Ein ungutes Zürcher Zeitgeistprodukt

Die hiesige Film- und Gamebranche strebt für sich selber eine privilegierte Stellung an. Damit fördert sie die Entsolidarisierung.

Wurde mit Förderbeiträgen unterstützt: Der Film «Flitzer».

Wurde mit Förderbeiträgen unterstützt: Der Film «Flitzer». Bild: PD

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Jedermann mag gute Filme. Niemand hätte etwas dagegen, wäre die Schweiz das ultimative Zentrum der Filmkultur. Es wäre erfreulich, würde unsere Filmbranche nach dänischem Vorbild regelmässig erstklassige Serien hervorbringen.

Müssen wir uns also für ein Film- und Medienförderungsgesetz aussprechen, wie dies eine Initiative verlangt, die von Akteuren aus der Filmszene lanciert worden ist?

Unbestritten ist: Filme sind teuer, der Friedhof der nicht realisierten Drehbuchideen ist gross, und vielleicht gäbe es den einen oder anderen Filmerfolg mehr, wären die öffentlichen Kulturbudgets etwas üppiger ausgestattet. Es gibt denn auch ehrenwerte Gründe, die Kulturförderung mit mehr Mitteln zu alimentieren. Aber darum geht es bei der Abstimmung am 23. September nicht.

Das Gesetz ist gefährlich

Es geht um die Frage, ob die Film- und die Gamebranche dank eines eigenen Fördergesetzes eine privilegierte Stellung innerhalb des Kulturbetriebs erhalten sollen. Damit stellt sich im putzigen Zürcher Massstab eine Frage, die eigentlich globales Format besitzt und auf die es nur eine Antwort geben kann: Nein, wir wollen kein Filmförderungsgesetz. Ein solches ist nicht nur überflüssig. Es ist gefährlich.

Die Filmförderungsinitiative ist so etwas wie ein Symptom der politischen Gegenwart. Wir befinden uns in einer Ära der Entsolidarisierung. Das Prinzip des darwinistischen Wettbewerbs, der «America First»-Devise erfährt weltweit eine Renaissance. Die Initiative trägt diese Rhetorik in das Zürcher Kulturbiotop. Das Bestreben der Filmleute, ihre Kulturform über andere zu erheben, ihr zu einer privilegierten, überragenden Stellung zu verhelfen (was zwangsläufig mit der Herabsetzung der Nicht-Privilegierten einhergeht): Das ist eine Spielart dieses unguten Zeitgeists. Ein Kulturbetrieb, der hierarchisch in «bessere» und «weniger gute», in förderungswürdigere und weniger förderungswürdige Sparten gegliedert ist: Das ist keine wünschenswerte Aussicht.

Natürlich ist der Fall des Film- und Medienförderungsgesetzes inhaltlich unvergleichlich viel harmloser als das, was aktuell in anderen Weltgegenden geschieht – aber auf der symbolischen Ebene gibt es Parallelen, und diese sollten uns zu denken geben.

Scheitern muss erlaubt sein

In der Abstimmungszeitung schreiben die Initianten, dass im Film- und Medienkunstbereich «jeder eingesetzte Förder-Franken das Vierfache an Wertschöpfung generiert – Geld, das zurück in den Kanton fliesst, Arbeitsplätze schafft und Steuersubstrat generiert. Kulturförderung ist somit auch Wirtschaftsförderung.» Wer mit dieser Argumentation für die Privilegierung der Filmund Gamebranche wirbt, bringt ein eigenwilliges Verständnis von Kulturförderung zum Ausdruck. Er erwartet von dieser einen messbaren Nutzen in Franken und Rappen. Eine Kulturförderung, die der ökonomischen Logik gehorcht, ist aber bloss noch eine Filiale der Standort- und Wirtschaftsförderung. Ist das wirklich ihr Sinn und Zweck?

Ist es nicht. Kulturförderung muss Räume schaffen und Werke ermöglichen, die eben genau nicht den Kriterien der kommerziellen Verwertbarkeit entsprechen. Der Lyriker wird mit seinen Versen nie Millionen generieren – und schafft trotzdem Wertvolles. Die Romanciers, Theaterautorinnen, Komponisten und Plastikerinnen sind dann mutig, neugierig und innovativ, wenn ihnen auch das Scheitern erlaubt ist.

Kulturförderer müssen Ermöglicher sein. Sie haben die Aufgabe, kulturelle Werke möglich zu machen, die sich nicht selber finanzieren lassen. Dafür brauchen sie Geld und eine gerechte Gesetzgebung. Ein Spezialgesetz für Film und Games ist hingegen nicht nötig. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.09.2018, 17:14 Uhr

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