Zürcher Imame filmen ihre Predigten bereits

Videos könnten vor falschen Anschuldigungen schützen, sagt ein Prediger. Ein anderer warnt vor «Scheintransparenz».

«Eine Kameraaufzeichnung der Predigten führt nur zu einer Scheintransparenz»: Muris Begovic (zweiter von links). Foto: Urs Jaudas

«Eine Kameraaufzeichnung der Predigten führt nur zu einer Scheintransparenz»: Muris Begovic (zweiter von links). Foto: Urs Jaudas

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Es waren unschöne Worte, die Abdulrahman O. in einer Moschee in Kriens LU sprach: «Es ist zulässig, dass ein Mann seine Frau zur Disziplinierung schlägt, aber nicht aus Grausamkeit oder aus Gewalt.» Rund 60 Muslime hörten zu, es war im Grunde ein öffentlicher Aufruf zu Gewalt und Verbrechen. Für den 38-jährigen irakischen Imam gilt die Unschuldsvermutung.

Nachdem der Fall vor knapp zwei Wochen publik geworden war, passierte einiges. Abdulrahman O. wurde freigestellt, und die Luzerner Staatsanwaltschaft hat eine Untersuchung eingeleitet. Am Dienstag distanzierte sich die Islamische Gemeinde Luzern (IGL) in einer Medienkonferenz vom Imam. Zudem liess der Verband mit einem Vorschlag aufhorchen: Die Moscheen sollen als Sofortmassnahme die Predigten der Imame filmen und die Aufnahmen für mindestens ein Jahr aufbewahren.

Muris Begovic von der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (Vioz) ist alles andere als begeistert von diesem Vorschlag. Der Imam befürchtet, dass Muslime durch eine solche Massnahme unter Generalverdacht gestellt werden. Zudem: «Eine Kameraaufzeichnung der Predigten führt bloss zu einer Scheintransparenz», sagt Begovic.

«Eine Kamera schützt nicht vor Extremismus.»Muris Begovic, Vereinigung der Islamischen Organisationen Zürich

Imame, die solche kritischen Inhalte verbreiteten, seien die Ausnahme. Eine Überwachung sei jedoch auch bei ihnen nutzlos: Ein problematischer Imam würde sich vor der Kamera vielleicht vorbildlich verhalten. Er könne aber jederzeit in Nebenräume ausweichen, in denen nicht gefilmt wird, und die extremen Inhalte dort verbreiten. «Eine Kamera schützt nicht vor Extremismus», sagt Begovic. «Mit Youtube-Filmchen lässt sich kein Vertrauen gewinnen.»

«Predigt auf Band liefert Kontext»

Dennoch zeigen sich Zürcher Imame durchaus offen, wenn es um Videoaufzeichnung geht – weil es auch sie schützen kann. Mohammed Hakimi predigte früher in einer Moschee in Altstetten und später im Forum des Orients in der Schweiz im Zürcher Kreis 5. «Das Filmen schützt Imame vor falschen Anschuldigungen», sagt Hakimi. Einzelne Aussagen könnten so nicht mehr aus dem Zusammenhang gerissen werden. «Eine Predigt auf Band liefert den ganzen Kontext. So lässt sich das Gesagte besser einordnen und notfalls nachweisen.» In Altstetten habe er jede Predigt aufgezeichnet und archiviert.

Auch der syrische Imam Kasar Alasaad zeichnet alle seine Predigten auf, die er in der islamischen Gemeinschaft Volketswil hält. Für das grosse Publikum werden gewisse Predigten auch auf Youtube ausgestrahlt. «Unser Zentrum steht für Transparenz, und unsere Predigten sind öffentlich, alle können kommen und zuhören – auch Nichtmuslime.» So könne jede und jeder auf Wunsch eine bestimmte Predigt per Mail verlangen. Doch auch Alasaad findet es falsch, alle Moscheen mit Kameraüberwachung unter Verdacht zu stellen. «So könnte man auch Videoaufnahmen von den Kirchen oder Synagogen verlangen, was ich nicht richtig finde.»

Übersetzungen auf Deutsch

Abdulrahman O. sprach seine umstrittenen Worte auf Arabisch. Die Sprachbarriere erschwert in der Regel die Kontrolle. Auch Alasaad hält seine Predigten auf Arabisch – «weil Arabisch die Sprache des Koran ist». Alle seine Freitagspredigten werden ins Deutsche übersetzt. Nicht um kritische Inhalte zu identifizieren, sondern um jene nicht auszuschliessen, die kein Arabisch sprechen. «Wir sprechen viel Deutsch», sagt Alasaad. «Das fördert die Integration und stärkt die kulturelle Bindung zur Schweiz.»

Doch was tun, um das Vertrauen in die Moschee zu fördern? Begovic von der Vioz rät Moscheen, sich mehr gegen aussen zu öffnen und einen stetigen Austausch mit Aussenstehenden zu pflegen: mit der Bevölkerung, mit christlichen Glaubensgemeinschaften oder auch mit der Polizei. Nichtmuslime seien jederzeit eingeladen, in Moscheen vorbeizuschauen. «Das fördert das gegenseitige Vertrauen», sagt Begovic.

Eine gute Gelegenheit bietet sich am 9. November – am Tag der offenen Moschee in Zürich. Ab nächster Woche werden muslimische Gemeinden in ihren Quartieren mit Flyern auf den Anlass aufmerksam machen.

Erstellt: 17.10.2019, 14:54 Uhr

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