Eine Marroni aus Italien ist manchmal eine Kastanie aus Chile

Weil die Gallwespe vielerorts die Marroni-Ernte dezimiert hat, haben manche Kastanien eine halbe Weltreise hinter sich, bevor sie nach Zürich geliefert werden.

Kurt Mersiovsky weiss genau, woher seine Marroni kommen. Ohne Umweg aus Italien. Foto: Daniel Kellenberger

Kurt Mersiovsky weiss genau, woher seine Marroni kommen. Ohne Umweg aus Italien. Foto: Daniel Kellenberger

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Kurt Mersiovsky hat sich in den bald vierzig Jahren, in denen er Marroni verkauft, schon hin und wieder darüber ­gewundert, welche Blüten der internationale Handel mit den Edelkastanien treibt. Doch dieses Jahr kann er nur noch ungläubig den Kopf schütteln. «Manche italienische Lieferanten haben dieses Jahr Kastanien aus Chile importiert, weil die Ernte schlecht ist», sagt Mersiovsky. Oder sie karren sie erst aus Portugal nach Italien, um sie dann in die Schweiz zu liefern. Die Marroni aus Italien kann also unter Umständen eine Kastanie aus Chile sein.

Der Dietiker Marroni-Händler beliefert rund die Hälfte der Marroni-Stände im Grossraum Zürich. Und er steht selbst noch regelmässig draussen in der Kälte hinter dem Marroni-Ofen. Reich werde man damit im Moment ganz ­sicher nicht, sagt er. «Aber das Marroni-Verkaufen ist eben auch eine Passion.»

Dass die diesjährige Ernte schlecht ist, hat in erster Linie mit der Kastaniengallwespe zu tun. Dieses jüngst aus Japan nach Italien eingeschleppte Insekt verhindert die normale Entwicklung von Blatt und Frucht und führt zu er­heblichen Ernteausfällen. Mersiovsky erzählt von einem Anbaugebiet in der Nähe von Neapel, in dem kaum zehn Prozent der üblichen Ernte anfielen.

Ein Drittel teurer im Ankauf

Als sich abzeichnete, dass die Gallwespe dieses Jahr Schaden anrichten wird, haben manche grosse und daher global vernetzte Produzentinnen und Produzenten schon sehr früh Ersatz aus Chile geordert. Diese Früchte wurde in den ersten Wochen der Marroni-Saison dann aus Italien in die Schweiz oder nach Deutschland ausgeliefert und landeten dort meist bei Grossverteilern.

Bereits letztes Jahr kamen vereinzelt Marroni aus Chile in Zürichs Gemüseauslagen – obwohl 2015 ein gutes Marroni-Jahr war. Doch wollte man die Saison verlängern und starten, bevor die italienischen Nüsse reif waren. Marinello ­deklarierte das im September 2015 in seinem Marktbericht bemerkenswert ­offen: «Die Saison in Italien beginnt dieses Jahr etwas später. Deshalb werden ­frische Kastanien (nicht die echten ­Marroni!) aus Chile importiert. Ob das sinnvoll ist? Entscheiden Sie selber!»

Zwischenhändler, die wie Mersiovsky ihre Ware von mehreren kleineren Lieferanten beziehen, können bei Engpässen oft besser ausweichen als die grossen. Die Preise aber ziehen in knappen Jahren überall an. Mersiovsky bezahlt derzeit rund ein Drittel mehr als letztes Jahr. «Und auf die Kunden überwälzen können wir das nicht», sagt er, denn Marroni sei kein Luxusprodukt. «Das ­bedeutet, dass die Marge der Verkäufer sinkt.» Hundert Gramm Marroni kosten seit einigen Jahren schon in der Regel 3.50 Franken. Nur an einigen exklusi-ven Lagen bezahlt man 4 Franken / 100 Gramm – wie am Zürcher Paradeplatz.

Keine Anschreibepflicht

Kurt Mersiovsky bezieht im Moment seine Marroni aus dem Norden der Toskana, wo die Ernte weniger in Mitleidenschaft gezogen wurde. Auch kauft er seit zwei Jahren Marroni direkt aus einer ­Kooperative in Portugal zu. Wobei er sofort korrigiert: «Marroni sind das nicht, sondern Kastanien.» Auch Kastanien seien gut – «aber eben anders als Marroni». In Portugal werden seit einiger Zeit Haine mit vorwiegend chinesischen und ja­panischen Kastanien kultiviert.

