Schon Steinzeit-Zürcher blufften mit Gadgets

Ein unterhaltsamer neuer Führer zeigt, was die Archäologie im Kanton schon alles ans Licht gebracht hat. Wir zeigen ein paar Highlights – darunter ein unbrauchbares Messer.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Ausflug in die Vergangenheit» heisst die Neuerscheinung. Das Buch der Winterthurer Archäologin Gisela Nagy (siehe Kasten rechts) ist unterhaltende Wissenschaft und Wanderführer zugleich; es präsentiert Routen aus allen Zürcher Regionen, die an Fundorten vorbeiführen. Derzeit sind in Stadt und Kanton 5000 Fundstellen bekannt. Bemerkenswert, was da aufgrund von Zufallsentdeckungen und gezielten Grabungen alles ans Licht gekommen ist; auch dies dokumentiert das Buch. Nachfolgend zehn Trouvaillen aus verschiedenen Jahrtausenden.

Neandertalers Messer
Ein dreieckiger Stein, 17 Zentimeter lang, von Menschenhand behauen, unten breit, gegen oben spitz zulaufend: Das ist der Faustkeil von Schlieren; ab dem 1. August wird er im Neubau des Landesmuseums Zürich in der neuen Archäologie-Dauerausstellung zu sehen sein. Als man ihn 1954 an der Urdorferstrasse in der Baugrube für eine Tankstelle fand, war das eine Sensation. Der Keil ist gut 130 000 Jahre alt und also das älteste Fundstück aus dem Kanton bzw. das zweitälteste der Schweiz. Gefertigt hat ihn aller Wahrscheinlichkeit nach ein Zürcher Neandertaler.

Bild: Schweizerisches Nationalmuseum, Donat Stuppan

Ein Wall zum Verzweifeln
Oberhalb des Weinländer Winzerdörfchens Rudolfingen erhebt sich der bewaldete Schlossberg. Beamen wir uns zurück in die späte Bronzezeit und stellen uns vor, wir seien begehrliche Angreifer, die die befestigte Siedlung auf dem Berg stürmen wollen. Das Vorwerk besteht aus einem drei Meter breiten Graben, natürlich setzen uns die Verteidiger dahinter zu, während wir anrennen. Später sammeln sie sich 120 Meter weiter beim Hauptwerk neu. Wieder ein Graben, anderthalb Meter tief. 20 Meter weiter kommt der Hauptgraben, sechs Meter breit. An ihn schliesst sich der 8 Meter breite und drei Meter hohe Hauptwall mit einem Palisadenaufbau auf Holz. All das müssen wir überwinden und werden dabei ja stets beschossen – uff, wir geben auf und ziehen ab. PS: Auf der Landeskarte ist die Befestigung, die auch heute einigermassen erkennbar ist, eingezeichnet.

Massénas Bau
Geht man im Winter nordseitig an der Limmat von Dietikon Richtung Kloster Fahr, erkennt man im kleinen Waldstück im Gebiet «Im Chöpfli» unscheinbare Erhebungen. Sie wirken wie Erdhäufen von Waldarbeitern; im Sommer macht die Vegetation sie praktisch unsichtbar. Dies sind die Franzosenschanzen aus dem zweiten Koalitionskrieg, als Napoleons revolutionäre Truppen gegen die Briten, Österreicher und Russen zogen. Am Morgen des 25. 9. 1799 überquerte Napoleons General Masséna die Limmat bei Dietikon auf einer Pontonbrücke und liess den Brückenkopf mit Schanzanlagen sichern. Von der Aktion und den folgenden Kämpfen geblieben sind neben den Schanzen: Ein Gedenkstein an der Limmat. Ein Denkmal für die gefallenen Kosaken oberhalb des Klosters Fahr. Sowie die Inschrift am Arc de Triomphe in Paris. In der Liste der glorreichen Schlachten Napoleons aufgeführt ist dort: Dietikon.

Kemptens Isispriester
Im antiken Rom verbreiteten sich orientalische Kulte aller Art. Manche waren okkult, ihre Anhänger bildeten eine Art Sekte. Die ägyptische Göttin Isis war besonders beliebt, die Römer setzten sie wahlweise gleich mit eigenen Göttinnen wie Iuno, Diana und Ceres. Die Priesterschaft der Isis zeichnete sich aus durch kahl rasierte Schädel. Just einen solchen Isispriester förderte man in Kempten (In den Muren) zutage: ein priesterlicher Glatzkopf, der aus dem pharaonischen zuerst in den römischen und dann in den helvetischen Kontext übergewechselt ist. Normalerweise kann man den Herrn in Museum Wetzikon bestaunen; momentan ist er allerdings in die Romandie ausgeliehen.

Bild: Kantonsarchäologie Zürich, Martin Bachmann

Wachtturm mit Ofen
Für den Rhinsberg nah Eglisau ist ein Refugium aus der Bronzezeit belegt. Aber auch eine Hochwacht des Ancien Régime mit dem sinnigen Namen «Pechpfannehüsli». In einer Pfannen brennendes Pech raucht stark. Genau darum ging es bei den 23 Hochwachten im Kanton: Mit Höhenfeuern, mit Licht und Rauch also, signalisierte man, dass ein Feind angerückt kam. Bis 1812 war das System von Hochwachten im Betrieb, dann überliess man sie mehr oder minder dem Zerfall. Besonders gemütlich war das Wachtposten-Leben auf dem Rhinsberg wohl nicht, man war dem Wetter ausgesetzt. Immerhin hat man im gemauerten Turm einen Ofen entdeckt; die Posten konnten heizen.

