«Ein Plädoyer für den Frieden? Absurd!»

Nur fünf Tage lief der türkische Kriegsfilm «Can Feda» in Zürcher Kinos. Historiker Martin Bürgin sagt, was ihn zum Skandalfilm macht.

Religionswissenschaftler Martin Bürgin beschäftigt sich mit Skandalfilmen. Im Kulturlokal Royal Baden programmiert er eine Filmreihe, die sich mit Werken beschäftigt, die für Aufruhr gesorgt haben.

Religionswissenschaftler Martin Bürgin beschäftigt sich mit Skandalfilmen. Im Kulturlokal Royal Baden programmiert er eine Filmreihe, die sich mit Werken beschäftigt, die für Aufruhr gesorgt haben. Bild: Nadine Burger

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Nur während fünf Tagen lief der türkische Film «Can Feda» in den Kitag-Kinos – dann wurde er wieder aus dem Programm gestrichen. Dies hat der «Blick» publik gemacht. «Can Feda», zu Deutsch Opferbereitschaft, zeigt die Geschichte einer türkischen Spezialeinheit im Einsatz – wenn auch nicht explizit erwähnt, spiele er auf die türkische Offensive auf kurdische Einheiten im syrischen Afrin an, sagen Kritiker. Die Kitag beschrieb den Film als «packend und schonungslos», Kritiker halten ihn für türkische Propaganda.

Martin Bürgin (33) hat Allgemeine Geschichte, Religionswissenschaft und Politikwissenschaft an der Universität Zürich studiert, wo er heute forscht und lehrt. Ein Thema, das ihn beschäftigt, sind Skandalfilme: Im Kulturlokal Royal Baden programmiert er die Reihe «Royalscandalcinema», die sich mit Filmen beschäftigt, die für Aufruhr gesorgt haben. Die Filme und deren Skandalisierung werden in Einführungsreferaten durch Expertinnen kontextualisiert.

Die Kitag hat den türkischen Film «Can Feda» wieder aus dem Programm gestrichen. Im Nachhinein steht die Kinobetreiberin ziemlich naiv da. Wie konnte der Skandalfilm überhaupt ins Programm aufgenommen werden?
Der Begriff «Skandalfilm» ist – wobei ich zwar auch von Skandalfilmen spreche – nicht unproblematisch. Der Film selbst ruft keinen Skandal hervor, sondern wird skandalisiert über einen öffentlichen Diskurs. Was genau an einem Film skandalisiert wird, ist abhängig vom jeweiligen historischen und kulturellen Kontext. Zu Ihrer Frage: Verleiher und Kinobetreiber entscheiden, welche Filme sie zeigen wollen aufgrund einer spezifischen Programmidee und aufgrund wirtschaftlicher Überlegungen.

Offenbar eine Fehleinschätzung.
Das kann unterschiedlich beurteilt werden: Für prokurdische Gruppierungen und Kritikerinnen eines türkischen Nationalismus liegt das Skandalon darin, dass die Kitag den Film überhaupt im Programm laufen liess. Für Anhänger eines türkischen Nationalismus liegt das Skandalon darin, dass die Kitag den Film wieder aus dem Programm nahm – und sie vermuten darin einen Akt von Zensur.

Was ist dran am Vorwurf?
Hier von einer Zensurmassnahme zu sprechen, ist sicher falsch. Eine private Kinogruppe kann grundsätzlich selbstständig über ihr Programm entscheiden. Es ist ja überhaupt die Ausnahme, dass ein türkischer Film hier in einem grösseren Kino gezeigt wird. Gleichzeitig kann man zu Recht darauf hinweisen, dass in schweizerischen Kinos, nicht nur in Kitag-Kinos, immer wieder Kriegsfilme und zuweilen kriegsverherrlichende Filme laufen, in welchen Militärangehörige westlicher Nationen – der USA, Grossbritanniens, Frankreichs – als heroische Krieger präsentiert werden.

Weshalb wird «Can Feda» denn skandalisiert?
Ich hatte keine Gelegenheit, den Film zu sehen, und kann eine Beurteilung daher nur aufgrund des Trailers vornehmen. Wobei das den meisten Kritikerinnen des Films wahrscheinlich ähnlich geht. In den deutschen Untertiteln zum Film heisst es, zu Bildern und Musik, die wohl eine heroische Stimmung evozieren sollen: «Die ganze Welt wird noch einmal verstehen, unser[e] Heimat beginnt da, wo wir sind. Wir sterben[,] aber unser Volk bleibt am leben [sic]. Hoch lebe unsere Heimat.»

Der Trailer trieft vor Blut-und-Boden-Rhetorik.
Genau. Die wenigen Sätze können als moralische Rechtfertigung einer militärischen Expansion gelesen werden, die ungeachtet internationaler Kritik durchgeführt wird, in Zukunft von einer imaginierten Weltöffentlichkeit aber verstanden werden soll. Gleichzeitig wird eine Heroisierung türkischer Soldaten als Märtyrer des «Volkes», die ihr eigenes Leben zum Wohle der «Heimat» opfern, vermittelt.