Müssen Marroni-Verkäufer die Herkunft und Sorte ihrer Ware deklarieren, wie das in Restaurants und Lebens­mittelgeschäften vorgeschrieben ist? «Anschreiben müssen sie das nicht», sagt Marco Cortesi, Mediensprecher der Stadtpolizei Zürich, zu der auch die ­Gewerbepolizei gehört. «Aber Auskunft geben müssen sie können.» Gehandhabt wird das bei den Stadtzürcher Marroni-Ständen recht unterschiedlich. «Da Fedele» steht an dem kleinen Stand beim St. Annahof, dessen Esskastanien offenbar aus dem lombardischen Dorf San ­Fedele stammen. Mit Zertifikat samt Stempel deklariert der Stand am Bahnhofquai, dass er Marroni aus Italien ­verkauft. Nur gerade «Castagne» steht anderswo, viele schreiben gar nichts an, können aber beim Nachfragen meist Auskunft geben. Marroni aus dem Tessin werden nirgends angeboten.

Er habe in den vierzig Jahren, in denen er im Geschäft ist, noch nie ein Angebot für Tessiner Marroni gehabt, sagt Mersiovsky. «Die kommen gar nicht in den Handel.» Und gibt es Bio-Marroni? «Bio sind eigentlich alle», behauptet er. Zumindest in den Marroni-Anbaugebieten, die er regelmässig besucht, habe er nie gesehen, dass die Früchte mit Chemie behandelt wurden. Die Marroni-Experten Erica Bänziger und Fredy Bury geben ihm recht. Sie schreiben in ihrem Kastanien-Kochbuch: «Kastanien sind ein reines Naturprodukt, die in lichten Hainen in extensivem Anbau ohne jegliche chemisch-synthetische Hilfs­mittel kultiviert werden.»

Erstellt: 18.10.2016, 23:31 Uhr

Marroni

Die etwas edlere Esskastanie

Die Ersten, welche Kastanienbäume kultivierten, waren wohl die Armenier aus dem Kaukasus-Gebiet. Sie nannten die Früchte «Kasutah», was bei den Römern später zu «Castanea» wurde. Die Römer waren es denn auch, welche die Esskastanie in ganz Europa unter die Leute brachten. Bis zum Einzug von Mais und Kartoffeln waren die Kastanien in manchen Gegenden das Brot der Armen, denn sie sind sehr sättigend. Im Tessin galt einst als Vorsorge gegen Hungersnot die Regel: ein Kastanienbaum pro Kopf. In einer in den 1990er-Jahren erfolgten Erhebung wurden im Tessin über 100 Kultursorten der Edelkastanie bestimmt. Doch nicht alle verdienen die Bezeichnung Marroni. Diese gelten als «Premium»-Produkt der Esskastanien, der Begriff ist aber nicht geschützt. Marroni sind eine Weiterzüchtung der Edelkastanie, sind grösser und breiter, süsser und aromatischer im Geschmack. Auch lassen sie sich besser schälen.

Kastanien sind – wie die Kartoffel – gut gegen die Übersäuerung des Organismus, denn sie sind basenbildend, nicht säurebildend wie zum Beispiel Getreide. Ausserdem sind sie glutenfrei, also auch für Menschen geniessbar, die unter Zöliakie leiden.

Nicht zum Verzehr geeignet sind dagegen die in unseren Breitengraden häufigeren Rosskastanien, die nur äusserlich den Esskastanien gleichen, mit diesen aber nicht verwandt sind. Edelkastanien sind Buchengewächse, Rosskastanien Seifenbaumgewächse – und sie tragen ihren Namen zu Unrecht, werden sie doch von Pferden schlecht vertragen. Sie können bei ihnen Koordinationsstörungen auslösen. Dafür eignen sich Rosskastanien gut zum Basteln von Marronimännchen – die mit Marroni allerdings gar nichts zu tun haben. Helene Arnet

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