Löcher für die Molke
In Seeb in der Gemeinde Winkel, unweit des Flughafens Zürich, grub man einen römischen Gutshof aus, ein riesiges Geviert mit Herrenhaus und Wirtschaftsgebäuden, in denen geschmiedet, getöpfert, gewoben und gekocht wurde. Es gab Viehpferche, Ställe und einen Kalkofen sowie eine Brunnenhaus mit Sodbrunnen. Und ein Badehaus. In einer Art Gewächshaus, das einen Teil des Ausgegrabenen vor dem Wetter schützt, ist ein kleines Museum eingerichtet. Man sieht zum Beispiel eine Tonform zur Käseherstellung. Durch die Löcher konnte die Molke abfliessen.

Bild: Kantonsarchäologie Zürich

Jungfrau mit Bart
Wilgefortis hiess die Dame, worin sich das Lateinische «virgo fortis» verbirgt, starke Jungfrau. Eine christliche Prinzessin war sie, der die Freier arg zusetzten; sie bat Gott, ihr zwecks Schutz ihrer Keuschheit einen Bart zu schenken. So geschah es, die Freier flohen, doch der wütende Vater liess Wilgefortis kreuzigen. Es gibt von dieser Geschichte abweichende Versionen, und Wilgefortis ist als Sankt Kumera oder Heilige Kümmernis im deutschsprachigen Raum weit verbreitet. Leute, die mit ihrem Geschlecht Mühe haben, finden in ihr die kirchlich abgesegnete Schutzpatronin. Am Turm von St. Arbogast in Oberwinterthur sieht man aussen die Kopie des Wilgefortis-Originalreliefs aus dem Chor. Die heutige Kirche ist übrigens in ihren romanischen Elementen gut 750-jährig. Eine Vorgängerin enstand schon unter den Merowingern im 7. Jahrhundert. Der Kultplatz ist uralt, belegt die Archäologie.

Antike Stiefeletten
Winterthur hiess bei den Römern Vitudurum. Die Ausgrabungen im alten Vicus, der Siedlung von kleinstädtischer Dimension, erwiesen sich als ergiebig. Einer der Funde sieht aus wie Stiefeletten von einem modernen italienischen Designer. Schmal sind sie, elegant, etwas affektiert. Tatsächlich handelt es sich um die Vorlage: um ein Paar Schuhmacher-Leisten aus Ahornholz. Das Modell hatte Grösse 40, übrigens. Ab August wird es im Landesmuseum in Zürich augestellt sein.

Bild: Kantonsarchäologie Zürich, Martin Bachmann

Die Grottenburg
Etwas beschwerlich ist er schon, der Aufstieg zum Erdmannliloch ab der Talmüli an der Strasse von Bachs nach Fisibach. In die nackte Fluh des Sanzenbergs ist 12 Meter weit eine Höhle eingetieft. Mauerreste deuten an, dass sie einst gegen vorn, gegen Angreifer von unten, gesichert war. Bei Ausgrabungen kamen Spuren eines starken Brandes zum Vorschein. Was der Brand für die Bewohner bedeutete und wer diese waren: unklar. Sicher ist: Dies ist im Schweizer Mittellland die einzige Grottenburg, also befestige Naturhöhle.

Das unbrauchbare Messer
Gadgets trugen die, die es sich leisten konnten, schon in der Jungsteinzeit mit sich herum. In Otelfingen-Riedholz fand man einen Silexdolch, hergestellt aus einer Silexknolle von der nahen Lägern durch einen versierten Handwerker. Die Halterung des Dolches (verwahrt in der Fundsammlung der Kantonsarchäologie) ist verschwunden, Kerben in der Klinge deuten an, wo sie in den Stein griff. Das Messer sieht aggressiv aus, man konnte damit schneiden und stechen. Theoretisch. In der Praxis ist es so: Silex bricht ziemlich schnell. In einem Kampf war der Dolch unbrauchbar. Er war der Protzgegenstand eines Hablichen. Wehrhaftigkeit als Show.

Bild: Kantonsarchäologie Zürich, Simon Vogt

Erstellt: 21.06.2016, 11:22 Uhr

Das Buch

Prähistorische Grabhügel, Wälle und Fluchtstätten. Reste römischer Villen. Ruinen mittelalterlicher Burgen und Klöster. Spuren einstiger Verkehrswege: Von alledem hat der Kanton Zürich reichlich. Das Buch «Ausflug in die Vergangenheit. Archäologische Streifzüge durch den Kanton Zürich» dokumentiert Fundstellen und Funde für Nicht-Experten. Die Neuerscheinung von Gisela Nagy ist umso mehr auch ein tauglicher Wanderführer, als die vorgestellten Wanderrouten via eine Gratis-App aufs Handy geholt werden können. Verlag Librum, 256 S., viele Fotos, 35 Fr.-

Artikel zum Thema

Zwei Monatslöhne lagen einfach da

Ein Mitarbeiter der Zürcher Kantonsarchäologie ist in Nürensdorf auf einen mittelalterlichen Schatz gestossen. Mehr...

Ein vergessenes Dorf taucht wieder auf

Aufgefahren sind die Bagger im Osten Winterthurs, um die Stadt vor einem Hochwasser zu schützen. Doch dann legten sie etwas Unerwartetes frei. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Zeigen Flagge: Luftaufnahme der Flaggen-Zeremonie für die Olympischen Jugendspiele, die 2020 in Lausanne stattfinden werden. (19. September 2019)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...