Ein grüner Baudirektor ergibt auch für die Bürgerlichen Sinn

Der grüne Neo-Regierungsrat Martin Neukom erhält seine Wunschdirektion und wird Zürcher Baudirektor. Ein anderer Entscheid wäre zu riskant gewesen.

Die richtige Wahl: Martin Neukom ist der erste grüne Zürcher Baudirektor.

Die richtige Wahl: Martin Neukom ist der erste grüne Zürcher Baudirektor. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Direktionsverteilungen sind der Moment, wo die Mehrheitsallianz ihre Muskeln spielen lassen kann. Simonetta Sommaruga wurde nach ihrer Wahl in den Bundesrat ins Justizdepartement gepflanzt – aus Sicht von SP-Präsident Levrat eine «Strafaktion der Rechten». Der Zürcher FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger musste auf Geheiss der rot-grünen Regierungsmehrheit das einflussreiche Tiefbaudepartement abgeben und ins eher leichtgewichtige Schul- und Sportdepartement umziehen.

Solchen Kraftmeiereien ist gemeinsam, dass sie zumindest temporär die Zusammenarbeit im Regierungskollegium belasten. Umso mehr verdient der Zürcher Regierungsrat Anerkennung: Er scheint sich in Minne neu organisiert zu haben. Martin Neukom, der überraschend gewählte grüne Ingenieur, wird Baudirektor, Neo-SVP-Magistratin Natalie Rickli übernimmt die Gesundheit.

Dem Wählerwillen Rechnung getragen

Dabei kursierte im Vorfeld der Direktionsverteilung das Gerücht, bürgerliche Kreise seien darum bemüht, Neukom von der Baudirektion fernzuhalten. Also von jenem Ort, wo sich am wirkungsvollsten grün politisieren lässt. Neukom hat bereits im Wahlkampf konkret aufgezeigt, wo er ansetzen würde – und er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass die Baudirektion seine Lieblingsdestination wäre. Das hat manche Bürgerliche aufgeschreckt.

Doch die nach wie vor bürgerlich dominierte Zürcher Regierung hat der Versuchung widerstanden, Neukom gegen seinen Willen an einen Ort mit weniger Entfaltungsmöglichkeit zu verfrachten und den ersten grünen Baudirektor zu verhindern. Das zeugt von Respekt. Der Erdrutschsieg der ökologischen Kräfte hat den Wählerwillen klar zum Ausdruck gebracht: Man will im Kanton eine grünere Politik. Mit Baudirektor Neukom wird dieser Forderung Rechnung getragen.

Das Risiko wäre enorm gewesen

Die Ressortverteilung zeugt aber auch von Realitätssinn: Die Bürgerlichen dürften erkannt haben, dass das Risiko einer Desavouierung der grünen Wahlsieger in keinem Verhältnis zum Nutzen gestanden wäre. Der Nutzen wäre bescheiden gewesen, weil sich Neukom auch sonst hätte ökologisch einmischen können (einfach ohne dafür Verantwortung übernehmen zu müssen) und weil die wichtigen Entscheide ohnehin nicht der Baudirektor allein fällt. Dafür sind Gesamtregierung und Kantonsrat zuständig.

Das Risiko hingegen wäre enorm gewesen. Fünf Monate vor den nationalen Wahlen hätten die Bürgerlichen der Öffentlichkeit demonstriert, dass ihre angebliche Sorge um Umwelt und Klima nur Wahlkampfrhetorik ist und sie in Tat und Wahrheit jede Gelegenheit nutzen, um den ökologischen Fortschritt auszubremsen. In der Opferrolle wäre Martin Neukom zum denkbar besten Wahlhelfer der Grünen geworden.

Erstellt: 06.05.2019, 12:09 Uhr

Artikel zum Thema

Zürich erhält erstmals einen grünen Baudirektor

Die Ämter im Regierungsrat sind verteilt. Natalie Rickli muss sich in ein neues Thema einarbeiten. Mehr...

Der Neue hat es auf die Ölheizungen abgesehen

Der Grüne Martin Neukom könnte neuer Zürcher Baudirektor werden. Die Folgen für Hauseigentümer: Mehr Fördergeld für bessere Heizungen und Isolierungen. Und mehr Druck. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Ausstellungseröffnung: «Schatten»!

Mit einer Auswahl von fast 140 Werken zeigt die Ausstellung «Schatten» in der Hermitage 500 Jahre Kunstgeschichte.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kunst in der Luft: Seifenblasen machen Spass vor dem Louvre in Paris. (19. Juli 2019)
(Bild: Alain Jocard) Mehr...