Ein Zürcher macht Popcorn und stiftet damit weltweit Verwirrung

Rafael Sommerhalders 12-Sekunden-Film über ein Maiskorn wurde in der vergangenen Woche über fünf Millionen Mal angesehen. Dann kontaktierte ihn eine Fakt-Checking-Seite.

Blogs aus aller Welt haben Rafael Sommerhalders Video verlinkt. Video: Vimeo/Crictor


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Popcorn, Explosion – die beiden Wörter hatte Rafael Sommerhalder vor Monaten auf einen Notizzettel gekritzelt, ihn dann aber unter einem Stapel in seinem Atelier im Zürcher Kreis 4 vergessen. Kurz nach Weihnachten kam dies dem Animationsfilmer wieder in den Sinn, als er eine Idee fürs Neujahrsvideo seiner Firma Crictor suchte. Vielleicht liesse sich daraus ja was basteln.

Es liess sich, und wie: Die zwölfsekündige Filmsequenz #popcorn wurde online auf Sommerhalders Twitter-Account über fünf Millionen Mal an­geschaut, über 100'000-mal re­tweetet und 250'000-mal gelikt. Blogs aus aller Welt haben sein Video verlinkt.

Eine Woche nach der Veröffentlichung lehnt sich Rafael Sommerhalder in seinem Atelier zurück, welches er mit seiner Geschäftspartnerin Zita Bernet teilt. Am vollgestopften Bücherregal hängen eine Geige und eine Trompete, in einer Ecke sind Kartonschachteln aufgetürmt, daneben liegt ein Verlängerungskabel. Sommerhalber reibt sich die Stirn, nestelt am Schal und sagt: «Das war alles gar nicht so geplant. Ich habe einfach mal was gemacht.»

Entnervte Nachahmer

Das Drehbuch hatte er sich bald im Kopf zurechtgelegt. Eine Hand lässt ein Puffmaiskorn in eine Flamme fallen, wo es explodiert und in einen Luftstrom katapultiert wird, auf dem es schwebt, bis es die Hand wieder wegfischt – fertig. Zwei Tage gab er sich für die Umsetzung Zeit, damit er das Video pünktlich zu Neujahr online stellen konnte. Er tüftelte an der perfekten Wirkung und an der ansprechendsten Ästhetik. Klar war, dass er einen Haarföhn verwenden wollte; ein solcher hatte schon in anderen Videos eine tragende Rolle. Als neue «Figur» nahm er eine Lötlampe hinzu, sie löst die Explosion aus.

Der 45-Jährige ist nach wie vor verblüfft, dass das Resultat derart viel Aufmerksamkeit findet. Am Anfang bekam er davon nicht mal etwas mit. Dann aber sah er auf dem Bildschirm, wie der Zähler innert einer halben Stunde 200-mal nach oben sprang. «Vielleicht macht den Film interessant, dass er eine Grenze der Wahrnehmung streift.» Man schaue ihn an, zweifle einen Moment, ob so etwas wirklich möglich sei – und akzeptiere es dann. Sommer­halder sagt: «Die Essenz des Animationsfilms ist, Geschichten so zu erzählen, dass die Zuschauenden bereit sind, sich auf die Illusion einzulassen.»

Mit Haarföhnen hat Rafael Sommerhalder auch in anderen Kurzfilmen experimentiert. Foto: Dominique Meienberg

Im Netz erhält Sommerhalders Video viel Zuspruch, aber es löste auch Skepsis aus. Mehrere Zuschauende sagen, sie hätten die Sequenz über länger Zeit immer wieder angeschaut, quasi in der Endlosschleife. Ein anderer liess sich zum Nachahmen verleiten und postete auf Twitter seine Erfahrungen. Er habe schon 40 Körner in die Flamme der Lötlampe geworfen, aber keines sei explodiert. Auch das Erhöhen der Temperatur habe nichts genützt. Selbst als er die Körner zuvor in Salzlake eingelegt und sie mit Butter bestrichen habe, sei das Experiment nicht gelungen. Aus seiner Sicht sei der Kontakt mit der Flamme zu kurz. Er schliesst seinen Kommentar mit den Worten: «Myth busted, fake news».

Dann klopfte die Fakt-Checking-Seite Snopes an, die sich sonst auf den Wahrheitsgehalt der Aussagen von US-Präsident Donald Trump spezialisiert hat. Sie seien von Lesern gefragt worden, ob das im Film gezeigte Experiment möglich sei. In einem E-Mail an Sommerhalder will ein Redaktor wissen, ob es wahr sei, dass die Objekte zwar echt, der Ablauf aber getrickst sei? «Richtig!», schrieb Sommerhalder zurück.

Der Trick mit dem Schatten

Dass sein «Experiment» Nachahmer finden könnte, ahnte er nicht. Er streicht sich durch die kurzen Haare und sagt: «Da plagte mich kurz das schlechte Gewissen, ehrlich.» Aber es sei das Metier eines Animationsfilmers, Illusionen zu schaffen.

In Tat und Wahrheit hatte es Sommerhalder nicht mal geschafft, Maiskörner in einer Pfanne aufspringen zu lassen. Nicht ein einziges wurde zum Popcorn. Weil er für den zweiten Teil seines Films aber dringend eines benötigte, musste er erneut einkaufen gehen – bereits fertig aufgepoppte Körner.

Die Explosion, die Flamme, der Katapulteffekt und das Tanzen des Popcorns auf dem Luftstrom des Föns hat Sommer­halder nur simuliert. Damit der Schatten realistisch wirkt, filmte er ein anderes Popcorn, dass er in einer eigens dafür gebauten Maschine an einem Holzstab um die eigene Achse rotieren liess. «Ich mag es, mit den Händen Sachen zu machen. Am liebsten würde ich den ganzen Tag basteln.» Stundenlang könne er herumtüfteln, sagt Firmenpartnerin Zita Bernet und verdreht leicht die Augen. Aber sein Perfektionismus mache seine Arbeiten auch so überzeugend. Sie hat den Film nachträglich vertont, in Realität war der Föhn nämlich gar nicht eingesteckt.

Preisgekrönter Künstler

Rafael Sommerhalder ist als Animationsfilmer kein Unbekannter. «So alle paar Jahre mache ich einen längeren Film», sagt er. Damit meint er einen von mehreren Minuten Länge. Für das 9-Minuten-Werk «Au revoir Balthazar» über eine Vogelscheuche erhielt er 2017 unter anderem den Schweizer Filmpreis in der Sparte Animationsfilm. Seine Filme werden regelmässig an internationalen Festivals gezeigt.

Auch bei kommerziellen Auftraggebern ist seine Kreativität gefragt. So entwarf Sommer­halder etwa das animierte Logo für die Stadtzürcher Kinos Riffraff und Houdini und das Bourbaki-Kino in Luzern.

Der nächste eigene Film ist bei Sommerhalder bereits in Planung. Darin soll ein übergrosses Paket ausgepackt werden. Im Netz sind solche sogenannten Unboxing-Videos sehr beliebt. In Sommerhalders Interpretation des Genres soll aber kein Produkt zum Vorschein kommen – sondern eine «Überraschung».

Erstellt: 10.01.2020, 21:35 Uhr

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