Ein Umzug mit chirurgischer Präzision

Sechs Wochen dauert der Umzug. Dann ist das alte Spital Limmattal das neue Spital Limmattal. Dafür brauchte es eine minutiöse Planung.

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Aus der Tiefe des Korridors tönt eine Frauenstimme – «tüütüüüt» – und schon saust eine Pflegerin mit einem Kinderbettchen auf Rädern um die Ecke und verschwindet auf der anderen Seite in einem weiteren Gang. Am Spital Limmattal ist der Umzug in vollem Gang. Und die Stimmung erstaunlich aufgeräumt.

«Ich bi scho dra cho!», ruft eine junge Frau einer vorbeieilenden Kollegin zu. Sie haben sich auf dem grünen Rasenteppich gekreuzt, der durch einen provisorischen Verbindungskorridor zwischen dem neuen und dem alten Spital führt. «War gar nicht chaotisch», schickt sie ihr noch hintennach.

Dass das nicht selbstverständlich ist, zeigt ein Blick auf den Zügelplan: Siebzehn dicht beschriebene Seiten voller Termine, eng getaktet, manche auch gleichzeitig, denn das Spital wird bei laufendem Betrieb gezügelt. Sacha Grossrieder, einer der beiden Zügelchefs, umreisst, was das konkret bedeutet: «Wenn wir, wie heute beim Notfall, zwölf Patientenkojen zügeln, verlegen wir erst drei, richten sie ein und nehmen sie in Betrieb. Dann werden dort die ersten Patienten betreut, während die nächsten drei Kojen gezügelt werden. Wir brauchen also je ein Team im neuen und im alten Spital, das fliegend wechselt.»

Der Direktor ging voran

Der Umzug dauert sechs Wochen, diese Woche sind die kniffligsten Abteilungen dran: der Notfall, die Intensivstation, die Geburtsabteilung. «Es darf auf keinen Fall sein, dass ein Patient oder eine Patientin davon Nachteile hat», sagt Spitaldirektor Thomas Brack. Er selbst war einer der Ersten, der drankam. «Ich war noch fast allein, es war ganz ruhig. Jetzt erwacht das Gebäude zum Leben.» Worüber freut er sich am meisten? «Darüber, dass die Mitarbeitenden alle am gleichen Strick ziehen und sich unglaublich engagieren. Das freut mich sehr und scheint mir in der Situation nicht selbstverständlich.»

Sacha Grossrieder und sein Kollege Pietro Vigliotti sind in Gedanken schon seit zwei Jahren am Zügeln. Denn sie waren vonseiten des Spitals die Ansprechpersonen für die Firma Vamed, welche den ganzen Umzug organisiert. Dabei galt es, die Abläufe bis ins Detail festzulegen, sodass alles zu gegebener Zeit geputzt und verkabelt bereitsteht. Vom Operationssaal zum Röntgengerät, von der Wäscherei zum Becken für Wassergeburten – denn gerade Babys richten sich bekanntlich nicht danach, wann es gerade passt.

Pietro Vigliotti kommt eben von einer Vorinspektion, die stets stattfindet, bevor eine Abteilung gezügelt wird. «Wir prüfen, bevor wir loslegen, ob alle Beteiligten am Ort sind und allen klar ist, was zu tun ist.»

Wir schauen aus dem 15. Stock des Altbaus hinunter auf den Helikopterlandeplatz auf dem Dach des sechsstöckigen Neubaus. Der Platz ist mit einem schwarzen Streifen überklebt, denn die Rega muss ihn noch überprüfen, bevor er freigegeben wird.

Operation am offenen Herz

Als vor zwei Jahren das Triemlispital den Neubau bezog, schien das schon eine logistische Meisterleistung. Doch waren damals, zeitlich durch Monate getrennt, lediglich das Bettenhaus und der Notfall zu verlegen. Ein ganzes Spital bei laufendem Betrieb zu zügeln, ist dagegen wie eine Operation am offenen Herz.

Thomas Brack sagt denn auch: «Die Patienten zu verlegen, ist kein so grosses Problem, die haben ja ‹Rädli›.» Tatsächlich müssen diese in ihren Betten auch im übrigen Alltag öfters einmal von einem Ort zum andern gebracht werden. Begleitet werden sie jetzt jeweils von Fachpersonal und Zivilschützern, vor allem Letztere tragen viel dazu bei, dass die Stimmung so locker ist.

Bildstrecke: Einblick ins neue Spital Limmattal

Die Zivilschützer mussten auch die Aktenlifte und die Rohrpost ersetzen, als Labors noch da und schon dort in Betrieb waren. So eilten sie mit den Röhrchen in der Hand vom Altbau in den Neubau. «Sie legten täglich sicher zehn Kilometer zurück», schätzt Grossrieder.

Ein Knackpunkt war das sechs Tonnen schwere MRI-Gerät, das schwerste Einzelstück, das gezügelt werden muss. «Wir konnten es nicht ein paar Tage ausser Betrieb nehmen, da die Ärzte für ihre Diagnosen darauf angewiesen sind», erklärt Vigliotti. So wurde aus Dänemark ein Lastwagen gemietet, in den ein MRI-Gerät integriert ist. Solche Vehikel gibt es in Europa keine Handvoll. Es steht nun im Hof.

