Eine Zürcher Baulücke der schaurigen Art

Bei einem blutigen Sektenritual wurden 1823 im Weinland zwei Menschen getötet. Was dort genau geschah – und wie das Gerichtsurteil bis heute nachwirkt.

Leerer Platz zwischen Riegelbauten: Dort wo die Anhänger parkiert sind (Kreis), stand das «bestrafte» Haus. Foto: Emanuel Ammon

Leerer Platz zwischen Riegelbauten: Dort wo die Anhänger parkiert sind (Kreis), stand das «bestrafte» Haus. Foto: Emanuel Ammon

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Am Tatort von einst klafft heute eine Lücke. Es ist ein leerer Platz zwischen drei Häusern, vor denen zwei Anhänger stehen und Baumaterial lagert. Nichts an dem Ort mitten im beschaulichen Wil­dens­buch in der Gemeinde Trüllikon erinnert an die grausigen Ereignisse, die sich am 15. März 1823 abgespielt haben. In dem Bauernhaus, das damals an dieser Stelle stand, kamen zwei junge Frauen bei einer religiös motivierten Bluttat ums Leben; mehrere Personen trugen bei den Vorfällen schwere Verletzungen davon.

Die «heilige Gret» liess sich kreuzigen

Im Zentrum des Geschehens stand die 25-jährige Wildensbucher Bauerntochter Margarethe Peter, die «heilige Gret», wie sie genannt wurde. Sie war zur Anführerin einer Erweckungsbewegung aufgestiegen, die über die Region hinaus Bekanntheit erlangte und immer mehr Anhänger hinter sich scharte. Im Verlauf eines dreitägigen gewaltsamen Rituals samt Teufelsaustreibungen steigerten sich im März 1823 rund ein Dutzend Sektenmitglieder in dem Bauernhaus in einen religiösen Wahn hinein, der im Blutbad endete. Die «heilige Gret» forderte dabei Sektenmitglieder auf, ihre eigene Schwester mit Hammerschlägen zu töten und danach sie selber zu kreuzigen. «Schlag nur zu, Gott stärke deinen Arm!», soll sie die zögernde Täterin ermutigt haben. Die «heilige Gret» war überzeugt, dass sie drei Tage nach ihrer Kreuzigung wieder auferstehen werde.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Grafik kmh

Elf Personen wurden nach den brutalen Vorkommnissen verhaftet und nach Zürich überstellt. Das damalige Malefizgericht beurteilte die Wildensbucher Ereignisse wenige Monate später «nicht als ein todeswürdiges, wohl aber ein höchst schweres Verbrechen», wie es im Urteil hiess. Die an der Tat Beteiligten wurden zu Strafen von 6 Monaten bis 16 Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Männer verloren ihr Aktivbürgerrecht auf Lebenszeit.

Abriss per Gerichtsbeschluss

Daneben verfügte das Gericht eine aus heutiger Sicht ungewöhnliche Massnahme: Es bestrafte auch das Haus, in dem sich das Verbrechen ereignet hatte. Das Bauernhaus musste per Gerichtsbeschluss 1824 niedergerissen werden. Das Urteil enthielt zudem die Bestimmung, «dass auf dieser Stelle niemals mehr ein Wohnhaus aufgeführt werden solle», wie der frühere Zürcher Staatsarchivar Anton Largiadèr 1955 über den Fall schrieb.

Die Zürcher Justiz griff damit auf die archaische Strafform der Wüstung eines Hauses zurück. Diese war im Mittelalter verbreitet: Das Haus, in dem ein Verbrechen verübt worden war oder das einem Verbrecher gehörte, wurde dem Erdboden gleichgemacht. Für Largiadèr war der Wildensbucher Fall einer strafrechtlichen Wüstung von besonderem Interesse, «weil sich in solch später Zeit im Bereich des Strafrechtes wohl kaum eine Parallele nachweisen lässt».

