Ein Unbekannter wird FDP-Präsident

Alle Parteigrössen haben für die Nachfolge von Beat Walti abgesagt. Der nächste Chef des Zürcher Freisinns ist wohl ein Junger, den niemand auf der Rechnung hatte.

Tritt nach acht Jahren im Amt ab: FDP-Präsident und Nationalrat Beat Walti.

Tritt nach acht Jahren im Amt ab: FDP-Präsident und Nationalrat Beat Walti. Bild: Walter Bieri/Keystone

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Nur einer hält sich nicht mehr bedeckt und sagt offen: «Ja, ich will.» Er heisst Hans-Jakob Boesch, ist 36 Jahre alt und seit acht Monaten Kantonsrat. Sein nächstes Ziel ist, Nachfolger von Beat Walti an der Spitze der kantonalen FDP zu werden. Boesch ist 2011 der FDP beigetreten und präsidierte bereits drei Jahre später die Zürcher Kreispartei 3. Er bezeichnet sich als rechtsliberal und hat keine Berührungsängste mit der SVP, sagt er auf Anfrage. Der ledige Ökonom und Politikwissenschaftler, der in St. Gallen aufgewachsen ist, arbeitet als Senior Consultant bei einem Zürcher Planungsunternehmen.

Bei derselben Firma arbeitete kurz auch Beat Habegger, der wie Boesch im vergangenen Frühling nach den für den Freisinn erfolgreichen Wahlen für den Wahlkreis Zürich 11 + 12 im Kantonsparlament Einsitz nahm. Habegger wurde laut NZZ ebenfalls als Präsidiumskandidat gehandelt. Doch er will nicht. Er habe eine Kandidatur erwogen, sei aber zu einem negativen Schluss gekommen, wie er auf Anfrage sagt.

Keine Frau auf der Liste

So könnte das Prestigeamt bald an jemanden gehen, auf den kurz nach Waltis Rücktrittsankündigung Mitte Dezember niemand gesetzt hätte und der auch Politinteressierten nicht bekannt ist. Das hat seine Logik, weil alle offensichtlichen Papabili – und ein paar mehr – der Partei eine Absage erteilt haben. Die Liste ist lang: Thomas Vogel, Fraktionschef im Kantonsrat, will sich die Option Regierungsratskandidatur bei einem absehbaren Rücktritt von Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger offenhalten. Auch die beiden heutigen Vizepräsidenten, Dieter Kläy und Marco Camin, winkten ab. Dasselbe gilt für die langjährigen Kantonsräte Jörg Kündig, der auch Präsident des Gemeindepräsidentenverbands ist, Martin Farner und Alex Gantner. Eine Kandidatur überlegt hatten sich auch der aufstrebende Fraktions-Vizepräsident Peter Vollenweider und der abtretende Zürcher Stadtparteipräsident Michael Baumer. Und mit Nationalrätin Regine Sauter und Kantonsrätin Beatrix Frey-Eigenmann haben auch die bestpositionierten Frauen abgesagt.

Es bleiben also Boesch plus drei bis vier noch nicht bekannte Kandidierende. Die neunköpfige Findungskommission, die von Marco Camin präsidiert wird, macht aus der Anzahl Kandidierender ein Geheimnis. Geschäftsleiter Urs Egger spricht von einer «Handvoll» Kandidierender. Parteiprominenz ist aber wohl keine mehr unter den Kandidaten. Die Findungskommission behält sich aber vor, weitere Personen (nochmals) anzugehen. Eine Frau sucht man dem Vernehmen nach vergebens im Kandidatenfeld.

Die Findungskommission wird noch vor den Sportferien dem Parteivorstand ihre Ergebnisse und Einschätzungen darlegen. Nach den Ferien wird der Vorstand seinen Vorschlag zuhanden der Delegiertenversammlung vom 5. April verabschieden. Gewünscht wird allenthalben ein Zweiervorschlag.

Überall Personalprobleme

Dass gleichzeitig die nationale und die Stadtzürcher FDP einen neuen Präsidenten suchen, ist gemäss den Verantwortlichen kein Problem. Die Schwierigkeit liegt wohl eher darin, jemanden zu finden, der gratis und franko einen enorm zeit- und nervenaufreibenden Job übernimmt. Die Präsidentenarbeit, welche oft am Abend und an Wochenenden stattfindet, scheint nicht sonderlich beliebt zu sein. Auf nationaler Ebene bekundet neben der FDP auch die CVP Schwierigkeiten, ihrer Basis eine Auswahl von Kandidierenden zu unterbreiten. Die SVP Schweiz lancierte mit Albert Rösti gar von Anfang an eine Einerkandidatur.

Der künftige FDP-Kantonalpräsident darf sich immerhin damit trösten, dass die letzten drei Chefs, Ruedi Noser (Interimspräsident), Doris Fiala und Beat Walti, über kurz oder lang in den Nationalrat gewählt wurden. Noser wurde im letzten Herbst gar Ständerat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.01.2016, 08:23 Uhr

Hat gute Chancen aufs FDP-Präsidium: Kantonsrat Hans-Jakob Boesch. (Bild: PD)

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