Ein urbanes Dorf

Der Winterthurer Stadtteil Veltheim tickt grün. Denn vielen dort gilt Solidarität mehr als ihre Karriere.

«Guter Zusammenhalt im Quartier»: Reto Diener und Deborah Kuhn über Winterthur-Veltheim. Video: Helene Arnet, Jan Derrer

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Am Freitag wird bei schönem Wetter auf dem Dorfplatz Boule gespielt. Der Dorfbrunnen vor dem leuchtend orangen, klassizistischen Haus Konkordia plätschert, Kinder springen über den Pflasterstein, Geranien auf dem Fenstersims, Vorgärten mit Lupinen, Kreidezeichnungen auf der Strasse, und in der mittelalterlichen Kirche trifft man die klugen und törichten Jungfrauen. Wir sind in Winterthur. Mittendrin und doch ganz woanders. In Winterthur-Veltheim.

Zwei Busstationen vom Bahnhof Winterthur entfernt liegt Veltheim – «Välte», wie man dort sagt. Ein gepflegtes Quartier, dem man das einstige Dorf noch ansieht. Und in dem es noch lebt. Metzg, Schuhmacher, Velomech, Bibliothek. Vielleicht trifft es der Begriff urbanes Dorf am besten. Ein Haus in der Dorfmitte wirkt etwas heruntergekommen: «Bonjour Tristesse» steht dort gesprayt. Tristesse? Wo? Die Dorfbeiz heisst Bunter Hund, das passt besser. Noch besser passte der vormalige Name des in alternativen Kreisen angesagten Restaurants: Grüner Hund. Denn Veltheim ist eine Hochburg der Grünen. Bei den Nationalratswahlen 2011 lag der Wähleranteil bei 13,74 Prozent. Nur im Stadtzürcher Wahl­kreis 4/5 war er etwas höher.

Veltheim kommt von «Feldhaim», die beiden Quartiere, die diesen Kreis bilden, heissen Blumenau und Rosenberg. Wählt Veltheim so grün, weil es so grün ist? Laut dem Winterthurer GP-Parteipräsidenten und Gemeinderat Reto Diener liegt der Hauptgrund für diesen ­hohen Stimmenanteil ganz pragmatisch in der Person von Marlies Bänziger, die 2011 als Spitzenkandidatin antrat, in Veltheim wohnt und gut vernetzt ist. Allerdings, so sagt er, hatten und haben grüne Anliegen in diesem Quartier immer einen starken Rückhalt.

Angst vor «Seefeldisierung»

Deborah Kuhn ist vor 17 Jahren nach «Välte» gezogen, weil sie hier eine günstige Wohnung fand. «Hier leben viele Menschen, denen Solidarität wichtiger ist als Karriere und Geldverdienen», sagt sie. Die Durchmischung sei gut, die Toleranz gross. Wenn den Veltheimern ­etwas gegen den Strich geht, stehen sie zusammen. So erkämpften sie sich Tempo 30 im Dorfkern, verhinderten die Überbauung einer Wiese am Hang und formieren sich jetzt schon, falls die kleine Bibliothek in den Fokus des von der Stadt verordneten Sparkurses geraten sollte.

Doch weshalb ist Veltheim grün und nicht rot? «Auch SP und AL sind stark in diesem Quartier, doch fehlt etwas das gewerkschaftliche Element, das oft nach der starken Hand des Staates verlangt», sagt Diener. «Viele Leute hier halten die Eigenverantwortung hoch.» Und sie seien hierhergezogen, weil die Stadt und die Natur nahe sind, fügt Deborah Kuhn hinzu.

In Winterthur habe die Grüne Partei grundsätzlich eine solide Wählerbasis, sagt Diener. Schwieriger sei es, Leute zu finden, die sich aktiv einbringen. Dabei gebe es viel zu tun: Winterthur hat seinen Spitzenplatz unter den Schweizer Velostädten abgeben müssen. Am kommenden Wochenende wird in Winterthur über eine Parkplatzverordnung abgestimmt, in die sich die Grünen stark einbringen konnten, und genossenschaftlicher Wohnungsbau ist ein weiteres wichtiges Thema – insbesondere in Veltheim. Die Mietzinsen haben in diesem Quartier stark angezogen, sagt Kuhn. «Die gute Durchmischung steht auf dem Spiel.» Man spricht schon von einer drohenden «Seefeldisierung». Das will man in «Välte» verhindern. Nicht dass in einigen Jahren statt Boulespieler Golfspieler in Winterthurs Veltheim das Sagen haben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.10.2015, 19:24 Uhr

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