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Ein wohltönender Entscheid

Überraschend hat sich das Bundesgericht für den nächtlichen Viertelstundenschlag von Kirchen ausgesprochen. Der wichtige Leitentscheid freut nicht nur Traditionalisten.

Die Glocken waren Anwohnern zu laut: Die evangelisch-reformierte Kirche in Wädenswil.
Die Glocken waren Anwohnern zu laut: Die evangelisch-reformierte Kirche in Wädenswil.
Ennio Leanza, Keystone

Nach den Kuhglocken und dem Hornen der Zürichseeschiffe nun die Kirchenglocken? Ein weiteres Schweizer Kulturgut hätte verstummen sollen, bloss weil es einige wenige lärmempfindliche Anwohner stört. Das heutige Urteil des Bundesgerichtes wird einen grossen Einfluss auf das nächtliche Kirchengeläut im ganzen Land haben. Seit dem Jahr 2000 sind schweizweit in 500 Kirchgemeinden Lärmklagen eingegangen. Hätte Lausanne heute den Viertelstundenschlag verboten, wäre es wohl bald auch dem nächtlichen Stundenschlag an den Kragen – oder vielmehr an den Klöppel gegangen.

Das Bundesgericht hat nicht nur nach juristischen, lärmakustischen und medizinischen Gesichtspunkten entschieden. «Gesundheit kommt vor Tradition», hätte in den Ohren der Lärmgegner ein Killerargument sein sollen. Schliesslich hat heute jeder einen Digitalwecker und ein iPhone neben dem Bett, niemand braucht mehr das Frühgebimmel, um aufzuwachen, oder einzelne Glockenschläge, um sich in schlaflosen Nächten zu orientieren. Die Kirchen könnten also – rein vernunftsmässig – mit der Zeit gehen und zumindest nachts ihr Marketingsinstrument abstellen.

Wenns um als Lärm empfundene Beeinträchtigungen geht, soll man nicht bloss auf Paragraphen und Dezibel abstellen. Kuhweiden, hornende Schiffe und vor allem Kirchtürme waren in den allermeisten Fällen da, bevor sich ahnungslose Neuzuzüger in ihre Nähe verirrt haben. Wer Kuhglocken nicht ausstehen kann, soll nicht auf dem Land wohnen. Und wer etwas gegen Kirchenglocken hat, muss sich keine schmucke Wohnung mitten im Zentrum leisten. Das Bundesgericht hat die Kirche – wie es das Sprichwort besagt – im Dorf gelassen.

Lieber Kirchenglocken statt Autolärm

In vielen Dorfzentren herrscht am Wochenende Rämidämi, Bierflaschen splittern, und vor den Lokalen dröhnt das Bumbum bis weit nach Mitternacht. Im Herbst überbieten sich eifrige Hauswarte mit ihren benzinbetriebenen Laubbläsern im Kampf gegen Blätter. Und Auto- wie Töfffahrer dürfen aus reinem Imponiergehabe Sportauspuffe und gar elektrische Soundbooster einbauen. Für Massnahmen war der Bundesrat bisher nicht zu haben.

Früher, als noch dünne Glasscheiben in Holzrahmen gekittet wurden, störte sich niemand am Glockenlärm. Heute haben wir schalldämmende Zwei- oder Dreifachverglasungen. Die grassierenden Lärmklagen scheinen vielmehr mit dem Leistungsstress bei der Arbeit und in der Gesellschaft zusammenzuhängen – und als Folge zunehmenden Schlafstörungen.

Kein schweizweites Gebimmel

Man muss kein Traditionalist und kein Kirchengänger sein, um den heutigen Entscheid des Bundesgerichts zu begrüssen. Der reine, runde Klang einer tonnenschweren, aus Bronze gegossenen Glocke ist eine uralte Handwerkskunst, ein Kulturgut. Glockenklänge wirken für sehr viele von uns beruhigend und heimatstiftend.

Die Schweiz wird nach diesem Urteil kaum von zusätzlichem Glockenlärm zugebimmelt. Viele Kirchengemeinden haben sich bereits abgesprochen, dass nachts nur noch eine Kirche im Dorf läutet. Andere Geläute werden nachts durch technische Massnahmen angepasst. Auch eine Kirchgemeinde ist demokratisch legitimiert, immerhin für die jeweiligen Mitglieder. Wenn es eine Mehrheit stört, wird das Geläut abgestellt oder reduziert – und zwar durch einen Entscheid aus dem Dorf und nicht aus Lausanne.

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