Falscher Feueralarm

Dass es trotz intensiver Vorbereitung immer wieder zu Unvorhergesehenem kommt, belegt das ständig klingelnde Handy von Sacha Grossrieder. So stand zu Beginn des Umzugs zwei-, dreimal plötzlich die Feuerwehr vor der Tür, weil der Brandmelder zu empfindlich eingestellt war. Oder in der neuen Wäscherei sprangständig die Sicherung heraus, weil der Elektrokasten nicht richtig montiert war. «Wir mussten die Wäsche einmal sogar in ein anderes Spital bringen», sagt Grossrieder. Und lacht. Eine solche Züglete braucht starke Nerven und Humor. «Manchmal auch Galgenhumor», sagt Brack.

Vor der Empfangsloge im Altbau bilden sich manchmal Schlangen, der Portier erklärt freundlich und ruhig immer und immer wieder, wie man über den provisorischen Korridor ins neue Spital gelangt. Im Lift hängen Schilder, auf denen jene Abteilungen durchgestrichen sind, die schon weg sind. Es sind viele, doch Grossrieder betrachtet die mit dickem Filzstift von Hand gezogenen Striche mit Stirnrunzeln: «Das entspricht ästhetisch nicht unseren Ansprüchen.»

Während es im neuen Spital immer geschäftiger wird, wird es im alten immer stiller: «Abteilung geschlossen», steht an vielen Türen. In der alten Cafeteria ist aufgestuhlt, nur die Kaffeemaschine blinkt noch. In der Grossküche im Untergeschoss hört man nicht einmal mehr das Summen eines Kühlschrankes, doch die Kühlräume für Fleisch und Milchprodukte speichern noch die über Jahrzehnte gebunkerte Kälte.

Eine gröbere Aktion war der Transport der zehn Meter langen Geschirrspülmaschine. Sie wurde, nachdem am Abend alles Geschirr gereinigt war, über Nacht abmontiert, zerlegt, in die neue Küche gebracht und wieder installiert – und war rechtzeitig bereit, um das Geschirr des Morgenessens aufzunehmen.

Das Schlüsselbüro heisst neu Servicepoint, die Telefonkabine verschwindet ganz. «Manche Kolleginnen, die schon lange hier arbeiten, sind schon etwas wehmütig», sagt eine Mitarbeiterin auf der Wöchnerinnenabteilung. Hier sind gerade zehn Frauen eingezogen, neun mit ihren eben erst geborenen Babys. «Das hat keine Stunde gedauert», sagt die Pflegefachfrau. Grossrieder erzählt, wie am Morgen bei der Vorinspektion ein Neugeborenes vorbeigetragen wurde und sich die stämmigen Zügelmänner um es scharten und im Chor «Jöö» säuselten.

900 neue PC

Am Schluss werden 2800 medizintechnische Geräte und 7300 Möbel- und Ausstattungsstücke gezügelt sein. Dazu kommen weit mehr als doppelt so viele Neuanschaffungen, die an den richtigen Ort geliefert werden müssen. Allein 900 neue PC wurden angeschafft.

Bis am nächsten Dienstag muss alles fertig sein und tadellos funktionieren, denn dann wird das alte Spital abgenabelt. «Doch für die Mitarbeitenden beginnt das Projekt erst richtig», sagt Spitaldirektor Brack. Sie müssen sich nun auf neue Abläufe umstellen und auf Ungewohntes einlassen. Für ihn selbst ist ohnehin erst Halbzeit, denn es geht nahtlos weiter mit der Planung des neuen Pflegezentrums, wenn das Stimmvolk am 25. November dem entsprechenden Kredit zustimmt.

Und was machen die zwei Zügelchefs? Fallen sie in ein Loch, wenn die jahrelang vorbereitete Arbeit zum Abschluss gebracht ist? «Ich freue mich auf das Loch», sagt Pietro Vigliotti. «Mir ist es recht, wenn ich mal nicht mehr fast jede Nacht vom Spital träume», sagt Sacha Grossrieder.

Erstellt: 19.10.2018, 21:44 Uhr

Rückbau des Hochhauses

Die Gesamtkosten für den Neubau betragen 270 Millionen Franken, die Bauzeit dauerte insgesamt sechs Jahre. Das neue Spital Limmattal hat wie das alte 200 Betten. Das 1970 gebaute 15-stöckige Hochhaus wird ab Mitte 2019 bis hinunter ins zweite Untergeschoss rückgebaut. Zuerst muss aber der Totalunternehmer Losinger Marazzi, der das neue Spital gebaut hat und auch mit dem Abbruch des alten beauftragt ist, den Altbau vollständig «ausbeinen», denn einzelne Komponenten enthalten Asbest oder andere Stoffe, die fachgerecht entsorgt werden müssen.

Auch werden heutzutage solche Gebäude nicht mehr einfach gesprengt, sondern so weit wie möglich rezykliert. Am Schluss wird das Haus Stock für Stock mit Baggern abgerissen. Doch bevor das alte Gebäude an Losinger Marazzi übergeben wird, findet darin noch ein rauschendes Mitarbeiterfest statt. Riesig soll es werden, schliesslich hat das alte Limmi der Region fast fünfzig Jahre gute Dienste getan. Das Motto lautet: «Shake it before we break it.» Schütteln wir es, bevor wir es abbrechen. (net)

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