Ein falscher Terrorist kehrt nach Winterthur zurück 

Ein Familienvater und ZKB-Angestellter wurde über ein Jahr lang willkürlich in der Türkei festgehalten. Nun gelang es ihm, auszureisen.

Nach über einem Jahr Zwangsaufenthalt in der Türkei kann Emre Dinçer seine Familie wieder in die Arme schliessen. Foto: Sibylle Meier

Nach über einem Jahr Zwangsaufenthalt in der Türkei kann Emre Dinçer seine Familie wieder in die Arme schliessen. Foto: Sibylle Meier

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Zuerst umarmt er seine beiden kleinen Kinder. Dann drückt er seine Frau lange und fest an sich, die er wegen Recep Tayyip Erdogan über ein Jahr lang nicht in die Arme schliessen konnte. Die Tränen kullern aus seinen Augen, doch Emre Dinçer lächelt.

391 Tage haben er und seine Familie auf diesen Moment gewartet. Am Freitag, kurz nach 14 Uhr, ist er da. Sie sind wieder vereint, nun auf dem Flughafen Kloten und bald daheim in Winterthur. 25 Menschen, die Emre lieb und vermisst haben, erwarten den Bankangestellten in der Ankunftshalle 2. Doch zuerst will sein Sohn seine Aufmerksamkeit. «Papa», ruft der Kindergärtler und überreicht dem Heimkehrer einen Ballon mit dem Schweizer Wappen.

«Endlich wieder in einem Rechtsstaat», sagt der Vater, nachdem er alle begrüsst hat. «In die Türkei reise ich nicht so schnell wieder.»

In Handschellen im TV

Vor einem Jahr war er plötzlich im türkischen Fernsehen zu sehen gewesen, in Handschellen. Zwei Männer in Westen mit der Aufschrift «Polis» führten ihn ab und Kameraleuten als menschliche Trophäe vor. Die Polizei habe, so hiess es im TV, «ein Mitglied einer bewaffneten und international vernetzten Terrororganisation» gestoppt, der aus dem südtürkischen Bodrum nach Griechenland flüchten wollte. Beim Erwischten handle es sich um den 37-jährigen «Emre D.», der die schweizerische und die türkische Staatsbürgerschaft besitze. In einem Onlinebericht hiess es, der Verhaftete sei Teil der internationalen Strukturen von Fetö, in einem anderen er sei «Mitglied eines Fetö-Ausbildungszentrums in der Schweiz».

Das waren schwere Vorwürfe, denn Fetö steht für «Fethullahistische Terrororganisation». Damit bezeichnet der Macht­apparat um Präsident Erdogan die Massenbewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen, die er für den Putschversuch von Mitte 2016 verantwortlich macht. Seither werden in der Türkei echte und vermeintliche Gülen-Anhänger gnadenlos verfolgt – unabhängig davon, ob es Anhaltspunkte gibt, dass sie in den gescheiterten Umsturz involviert waren. Bei Emre Dinçer gibt es nicht die geringsten Hinweise.

Der Absolvent einer Istan­buler Uni war 2008 in die Schweiz gekommen und hatte hier ganz unten angefangen, bei McDonald’s. Später verkaufte er Swatchs. Daneben machte er in Winterthur das Handels­diplom, er lernte perfekt Schweizerdeutsch und begann bald bei der ZKB.

«Endlich wieder in einem Rechtsstaat. In die Türkei reise ich nicht so schnell wieder.»Emre Dinçer,
Er durfte nach den Herbstferien 2017 die Türkei nicht verlassen.

Seinem Arbeitgeber bleibt er treu, und sein Arbeitgeber ihm, auch als Emre 391 Tage nicht ins Büro kommen kann. Die Bank bezahlt der Familie den Lohn weiter.