Nach der Tötung pilgerten «Erweckte» nach Wildensbuch.

Der Abrissbefehl sollte nicht zuletzt die Entstehung eines Wallfahrtsortes verhindern, wie der Wildensbucher Armin Peter sagt, der eine Abhandlung über das Sektendrama verfasst hat. Der Nachhall auf die «Greuel von Wildensbuch» sei damals enorm gewesen. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Bücher, Zeichnungen und Kupferstiche erschienen, auf denen die Teilnehmer der «Blutszenen» teils nackt dargestellt waren. Sogar ein Bänkelsänger mit einem Guckkasten soll in der Gegend umhergezogen sein und einschlägige Darstellungen gezeigt haben.

Schon kurz nach der Tötung pilgerten «Erweckte» nach Wildensbuch. Einige gingen so weit, Blut von der Bettstatt abzuschaben oder blutbespritzte Mauerstücke als Reliquien mitzunehmen. Einer der Pilger soll vor Ort verzückt ausgerufen haben: «O könnte ich sterben wie die selige Margareth!»

Bauverbot hält sich bis heute

Erstaunlich: Das fast zweihundert Jahre alte Bauverbot hält sich bis heute. Der Platz des niedergerissenen Hauses ist noch immer leer, an dem Ort wurde seither nie gebaut, wie Jolanda Peter vom Dorfverein Wildensbuch sagt. «Wir halten uns eben ans Gesetz», meint sie halb im Ernst, halb im Scherz. Sie ist wie ihr Namensvetter Armin Peter übrigens nicht mit der «heiligen Gret» verwandt. Aus deren Familie sollen heute keine direkten Nachkommen mehr leben.

Unklar bleibt, wieweit das gerichtlich verfügte Bauverbot von 1823 heute noch Gültigkeit hat. Offizielle Belege seien nicht mehr auffindbar, sagt Armin Peter. Im Grundbuch sei das Bauverbot nicht mehr eingetragen, wie das zuständige Grundbuchamt Feuerthalen einst dem «Landboten» bestätigte. Entweder weil es gar nie dort registriert war oder im Verlauf der Zeit gelöscht wurde. Laut Trüllikons Gemeindeschreiber Christof Peyer steht nach dem heutigen Stand der Gesetzgebung einem Bau aber kaum etwas im Wege.

Doch der Besitzer des Grundstücks will die «Erinnerungslücke» nicht überbauen. Es gebe keine Pläne für einen Neubau, sagt Hans Ruff vom gleichnamigen Gartenbaubetrieb. Ohnehin würden die Grenzabstände einen Neubau an dem Ort praktisch verunmöglichen. Beim abgerissenen Haus handelte es sich laut Ruff vermutlich um ein Gebäude, das an eines der noch bestehenden Häuser angebaut war.

Im Dorf nimmt man es locker

Historiker bringen das damalige Sektierertum auch mit der um 1820 weitverbreiteten Not der Landbevölkerung in Verbindung. Diese habe einen guten Nährboden für religiösen Fanatismus gebildet. Infolge der schweren Missernte von 1816 stieg der Brotpreis bis auf das Achtfache, was zu einer Hungersnot führte. «In vielen Gegenden assen die Kinder Baumrinden und Gras», schreibt Armin Peter in seinem Bericht über die «heilige Gret». Unter solchen Umständen sei es Sektenprediger leichtgefallen, gläubige Hörer zu finden. Die Behörden im Bezirk Andelfingen hätten sich in jenen Jahren «mehr denn je mit den Sektierern» abgeben müssen, heisst es auch im 1926 erschienenen Bericht «Die Greuel von Wildensbuch: Ein Beitrag zur Geschichte psychischer Epidemien». Mehrfach seien diese im Irrenhaus interniert worden, «und man war mit den Erfolgen dieser Behandlung zufrieden».

