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Ein einfaches Leben ist nicht einfach

Was der berühmteste Bankräuber der Schweiz nach 35 Jahren hinter Gittern jetzt vorhat: Hugo Portmann und die Freiheit.

Rafaela Roth und Thomas Hasler
Verweigerte sich im Gefängnis einer Therapie: Häftling Hugo Portmann. Foto: Nicola Pitaro
Verweigerte sich im Gefängnis einer Therapie: Häftling Hugo Portmann. Foto: Nicola Pitaro

63-mal legt sein Verteidiger Bruno Steiner ein fertig abgelesenes Blatt seines langen Plädoyers zur Seite. 63-mal büschelt sein Mandant Hugo Portmann neben ihm den Stapel Papier wieder zurecht. Stil im Manöver war schon immer sein Ding.

Es ist der Tag von Hugo Portmanns Kampf in die Freiheit, und er ist so gut durchgeplant, wie es seine Überfälle einst waren. Nach fast 35 Jahren Gefängnis behandelt das Bezirksgericht Horgen sein Gesuch um eine bedingte Haftentlassung. Und heute würde er den Kampf endlich gewinnen. Zu verdanken hat er es einem anderen Gefecht, das ihn in den Jahrzehnten im Zuchthaus am ­Leben erhielt.

«Ich habe meine Strafe gesühnt»

Kämpfe gehören zu Portmanns Leben. Er prügelte sich durch seine Kindheit ohne Vater mit trinkender Mutter, durch die Heime seiner Jugend, ausgelacht als Legastheniker. Krüppelte als Hilfsgärtner und Stapelfahrer, stahl einen Tresor bei seinem Arbeitgeber – sein Geld war darin –, floh nach Frankreich und kämpfte als Fremdenlegionär im Tschad gegen Libyen. Als er zurückkam, wurde er Panzerknacker. Zwischen 1983 und 1999 überfiel er fünf Banken, flüchtete dreimal aus dem Gefängnis und kam wieder rein. Portmann zielte auf Polizisten, schoss an ihnen vorbei, fesselte Ehefrauen, betäubte Bankenchefs. Das grosse Abenteuer endete immer wieder mit einer neuen Verurteilung: 12 Jahre, 9 Jahre, 5 Jahre, 9 Jahre. Dreimal davon verbunden mit einer Verwahrung auf unbestimmte Zeit.

Doch auch unbestimmte Zeiten enden. «Ich habe meine Strafe gesühnt», sagte Hugo Portmann gestern zum Gerichtsvorsitzenden Bruno Derungs. Sein Auftreten ist selbstbewusst, sein Strickpulli spannt sich über seine muskulöse Brust: «Mir hat jeder Tag im Strafvollzug wehgetan. Aber ich wusste immer, dass ich daran selber schuld war.» Er sei zwar älter geworden, aber körperlich und geistig noch fit. Ein einfaches, bescheidenes Leben wolle er haben, draussen, als Bau- oder Forstarbeiter oder Müllmann. Müll gebe es schliesslich genug. Gerate er in einen Konflikt mit seinem Chef, würde er einfach den Job wechseln, erklärt Portmann dem Richter. Und dass er sich noch nicht sicher sei, ob er das Angebot seiner Lebenspartnerin annehmen wolle, nach seiner Freilassung bei ihr zu wohnen.

Dreinreden lassen will sich Portmann nicht. Jetzt schon gar nicht mehr. Das lässt sich auch an seinem Kampf im Gefängnis ablesen: «Vor fünf Jahren habe ich gegen Urbaniok zu kämpfen begonnen; wenn nicht, würde ich heute nicht hier stehen», sagt Portmann. Er meint den in Zürich aktiven forensischen Psychiater Frank Urbaniok, der ein neues deliktorientiertes Therapiesystem einführte. Portmann hat es stets abgelehnt. Wer nicht krank ist, braucht keine Therapie. So weit sein Standpunkt.

