Zürichs Fünf-Punkte-Plan gegen das Artensterben

Der Zustand der Natur in Zürich ist besorgniserregend. Was der Kanton jetzt dagegen unternimmt.

So sieht ein erfolgreich renaturiertes Flachmoor von nationaler Bedeutung aus: Das Naturschutzgebiet Hänsiried beim Katzensee. Foto: Sophie Stieger

So sieht ein erfolgreich renaturiertes Flachmoor von nationaler Bedeutung aus: Das Naturschutzgebiet Hänsiried beim Katzensee. Foto: Sophie Stieger

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Es muss ein deprimierender Job sein: Jahr für Jahr schätzen Experten im Auftrag des Kantons Zürich, wie sich der lokale Bestand bedrohter Tiere und Pflanzen entwickelt hat. Die Bilanz tönt meist ähnlich wie letztes Mal. Zwischen 2013 und 2016 hat sich jede sechste von 240 untersuchten Arten negativ entwickelt, die akrobatische Uferschwalbe zum Beispiel oder die kleine Teichrose. Zahlenmässig zugenommen haben fast nur Tiere und Pflanzen, die von gezielten Schutzmassnahmen profitierten.

Die Attraktivität des Kantons Zürich bei der Art Homo sapiens macht ihn für alle anderen Arten zu einem harten Pflaster. Das ist wörtlich zu nehmen. Siedlungen dehnen sich aus, Strassen zerschneiden die Landschaft, Verkehr und Landwirtschaft verstopfen Böden mit Stickstoff, immer mehr Menschen drängen zur Erholung in die Natur. Wegen der besonders hohen Nutzungsdichte gilt für Zürich verstärkt, was für die Schweiz generell gilt: Der Zustand der Artenvielfalt oder Biodiversität ist hier «besorgniserregend». So steht es im jüngsten kantonalen Umweltbericht.

Verdammt zum Aussterben

Das alarmierende Fazit des Anfang Woche präsentierten globalen Biodiversitätsberichts spiegelt also eine Entwicklung, die auch direkt vor der Haustür stattfindet. Oft, ohne dass man es bemerkt. Wer achtet schon auf eine kleine Libelle wie die Moosjungfer? Zudem zieht sich das Sterben über Jahre hin. «Viele seltene Arten kommen im Kanton noch vor», sagt ETH-Professor Rolf Holderegger, «aber ihre Lebensräume haben nicht mehr die Grösse und Qualität, damit sich die Arten genügend fortpflanzen.» Die Wissenschaft hat für diesen Zustand der Verdammnis einen morbiden Begriff erfunden: «Aussterbeschuld».

Das idyllische Bild, das viel besuchte Naturschutzgebiete wie die Thurauen oder der Sihlwald bieten, ist ein trügerisches. Zwar ist der Kanton Zürich nah dran, sein 1995 beschlossenes Ziel zu erreichen, 3600 Hektaren ökologisch besonders wertvolle Landschaften dauerhaft zu sichern, was etwa dreimal der Fläche des Greifensees entspricht. Aber das sind nur zwei Prozent des Kantonsgebiets. Und ausserhalb haben sich die Fortschritte in den letzten zehn Jahren stark verlangsamt. Das gilt etwa für die Magerwiesen, die oft nur minderwertig sind, oder für die Fläche der Hecken, die auf tiefem Niveau stagniert.

Der Fünf-Punkte-Plan

Übers Ganze gesehen, sind die Lebensräume für viele Tiere und Pflanzen im Kanton Zürich zu klein, zudem von ungenügender Qualität, weil aus dem Umland zu viele Nährstoffe hineingelangen, und kaum mehr vernetzt. Die letzte Zwischenbilanz der kantonalen Fachstelle Naturschutz vor drei Jahren: Der Zustand der Zürcher Natur ist unbefriedigend, die bisherigen Massnahmen genügen nicht.

Um vorwärtszukommen, regten die Umweltexperten an, sich bis 2025 auf fünf Schwerpunkte zu konzentrieren.

1. Alle Biotope und Gebiete von überkommunaler Bedeutung definitiv zu sichern. 2. an die 900 Hektaren Magerwiesen auf ein hohes Qualitätsniveau zu heben oder neu zu schaffen und weitere 2500 darauf vorzubereiten. 3. 1300 Hektaren Land, um die bestehenden Reste der Zürcher Moore zu sichern und diese vor negativen Einflüssen aus der Umgebung zu schützen. Die heute isolierten Restflächen genügen für zahlreiche gefährdete Arten nicht zum Überleben – Zürich als einer der moorreichsten Kantone im Mittelland hat hier eine besondere Verantwortung. 4. endlich wieder neue Waldnaturreservate zu schaffen. Zudem auch Waldgebiete, die mit regelmässigen Eingriffen licht gehalten werden, was seltene Arten begünstigt. 5. bei der Renaturierung von Bächen und Flüssen die Ufer so zu gestalten, dass diese Gewässer als Verbindungskorridore zwischen ökologisch wertvollen Gebieten dienen.

Alle weiteren Massnahmen haben zweite Priorität, so zum Beispiel der Bau naturnaher Pärke oder Dachbegrünungen in den Städten.

Die Naturinitiative der Zürcher Umweltorganisationen verlangt zusätzliche 55 Millionen für den Naturschutz – Jahr für Jahr. 

Die Zürcher Politik hat dem Umstand Rechnung getragen, dass der Massnahmenplan Geld kostet. Die Regierung hat die zusätzlichen Mittel ab 2018 im Budget eingestellt, der Kantonsrat kürzlich für 2019 weitere 2 Millionen Franken draufgepackt. Was nur gelang, weil sich diesmal auch die FDP dafür aussprach.

Laut Ursina Wiedmer, Leiterin der Fachstelle für Naturschutz, gibt es erste Erfolge zu vermelden. So liessen sich Moore beim Katzensee regenerieren, das Torfriet in Pfäffikon und Trockenstandorte in Glattfelden. Zudem ging es voran mit lichten Wäldern an der Lägern.

Es ist durchaus denkbar, dass unter dem neuen, grünen Baudirektor Martin Neukom das Tempo weiter erhöht wird. Er hat oft mehr Geld für Massnahmen zugunsten der Artenvielfalt gefordert und kann nun auf eine Mehrheit im Parlament zählen. Konkret dazu äussern mag er sich nach nur einem Tag im Amt noch nicht. Schub generieren könnte die Naturinitiative der Zürcher Umweltorganisationen, die im Herbst zustande kam. Sie verlangt zusätzliche 55 Millionen für den Naturschutz – Jahr für Jahr.

Erstellt: 07.05.2019, 21:09 Uhr

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