Ein Vorzeigedorf in Sachen Asyl

Im Bundesasylzentrum Embrach wird testweise das revidierte Asylgesetz angewandt, das 2019 in Kraft tritt. Das Zentrum stösst in der Gemeinde auf viel Wohlwollen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auf dem Areal der Psychiatrischen Klinik Hard in Embrach soll ein Durchgangszentrum für Asylbewerber entstehen. Die Nachricht löste im Embrachertal «eine beträchtliche Unruhe» aus. Grund genug für die FDP-Ortsgruppe Embrachertal, das Problem an einer, wie die NZZ feststellte, «gut besuchten Informationsveranstaltung» zu thematisieren. Es wunderte niemanden, dass auch «die Unzulänglichkeiten der schweizerischen Asylpolitik» zur Sprache kamen.

Was so vertraut klingt, als werde das Jahr 2017 beschrieben, ist ein Vierteljahrhundert alt. Es ging um das 1992 eröffnete Durchgangszentrum. Die Parallelen sind unübersehbar: Damals hoffte man, es gelinge, die Asylverfahren auf 180 Tage zu beschränken. Heute sollen die Bundesasylzentren dazu beitragen, die Verfahren in 140 Tagen zu erledigen. Und über die Unzulänglichkeiten der schweizerischen Asylpolitik lässt sich auch heute noch trefflich streiten.

Nur in einer Hinsicht stimmt der Vergleich in keiner Weise. Als der Kanton und das Staatssekretariat für Migration den Einwohnerinnen und Einwohnern im letzten November den Plan vorstellten, in Embrach ein Bundesasylzentrum zu eröffnen, löste dies keine beträchtliche Unruhe aus. Im Gegenteil: Der Entscheid sei «wohlwollend» aufgenommen worden, beobachtete Gemeinderätin und Bauvorstand Rebekka Bernhardsgrütter. Ihre Erklärung: «Wir in Embrach haben eine langjährige Erfahrung mit einem Asylzentrum.»

Schweizerischer Menüplan – ohne Schweinefleisch

Dieses Wohlwollen zeigte sich auch darin, dass im Rahmen der Anhörung zum Sachplan Asyl vonseiten der Bevölkerung, soweit der Gemeinde bekannt, keine Stellungnahmen eingingen. Und es setzte sich am Samstag fort, als das Anfang März eröffnete Bundesasylzentrum in Embrach die Bevölkerung zu einem Informations- und Begegnungstag einlud. Kritische Fragen gab es praktisch keine. Und wenn, dann in anderer Richtung: Mehr als einmal wurde gefragt, ob so viel Sicherheit (umzäuntes Areal, Rund-um-die-Uhr-«Bewachung») nötig sei.

Ein Rundgang auf dem durch einen mannshohen Zaun abgeschirmten Areal vermittelte einen Eindruck, wie die gegenwärtig Asylsuchenden untergebracht sind. Wie viel Platz man in einem 17 Quadratmeter grossen Sechsbettzimmer mit zusätzlich sechs Kleiderschränken oder einem 21,5 Quadratmeter grossen Achtbettzimmer hat. Bei den aktuell in Embrach untergebrachten Asylsuchenden handelt es sich um 60 Männer, 4 Frauen und 3 minderjährige Familienangehörige. Drei Viertel befinden sich im Dublin-Verfahren, das heisst, bei ihnen wird abgeklärt, welcher Staat für ihr Asylgesuch zuständig ist.

100 Personen haben das Bundesasylzentrum am Samstag besucht. Die Stimmung war «sehr gut, sehr ruhig, sehr fröhlich».Simon Blunier, Leiter des BAZ Embrach

April Walker, Chefin des Betreuungsteams, erklärte einen Tagesablauf: dass sich die Asylsuchenden zwischen 17 Uhr und 9 Uhr auf dem Areal aufhalten müssten, dass sie nur das Wochenende von Freitag bis Sonntag über Nacht auswärts verbringen dürften, dass der Menüplan schweizerisch ausgerichtet sei, wobei auf Schweinefleisch verzichtet werde, dass erst die kooperative und zuverlässige Mitarbeit auf dem Areal dazu berechtige, im gemeinnützigen Ausseneinsatz während einer Woche 150 Franken zu verdienen. Man erfährt, dass der beliebte Deutschunterricht auch für Menschen wichtig ist, die das Land verlassen müssen, weil es geistig fit hält.

