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«Ein Messer ist schnell gezückt»

Christiane Lentjes Meili, Kripo-Chefin der Zürcher Kantonspolizei, will nicht von einer Trendwende sprechen, obwohl die Kriminalität in Zürich abnimmt. Die vielen Gewaltverbrechen bereiten ihr Sorgen.

Stefan Hohler und Thomas Hasler
«Wir hatten im letzten Jahr einige wichtige Fahndungs- und Verhaftungserfolge»: Christiane Lentjes Meili.
«Wir hatten im letzten Jahr einige wichtige Fahndungs- und Verhaftungserfolge»: Christiane Lentjes Meili.
Sophie Stieger

Die Kriminalität im Kanton Zürich ging letztes Jahr um 7 Prozent, in der Schweiz um 5 Prozent zurück. Eine Trendwende? Von einer Trendwende kann man nicht sprechen. Im Quervergleich der letzten 20 Jahre verzeichnen wir bereits seit 2004 einen klaren Abwärtstrend. Es ist schwierig, eine Prognose für die Kriminalitätsentwicklung zu stellen, weil die Situation mit einem «Chlapf» ändern kann. Die Balkankrise in den 90er-Jahren hatte sich beispielsweise sofort auf die Kriminalitätsrate ausgewirkt. Demgegenüber hat sich die Befürchtung bisher nicht bestätigt, dass die Personenfreizügigkeit zu einem Anstieg der Kriminalität führt.Was ist für Sie der Hauptgrund für diese positive Entwicklung? Einen Hauptgrund gibt es nicht. Aus polizeilicher Sicht sind unter anderem die intensivierten Kontrolltätigkeiten, die wir ganz gezielt an Brennpunkten gemacht und die sich auch herumgesprochen haben, ein ganz wichtiges Element.Können Sie dies verdeutlichen? Wir hatten im letzten Jahr einige wichtige Fahndungs- und Verhaftungserfolge, speziell bei Serien- und Intensivtätern. Diese Leute hatten zum Teil Hunderte von Straftaten begannen, was sich in der Statistik auswirkte. Zudem haben wir unsere Präventionsanstrengungen gerade auch im Bereich der Jugendkriminalität in den letzten Jahren intensiviert und die Zusammenarbeit mit den Jugendanwaltschaften, Schulen und anderen Partnerorganisationen verstärkt. Auch diese Bemühungen beginnen, sich auszuwirken.Auch im Bereich der Intensivtäter? Ja, von den jugendlichen Intensivtätern, zu denen wir rund 50 Personen zählen, befinden sich im Moment gut zwei Drittel in einem Massnahmenvollzug. Das hat sich ebenfalls auf die Statistik ausgewirkt. Zudem legen wir heute, im Gegensatz zu früher, sehr viel Gewicht auf die möglichst frühzeitige Erkennung dieser Täterkategorie.Und bei den erwachsenen Intensivtätern? Hier legen wir den Fokus auf die Ausschaffung von kriminellen Ausländern. Lange war der Informationsaustausch zwischen den Behörden, vor allem mit dem Migrationsamt und dem Amt für Justizvollzug, zu wenig koordiniert. Jetzt sind wir mit unseren Partnerorganisationen in einem Gremium gut eingebunden, und die Zusammenarbeit hat grosse Fortschritte gemacht.Neben der allgemeinen Kriminalität gingen auch die schweren Gewaltdelikte im Kanton Zürich um 10 Prozent zurück. Wie interpretieren Sie diese Zahl? Die reinen Zahlen täuschen. Im Gegensatz zur allgemeinen Kriminalität, die tendenziell zurückgeht, ist bei den Gewaltdelikten seit 2004 eine Stagnation der Zahlen zu beobachten. Die Gewaltdelikte haben sich in den letzten 20 Jahren insgesamt mehr als verdoppelt. Im Jahre 2010 kam es nur deshalb zu einem Rückgang, weil wir 2009 einen markanten Anstieg hatten. Aber auch 2010 befanden wir uns auf einem hohen Niveau, das im Durchschnitt der letzten Jahre liegt.Bei einem Viertel der schweren Körperverletzungen kamen Messer zum Einsatz. Das macht uns Sorge, denn ein Messer ist schnell