Doch wieso war Emre lange festgehalten worden? Der Aufsteiger, der selber bewies, wie man es mit Lernen weit bringen kann, hatte früher im Winterthurer Bildungszentrum Ekol mitgeholfen. Die private Schule bot vor allem Nachhilfe für Migrantenkinder an und orientierte sich an Gülens Grundsätzen. Kurze Zeit war Emre auch im Ekol-Vereinsvorstand. Doch bereits im April 2014 schied er wieder aus, über zwei Jahre vor dem Putsch.

Passsperre trotz Freispruch

Bei seiner Festnahme beteuerte Emre, dass er mit Gülen nichts zu tun habe und mit dem Umsturz erst recht nicht. Trotzdem landete er in U-Haft, unter erbärmlichen Bedingungen. «Zuerst bekam ich einen Tag lang kein Wasser», erzählt er nun auf dem Flughafen. «Sechs Tage wurde ich in eine schmutzige Einzelzelle gesperrt.» Insgesamt hundert Tage habe er hinter ­Gitter verbracht, die meiste Zeit «auf 70 Quadratmetern, zweistöckig, mit 23 Gefangenen». Auch seine Mithäftlinge seien Fetö-Verdächtige gewesen. Davon gibt es in türkischen Gefängnissen Tausende.

Der Albtraum der Winterthurer Familie Dinçer hatte bereits in den Herbstferien 2017 begonnen. Als die Eltern mit den beiden Kindern in die Schweiz zurückreisen wollten, beschieden ihnen die Grenzwächter, sie dürften das Land nicht verlassen. Die Eltern schickten ihren heute fünfjährigen Buben und dessen achtjährige Schwester zu Verwandten in die Schweiz. Erst nach drei Wochen wurde bei Mutter Serpil die Passsperre aufgehoben. Sie konnte heimkehren. «Doch es ging mit Rückschlägen weiter», berichtet die Frau nun in Kloten.

Am Flughafen von Tochter getrennt

Im Februar kommt ihr Mann zwar aus dem Gefängnis, doch ausreisen darf er nicht. Die Mutter schickt die Kinder je dreimal aus der Schweiz für Ferien zum Vater in die Südtürkei. Sie selber bleibt in der Schweiz, in Sicherheit.

Emre drohen mehrere Jahre Gefängnis wegen angeblicher Terrorunterstützung. Anfang Oktober wird er freigesprochen. Die Türkei verlassen darf er immer noch nicht. In den Zürcher Schulherbstferien reist seine Tochter ein letztes Mal zu ihm. Nun will es Emre wagen. Zusammen mit der Unterstufenschülerin möchte er heimfliegen. Doch auf dem Flughafen wird er gestoppt und von der Tochter getrennt. Die Ausreisesperre besteht noch immer.

Vergangenen Freitag versucht er es noch einmal. Bei der Passkontrolle wird er durchgewinkt.

Video – Türkischer Botschafter in Bern über Ausreisestopps

Ilhan Saygili, der türkische Botschafter in der Schweiz, erklärt den Entscheid in der Botschaftsresidenz in Bern. (Video: SDA)

Erstellt: 03.11.2018, 07:11 Uhr

Vier Schweizer sitzen fest

Nach der Ausreise Emre Dinçers hält die Türkei noch immer vier Doppelbürger fest. «Eine Person mit türkisch-schweizerischer Staatsangehörigkeit befindet sich in Haft», schreibt das Schweizer Aussendepartement EDA, «drei weitere Personen werden an der Ausreise gehindert.»

Damit kann ein Versprechen des türkischen Botschafters in Bern als gebrochen gelten. Ilhan Saygili hatte im Juli angekündigt, dass Betroffene mit Administrativmassnahmen bald ausreisen können. Damals waren dies sieben Doppelbürger. Dann kam eine weitere Person dazu. Die Zahl der Betroffenen aus der Schweiz liegt noch höher.

Passsperren gibt es auch gegen hier wohnhafte Türkinnen und Türkinnen ohne Schweizer Pass. Sogar einzelne Kinder sitzen mit ihren Eltern in der Türkei fest. (tok)

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