«Ein paar Indizien reichen für eine Verurteilung nicht aus»

Man glaubte, den Sprayer gefasst zu haben, der für einen Schaden von 300'000 Franken verantwortlich sein soll. Nach der Gerichtsverhandlung heisst es: Ausser Spesen nichts gewesen.

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An ihren Werken werdet ihr sie erkennen, könnte man in Abwandlung eines Bibelwortes sagen. Denn Sprayer pflegen ihre Werke, die man je nach Standpunkt als Kunst oder Schmiererei ansehen kann, zu unterschreiben - mit einem sogenannten Tag. Im Fall, den das Bezirksgericht am Mittwoch zu behandeln hatte, ging es um die individuellen Tags «GASE » oder «GASEY» und das Gruppen-Tag «ASB».

Der entscheidende Beweis fehlte

An über 100 Stellen, vor allem in der Stadt Zürich, aber auch in Schaffhausen, Davos oder andernorts, waren Bilder oder Schriftzeichen mit diesen Tags angebracht worden. Laut Anklage entstand dabei insgesamt ein Sachschaden von 304'000 Franken. Dafür verantwortlich sein sollte ein heute 22-Jähriger aus dem Zürcher Unterland. Er soll den Schaden zwischen Juli 2007 und Januar 2014 verursacht haben. Er bestritt konsequent, der Urheber der Werke zu sein.

Dass den Strafverfolgern der entscheidende Beweis fehlte, der den jungen, inzwischen verheirateten Mann überführt hätte, räumte der Staatsanwalt unumwunden ein. Er präsentierte aber eine Reihe von Indizien, die an der Täterschaft des Mannes scheinbar keinen Zweifel liessen: Er war in Wallisellen bei der Autobahn auf frischer Tat erwischt worden. Das Tag «GASE» konnte in diesem Fall ihm zugeordnet werden. Und weil es in der Sprayerszene verpönt ist, das Tag zu kopieren oder nachzumachen, müsse der 22-Jährige auch für den ganzen Rest verantwortlich sein.

Indizien zuhauf

Zudem: Bei ihm zu Hause waren Fotos und Skizzen gefunden worden mit den individuellen Tags. Leute aus dem Umfeld des Beschuldigten sagten der Polizei, das Tag «GASE» gehöre ihm. Ein Freund des Beschuldigten gab zu, in Arosa eine Zugkomposition besprayt zu haben. Das Tag des 22-Jährigen tauchte dort auch auf. Er war damals auch in Arosa. Die beiden waren damals kontrolliert worden, wie sie sich mit 41 Dosen auf dem Weg in den Graubündner Ort befanden.

Schliesslich zeigte ein Foto den jungen Mann, wie er mit einer Dose in der Hand auf einer Leiter stand. Hinter ihm war ein Werk zu sehen, das mit «Gase» unterschrieben war. Der Staatsanwalt beantragte eine unbedingte Freiheitsstrafe von 14 Monaten und den Widerruf einer bedingten sechsmonatigen Strafe. Der Mann war nämlich im Jahr 2011 schon einmal wegen Sprayereien verurteilt worden.

Doch das Bezirksgericht sprach den Mann von Schuld und Strafe frei. Für eine Verurteilung dürften «keine vernünftigen Zweifel zurückbleiben». Solche gab es offenbar: Zwar spreche «einiges» für seine Täterschaft, aber: Es sei nicht so, dass ein Tag ausschliesslich nur von einer einzigen Person verwendet werde. Beim Gruppentag «ASB» liege es auf der Hand, dass es von mehreren Mitgliedern dieser Gruppe verwendet werde.

Die Tags seien so unterschiedlich, dass sie durchaus von mehreren Personen benutzt worden sein könnten. Die Aussagen aus dem Umfeld des Mannes durfte das Gericht nicht zu seinen Ungunsten verwenden, weil die Staatsanwaltschaft es unterlassen hatte, Konfrontationseinvernahmen durchzuführen. Schliesslich fehlte dem Gericht das wichtigste Indiz für die Täterschaft des 22-Jährigen, das oft zur Verurteilung führe: Es gebe «kein Gutachten eines Schriftsachverständigen» über die Urheberschaft, sondern nur «die laienhafte Beurteilung der Polizei».

Kurz: Ein paar Indizien reichten nicht aus, um den Mann für über 100 Sachbeschädigungen verantwortlich zu machen. Ob der Freispruch ans Obergericht weitergezogen wird, ist nicht bekannt.

Erstellt: 11.03.2015, 16:05 Uhr

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