Ein grosser Sieg überstrahlt ein Debakel

Bei der SVP gab die Abwahl von Christoph Mörgeli fast so viel zu reden wie die eigenen Erfolge. Andere schauten bereits wieder vorwärts.

Wurde mit einem Bestresultat gewählt: Medienunternehmer Roger Köppel. Foto: Dominic Steinmann (Keystone)

Wurde mit einem Bestresultat gewählt: Medienunternehmer Roger Köppel. Foto: Dominic Steinmann (Keystone)

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Der grosse Sieger des Wochenendes heisst Roger Köppel , Chef der «Weltwoche» und seit kurzem SVP-Mitglied. Trotz seiner bescheidenen Erfahrung hat er gestern mehr Stimmen gemacht als jeder andere Kandidat vor ihm in der Schweiz. Dieser Erfolg hat insbesondere bei einem anderen erfolgreichen Quereinsteiger, bei Ex-Botschafter Tim Guldimann (SP), Kritik ausgelöst. Er warnte vor der von Köppel verkörperten Verbindung von Medienmacht und Rechtspopulismus und sprach vom «gefährlichen Berlusconi-Phänomen». Köppel selber konterte den Angriff nicht, weil er ihn im Siegesrausch an der SVP-Wahlfeier in Effretikon wohl gar nicht mitbekommen hat.

Der grösste Verlierer kommt auch aus der SVP. Christoph Mörgeli, Programmchef der Partei, ist nach seinem Rausschmiss an der Uni von den eigenen Wählern abgestraft worden. Seine Abwahl ist nicht zufällig, sondern überaus gewollt. Mörgeli hat über 55 000 Stimmen weniger bekommen als Quereinsteiger Roger Köppel, er ist vom zweiten Listenplatz auf Rang 20 zurückgereicht worden. Mörgeli, in der SVP fürs Antizipieren zuständig, hat immerhin noch vorausgesehen, was ihm persönlich blühte. Er hielt sich gestern in Spanien auf.

Parteichef Alfred Heer hat mit seinem abwesenden Programmchef telefonieren können. Viel habe er nicht gesagt, teilte Heer mit. Er selber war überrascht, wie weit Mörgeli zurückgefallen ist. Landwirt Martin Haab kann es «nicht fassen» – erstens, dass Mörgeli weg ist, und zweitens, dass er selber die Wahl um lumpige 20 Stimmen ebenfalls verpasst hat. Regierungspräsident Ernst Stocker (SVP), der im Auftrag des Regierungsrats schon um 15 Uhr bereitstand, um SP-Ständerat Daniel Jositsch zu gratulieren, war ebenso ratlos, was Mörgeli betrifft: «Ich weiss nicht, wie das geschehen konnte. Christoph Blocher ist doch auch stets hervorragend wiedergewählt worden.»

Ganz so überraschend ist Mörgelis Debakel aber nicht für alle. SVP-Kantonsrat Hanspeter Amrein hat im Wahlkampf oft gehört: «Mörgeli werde ich streichen.» Und Claudio Zanetti, glücklicher neuer SVP-Nationalrat, sagte, was andere denken. «Mörgeli wirkte manchmal zu verbissen.» Speziell nachteilig sei gewesen, dass er wegen seiner Entlassung an der Uni oft in eigener Sache kämpfte. «Da hätte er besser etwas mehr geschwiegen.» Grund zur Häme sieht Zanetti «bei Mörgelis Leistungsausweis» aber nicht. Die kam gestern aus den anderen Parteien. Aus Zug twitterte die Grüne Jolanda Spiess Hegglin, die von Mörgeli auf TeleZüri wegen ihrer Sexaffäre beleidigt worden war: «Ausgekochtes Luder grüsst abgewählten Nationalrat.»

Ein «Njet» gab es aus der Wählerschaft auch für die beiden SVP-Nationalräte Hans Fehr und Ernst Schibli. Während Rentner Fehr wohl über seine Putzfrauenaffäre gestolpert ist, hat Landwirt Schibli seinen Goodwill bei den Bauern verspielt. Dass er nach seiner Abwahl vor vier Jahren gegen Jungbauer Haab nochmals angetreten ist, haben ihm viele Berufskollegen übel genommen. Nicht einmal im Weinland ist Schibli gewählt worden. Einziger Trost: Zu Hause in Otelfingen hat er gleich viele Stimmen bekommen wie Roger Köppel. Das kann Hans Fehr von sich nicht behaupten. Er wurde in Eglisau von Köppel abgehängt. Und geschlagen wurde er auch von Natalie Rickli, Unternehmer Hans-Ulrich Lehmann und Seklehrer Matthias Hauser. Darum schreibt Fehr in einer Stellungnahme: «Das Resultat zeigt mir, dass mein Bundesberner Engagement nicht mehr nötig ist.» Fehr will jetzt seinen Plan B durchziehen. Der lautet: Familie, Reben, Schreiben, Töff- und Velofahren.

Zu den Verlierern zählt sich auch Andri Silberschmidt, der Präsident der Jungfreisinnigen. Mit einer Wahl hat er zwar nicht rechnen können, dennoch ist er ernüchtert: Die Jungparteien haben total 28 Prozent ihrer Wählerstimmen verloren. Und die Jungfreisinnigen haben ihr Wahlziel, stärkste Jungpartei zu werden, bei weitem verpasst. Die junge FDP ist nur gleich stark wie die junge EVP. Die nach wie vor wählerstärkste Jungpartei stellen die Grünliberalen. Einziger Trost für Silberschmidt: Die junge FDP ist mit der SVP zusammen die einzige Jungpartei, die zugelegt hat.

Mit gemischten Gefühlen ist der grüne Nationalrat Balthasar Glättli gekommen. Einerseits konnte er die vor ihm liegenden Frauen, Elena Marti und Katharina Prelicz-Huber, locker überholen und seinen Sitz verteidigen. Doch im Total gingen viele grüne Sitze verloren, was auch den 17-jährigen Benjamin Walder schmerzt. Wer ist Benjamin Walder? «Eine Zukunftshoffnung», sagt Glättli. Er hat den Wetziker Schüler motiviert, ein Grüner zu werden. Gestern durfte er Politikluft schnuppern. Was aus solchen Praktikanten werden kann, zeigt Glättli selber. Seinen ersten Besuch im Wahlzentrum hat er an der Hand von Nationalrat Daniel Vischer gemacht.

Erstellt: 23.10.2015, 10:43 Uhr

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