Der Film widerspiegelt also, was jetzt in der Türkei stattfindet.
Ein Film ist nicht Realität. Aber in der Skandalisierung des Films wird natürlich ein Bezug zur aktuellen politischen Situation gemacht. Die wenigen Zeilen des Trailers können als Abbildung einer staatlich-türkischen Position gelesen werden. Wenn es heisst, «die ganze Welt wird einmal verstehen», dann wird ausgedrückt, dass sich die türkischen Protagonisten unverstanden fühlen. Gleichzeitig wird ein staatlich aufgeladener Märtyrerkult, eine heroische Verklärung der Soldaten geradezu propagandistisch vermittelt.

War nicht absehbar, dass ein türkisch-nationalistischer Film in der Schweiz kritisiert werden wird?
Nicht unbedingt. Vor einigen Monaten lief in vielen Schweizer Kinos «Reis», ein unkritisches Heldenepos über Recep Tayyip Erdogan. Es gab vereinzelt Proteste von Erdogan-Kritikern und aus der Gülen-Bewegung. Aber eine eigentliche Skandalisierung fand nicht statt.

«Can Feda» ruft anscheinend mehr Widerstand hervor. Weshalb?
Ich kann nur vermuten. Es gibt eine Vielzahl an Reizthemen, um die sich Skandalisierungsprozesse entfalten. Militaristische Propaganda und Nationalismus gehören dazu. Nachhaltig sind die Skandalisierungsprozesse, wenn mehrere Reizthemen miteinander verknüpft werden, Debatten um gesellschaftliche Werte und Normen aufgreifen oder einen Bezug zur Aktualität aufweisen. Das ist bei «Can Feda» der Fall.

Im Text zum Film schreibt die Kitag von einem «cineastischen Plädoyer für den Frieden».
Was absurd ist, wenn man sich den Trailer anschaut. Mit dieser Ankündigung hat die Kitag wohl selbst für Skandalisierungspotenzial gesorgt. Spannend ist auch, wie die kurdische Newsseite ANF News den Film beurteilt: «Der Kriegsfilm ist ein besonders verabscheuungswürdiges Machwerk politischer Propaganda. Er verherrlicht Kriegsverbrechen und trieft vor verquaster, patriarchaler und militaristischer Heldenverehrung.» Sie wirft mit der patriarchalen Geschlechter- und Gesellschaftsordnung ein zusätzliches Reizthema ein. Man muss aber auch die Verhältnismässigkeit wahren. Das war jetzt ja nicht die grosse Skandalisierung.

Wie meinen Sie?
Der Film lief einige Tage im Kino. In den sozialen Medien und in einigen Zeitungen wurde der Film thematisiert. In einigen Tagen wird sich der Aufruhr darum in einer breiten Öffentlichkeit, die keine emotionale Bindung zu den skandalisierten Reizthemen aufweist, wieder gelegt haben. Anders hätte es vielleicht ausgesehen, wenn der Film über längere Zeit gelaufen wäre und es zu öffentlichen Demonstrationen oder Sachbeschädigungen an Kinos gekommen wäre. Die Geschichte skandalisierter Filme zeigt, dass das zu «nachhaltigeren» Skandalen führt.

Gibt es dazu auch aktuelle Beispiele?
Im vergangenen Jahr erschien der Film «Inxeba – Die Wunde», der von einem Initiationsritual der Xhosa in Südafrika handelt, mit dem Jungen ins Erwachsenenalter eintreten. Dabei werden die patriarchalen Normen der Initiation infrage gestellt und Homosexualität, Homophobie und Männlichkeit verhandelt. Der Film wurde in Europa gefeiert, erhielt Preise – in Südafrika kam es zu teilweise gewalttätigen Protesten und Drohungen gegen Filmcrew und Kinobetreiber.

Was skandalisiert dort diesen Film?
Die Reizthemen Geschlechterordnung und Sexualität stehen in einem Bezug zur Aktualität. Die Protestierenden wiederum werfen dem weissen Regisseur kulturelle Aneignung vor und machen geltend, dass er sich über ein sakrales Ritual lustig mache.

Ist Ähnliches auch für die westliche Gesellschaft beobachtbar?
Mit ähnlichen Reizthemen funktionierte 2009 die Skandalisierung von «Antichrist» von Lars von Trier. Der Film spannt einen Bogen von mittelalterlichen Hexenverfolgungen zu aktuellen Geschlechterkonflikten und lotet dabei die Grenzen von Sex- und Gewaltdarstellung aus. In Cannes wurde der Film ausgebuht. Dem Regisseur wurde der Einsatz effekthascherischer Schockbilder vorgehalten. Im Zentrum stand aber der Vorwurf des Frauenhasses, den Lars von Trier mit misogynen Äusserungen zusätzlich anheizte.

Was interessiert Sie an solchen Skandalfilmen?
Skandalisierungsprozesse sind historisch spannend, weil an ihnen empirisch aufgezeigt werden kann, wie unterschiedliche Weltbilder aufeinanderprallten und in zuweilen hochemotionalisierter Form, diskursiv wie performativ, ausgehandelt wurden. Es ist interessant, zu ergründen, welche Prozesse da ausgelöst werden. Skandale können als Indikatoren für soziale und kulturelle Differenzierungsprozesse gelesen werden. Das interessiert mich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.04.2018, 14:49 Uhr

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