Die heutigen Wildensbucher gehen mit dem schaurigen Erbe gelassen um. «Wir nehmen es locker», sagt Jolanda Peter vom Dorfverein. Der Schauplatz des einstigen Verbrechens habe heute nichts Bedrohliches oder Unheimliches mehr. «Für uns ist das Ganze eher belustigend», sagt sie. Ab und zu necke man sich gar mit dem Spruch «Du stammst wohl von der Margarethe ab», was so viel bedeutet wie «Du spinnst wohl».

Die Gemeinde möchte die düstere Geschichte auf sich beruhen lassen.

Viele Zugezogene und jüngere Dorfbewohner wüssten nichts mehr von den damaligen Ereignissen, sagt Armin Peter. Und zu einem Wallfahrtsort sei der einstige Tatort nie geworden. Einzig eine Gruppe von Auslandschweizern habe den Ort vor Jahren unbedingt besichtigen wollen. Einmal allerdings habe ein ähnlicher Fall die Erinnerungen an die Bluttat schlagartig wachgerüttelt: 1966, als in Ringwil im Zürcher Oberland ein 17-jähriges Mädchen bei einer Teufelsaustreibung von Mitgliedern einer Sekte zu Tode geschlagen wurde.

Die Gemeinde Trüllikon möchte die düstere Geschichte auf sich beruhen lassen. Eine Gedenktafel sei nicht geplant, sagt Gemeindeschreiber Peyer. Es gebe auch keine Unterlagen, welche die Gemeinde Interessierten abgeben könnte. So bleibt die Leerstelle zwischen den Häusern der einzige Zeuge der grausigen Ereignisse von Wildensbuch.

Erstellt: 18.04.2017, 22:34 Uhr

Wildensbucher Besonderheiten

Mittelpunkt der Welt und Panzersperre durchs Dorf

Wildensbuch mit seinen rund 130 Einwohnern ist heute nicht zuletzt wegen seines Aussichtsturms mit guter Fernsicht bekannt. Anfang der 1980er-Jahre sorgte das Dorf für ganz andere Schlagzeilen – und zwar über das Weinland ­hinaus. Wegen der strategisch wichtigen Lage der Ortschaft am Südfuss des ­Cholfirsts plante die Schweizer Armee damals, das Dorf zum Bestandteil einer Panzersperre zu machen. Nach heftigen Protesten aus der Bevölkerung wurden die Pläne wieder fallen gelassen.

Zu einer weiteren Besonderheit des Dörfchens gehört die häufig kolportierte Sage, wonach die Wildensbucher früher allen Ernstes geglaubt hätten, bei ihnen befinde sich der Mittelpunkt der Welt. Berichte darüber tauchen verschiedentlich auf. «In dem nördlichen Zipfel des Kantons Zürich, nahe, doch nicht an der Grenze, liegt Wildenspuch, das gleichfalls für den Mittelpunkt der Welt gilt», heisst es etwa in der Vierteljahresschrift für deutsche Volkskunde von 1881. Der Bericht verweist auf die schöne Aussicht – «vielleicht stammt daher der Anspruch, Weltmitte zu sein». Im selben Bericht ist von weiteren Gemeinden die Rede, etwa vom deutschen Einzingen, wo dieser Glaube ebenfalls verbreitet sei.

Jolanda Peter vom Dorfverein Wil­densbuch kennt die Sage bestens. Ältere Dorfbewohner hätten jeweils im Spass erklärt, Wildensbuch sei der Mittelpunkt der Erde. Der Spruch sei früher von Kindern auch als Ausrede benutzt worden, wenn sie zu spät zur Schule ­kamen: «Wir mussten noch kurz die Erdachse schmieren», sollen sie den Lehrern erklärt haben. Peter führt die Legende darauf zurück, «dass wir hier ziemliche Individualisten sind». Auch die abgelegene Lage des Dorfes könnte eine Rolle gespielt haben. (mth)

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