«Mir hat jeder Tag im Strafvollzug wehgetan. Aber ich wusste immer, dass ich daran selber schuld war.»

Hugo Portmann

«Ominös», «unwissenschaftlich», «Etikettenschwindel» und «verquere Seelenschnüffelei» nennt denn auch sein Verteidiger Bruno Steiner das Zürcher Therapiesystem, dem er mindestens 32 seiner 64 Plädoyerseiten widmet. Eine Diskussion über den Umgang mit den Häftlingen müsse geführt werden. Das Strafregime in der Pöschwies sei ein «Krankmacher erster Güte». Elementare Menschenrechte würden verletzt.

Auch ohne Zwangstherapie distanziere sich sein Mandant heute von seinen Taten, sei selbstreflexionsfähig und habe nie jemanden verletzt. Es ist genug, so Steiners Grundtenor. Und am Ende seines Plädoyers tut er etwas, was er sonst nie tut: «Für Portmann lege ich meine Hand ins Feuer», sagt Steiner. Ein Raunen geht durch den Gerichtssaal.

Ein aktuelles Gutachten über Portmann stützt Steiners Wagnis. Portmann neige zwar dazu, seine Kompetenzen zu überschätzen, doch: Sein Rückfallrisiko sei denkbar gering, seine Frustrationstoleranz hoch. Portmann sei weder eitel noch verbittert, er spreche positiv über seine Partnerin, habe keine psychische Störung und gute Disziplin. Das Wichtigste aber: Portmann identifiziere sich nicht mehr mit dem abgebrühten Bankräuber und Fremdenlegionär, der er gewesen sei.

Langweiliges Abenteuer

Das sieht auch Staatsanwalt Martin Bür-gisser so. Er spricht sich ebenfalls für eine bedingte Entlassung Portmanns aus. Einziger Unterschied zu Portmanns Anwalt: Die Probezeit nach der bedingten Entlassung soll fünf und nicht drei Jahre betragen. Die Ausführungen von Bruno Steiner zum Zürcher Therapiesystem bestreitet er. Bei der Therapie von Gehirnwäsche zu sprechen, wie es Steiner tue, sei «abstrus». «In der deliktorientierten Therapie geht es nicht darum, gesunde Häftlinge gesünder, sondern gesellschaftsfähiger zu machen», sagt er.

Dass Portmann auch ohne Therapie gesellschaftsfähig geworden ist, kann er ab dem 16. Juli 2018 beweisen, wenn er bedingt entlassen wird. Das Gericht beschloss eine dreijährige Bewährungszeit. Es auferlegte ihm zudem die Pflicht zu regelmässigen Gesprächen mit der Bewährungshilfe. Er muss sie auch vorgängig über einen Arbeits- oder Wohnwechsel orientieren. Strikte verboten ist ihm der Besitz von Schusswaffen oder das Betreten eines Waffengeschäftes.

Innerhalb der nächsten Monate muss sich Portmann beschaffen, was gewöhnliche Menschen halt so brauchen: einen Job, eine Wohnung, eine stabile Beziehung. Langweilig eigentlich.

Entscheiden muss er sich nur noch, ob er den Kampf zurück in ein normales Leben oder den gegen einen Gefängnisforensiker kämpfen will. Ersterer wäre für ihn das grössere Abenteuer, ein für Portmann völlig unbekanntes Terrain – ohne Glamour und Bad Boys.

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Geschichte eines verpfuschten Lebens

Wer ist Hugo Portmann? 2011 schrieb Daniel Foppa ein eindrückliches Portrait über den Mann, der Banken überfallen, auf die Polizei geschossen und mehrmals aus der Haft das Weite gesucht hatte – indem er bei einem Berglauf nach dem Ziel einfach weiterrannte oder beim Schneeräumen im Gefängnishof eine Rampe an die vier Meter hohe Gefängnismauer geschaufelt hatte. (Abo+)

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