. Einzig im Rahmen einer gross angelegten Notfallübung am Flughafen, bei der ein Unfall im SBB-Tunnel simuliert wurde, diente der Schacht vor Jahren einmal als Notausstieg.

Auch im Bahnhof Löwenstrasse

Einen Lüftungsschacht gibt es auch beim unterirdischen Bahnhof Löwenstrasse in Zürich, wie SBB-Sprecher Reto Schärli sagt. Dieser befindet sich am Übergang des Weinbergtunnels zum unterirdischen Bahnhof. Weil der Bahnhof Löwenstrasse einen grösseren Querschnitt hat, sind die Luftbewegungen dort allerdings geringer. Der dortige Schacht erfüllt noch einen weiteren Zweck: Er dient als Entrauchungskamin. Im Brandfall würden oberhalb des Perrons Lüftungsklappen aufgehen und der Rauch würde von Ventilatoren zum Kamin gesogen. Der Kamin befindet sich beim Südtrakt des Hauptbahnhofs und ist beim Eingang in den ehemaligen Posthof auf der Seite der Bahnhofstrasse gut zu sehen.

Im unterirdischen S-Bahnhof Museumstrasse ist dagegen kein Schacht nötig. Dort fahren die Züge laut Schärli mit geringer Geschwindigkeit vom Stadelhofen her in den Tunnel ein und beschleunigen erst im Tunnel. Auch der rege Gegenverkehr sorgt für weniger Luftbewegung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.04.2018, 14:47 Uhr

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