Simon Blunier, Leiter des BAZ Embrach, schätzt, dass am Samstag gut 100 Personen die Gelegenheit benützten, das Bundesasylzentrum zu besuchen. Es seien vor allem Menschen gewesen, die sich auch sonst für Flüchtlinge einsetzten, oder Personen, die grundsätzlich am Thema interessiert seien. Sein Fazit: Es war «sehr gut, sehr ruhig, sehr fröhlich». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.07.2017, 20:55 Uhr

Noch fehlen 450 Plätze

Übergangslösung sind keine geplant, sagt das Staatssekretariat für Migration (SEM).

Vor einem Jahr haben die Stimmberechtigten der Schweiz Änderungen des Asylgesetzes gutgeheissen. Wesentlichstes Ziel: Die Asylverfahren sollen beschleunigt werden. Dafür werden in der Schweiz sechs sogenannte Verfahrenszentren (VZ) und zehn Bundesasylzentren (BAZ) geschaffen. Von den total 5000 Plätzen muss die Asylregion Zürich, die dem Kanton Zürich entspricht, 870 Plätze übernehmen. Eingerichtet werden 360 Plätze im Verfahrenszentrum in der Stadt Zürich, 360 und 150 Plätze in den Bundesasylzentren in Embrach und Rümlang. Aktuell stehen 420 Plätze bereit – 300 im VZ Juch und 120 im BAZ Embrach.

Wenn das neue Asylgesetz 2019 in Kraft tritt, werden in der Asylregion Zürich nur 720 der 870 Plätze zur Verfügung stehen, weil das BAZ Rümlang erst 2023 seinen Betrieb aufnehmen kann. Dafür muss aber der gleich neben dem bestehenden Zentrum in Embrach geplante zweistöckige Bau mit weiteren 240 Plätze rechtzeitig realisiert werden. Das Baupläne sind eingereicht, die Baugespanne sollen nächste Woche folgen. Simon Blunier, Leiter des BAZ Embrach, hofft, den Neubau in der ersten Hälfte 2019 in Betrieb nehmen zu können.

Kostendach von 583 Millionen

Auch wenn der Asylregion Zürich bei Inkrafttreten des neuen Asylgesetzes noch 150 Plätze fehlen, ist keine Übergangslösung geplant, wie Martin Reichlin, Informationschef des Staatssekretariats für Migration (SEM), sagt. Es genüge, wenn bis 2019 in jeder Asylregion ein Verfahrenszentrum in Betrieb sei und 80 Prozent der vorgesehenen Unterbringungsplätze zur Verfügung stünden. Mit den 720 Plätzen in Zürich und Embrach wäre diese Vorgabe erreicht.

Reichlin wollte auch Berichte nicht bestätigen, wonach für Übergangslösungen gesamtschweizerisch 35 Millionen Franken aufgewendet werden müssten. Schliesslich sei die Projektplanung für zahlreiche Standorte noch im Gang. Und auch der Umstellungstermin für die beschleunigten Verfahren stehe noch nicht fest. Aber: «Das Kostendach von 583 Millionen Franken gilt für die dauerhaften Zentren und allfällige Übergangslösungen.» (thas.)

Artikel zum Thema

Kein Platz für Asylsuchende im Zürcher Hipsterviertel

Mitten im Trendquartier von Wiedikon existierte 30 Jahre lang eine Asyl-Beratungsstelle – jetzt sind die Migranten nicht mehr erwünscht. Mehr...

Artikel zum Thema

Asylzentrum? Nie gehört!

In Oerlikon leben 250 Flüchtlinge seit zwei Jahren direkt neben einer Wohnsiedlung. Dennoch ist man sich fremd. Zwei Kunststudenten wollen dies ändern. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Unsere Tipps für diesen Sommer

Geniessen Sie diesen Sommer die Wanderungen und Freizeitaktivitäten, die Sie in den Walliser Ferienorten Nendaz und Veysonnaz erwarten.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Fanliebe: Kurz vor dem sechsten Spiel des NBA Finals zwischen den Toronto Raptors und den Golden State Warriors herrscht im Fansektor grosse Anspannung. (Toronto, 13. Juni 2019)
(Bild: Chris Helgren ) Mehr...