gezückt. Es scheint derzeit ein Trend zu sein, ein Messer mit in den Ausgang zu nehmen. Die Leute sagen jeweils, sie hätten es zu ihrer Verteidigung dabei.Ist der Rückgang bei der häuslichen Gewalt eine Folge des neuen Gewaltschutzgesetzes? Die konsequente Umsetzung des Gewaltschutzgesetzes hat Wirkung gezeigt. Ich bin aber vorsichtig, von einem Rückgang zu sprechen. Denn die rückläufigen Zahlen werden durch die starke Zunahme bei den Tätlichkeiten kompensiert. Bei solchen erstmaligen Gewaltanwendungen verzichtet das Opfer oft auf einen Strafantrag. Diese Vorfälle haben dann keine strafrechtlichen Konsequenzen und erscheinen deshalb auch nicht in der Kriminalstatistik. Sie werden nur polizeiintern registriert.Welchen Anteil machen Kriminaltouristen bei der Ausländerkriminalität aus? Bei Straftaten, die von Ausländern begangen werden, nimmt der Anteil der Personen, die keinen ständigen Aufenthaltstitel in der Schweiz haben, kontinuierlich zu. Früher lag er noch bei etwa 10?Prozent. Heute sind es bereits 15 Prozent. Dieser Anstieg dürfte mit der Personenfreizügigkeit in Zusammenhang stehen. Vor allem Personen aus dem Osten, die früher für die Einreise in die Schweiz ein Visum brauchten, können heute frei einreisen.Der Raub oder das «Ausnehmen», wie es die Jugendlichen nennen, ist markant gesunken. Ist dieses Delikt bei den Jugendlichen weniger in? Das kann sein. Die Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund hat sich inzwischen deutlich verbessert. Raubdelikte von Jungen, die verübt wurden, um sich in der Gruppe zu beweisen, sind rückläufig. Mit anderen Worten: Sie haben es nicht mehr nötig. Aber auch das Anzeigeverhalten ist für den Rückgang mitverantwortlich: Unser Jugenddienst hört oft, dass Opfer auf eine Anzeige verzichten, wenn sie nicht gravierend verletzt wurden.Wie beurteilen Sie die Rolle des Internets im Zusammenhang mit Jugendgewalt? Wir haben es möglicherweise mit einer gewissen Verlagerung zu tun – von der körperlichen Attacke auf der Strasse zu Attacken im Internet. Cyber-Mobbing und Cyber-Bullying könnten von der Täterseite als eine anonymere und dadurch sicherere Methode mit nachhaltigerem Effekt angeschaut werden. Ob sich dies zu einem neuen Trend entwickelt, können wir aber noch nicht quantifizieren. Umgekehrt haben die Opfer leider das Gefühl, dass sich eine Anzeige in solchen Fällen nicht lohnt.Also eine Verlagerung der Kriminalität in die virtuelle Welt? Bis jetzt ist Internetkriminalität noch klar eine Ergänzung. Ob sie in Zukunft die «reale» Kriminalität einmal ablösen wird, weiss niemand. Schon heute hinterlässt aber fast jedes herkömmliche Delikt zumindest Spuren im Internet. Dazu kommt die eigentliche Internet-kriminalität, beginnend bei Pornografie, Cyber-Mobbing oder Phishing (Passwortdiebstahl).Was sich auch in der sichergestellten Datenmenge zeigt. Ja, die von der Kantonspolizei in diesem Zusammenhang sichergestellten Datenmengen sind immens. Sie sind von 1 Terabyte im Jahr 2003 auf 180 Terabyte im letzten Jahr gestiegen. Um dies zu veranschaulichen: Wenn ein einziges Terabyte in Form von Textdateien ausgedruckt würde, entspräche dies einem Papierstapel von 19,5 Kilometer Höhe. Ich betrachte die Nutzung des Internets als die grosse Herausforderung für die Zukunft der Kriminalitätsbekämpfung. Entscheidend für eine wirksame Arbeit der Polizei ist, dass sie Straftätern punkto Ressourcen, Technologie und Rechtsgrundlagen nicht hinterherhinkt.

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