Eine Seilbahn ohne Bergstation

Die Fahrt auf die Tschinglen-Alp bei Elm ist ein multimediales Ereignis, die Ankunft auf dem Berg eine grosse Überraschung.

Nächster Halt Blumenwiese: Die Fahrt mit der Gondel zur Tschinglen-Alp. (Video: Tina Fassbind, Schnitt: Marco Pietrocola)

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Es gibt die klassischen Seilbahnen mit überdachter Bergstation. Und es gibt die Tschinglen-Alp-Bahn bei Elm im Kanton Glarus. Die Gondel setzt einen mitten auf einer Blumenwiese ab. Einfach so. Keine Wände, keine Treppen, keine Türen. Nur Berge und Weiden, so weit das Auge reicht. Fast so, als würde man ausgesetzt.

Allerdings auf einem traumhaften Flecken Erde, mit nichts als summenden Bienen, Tausenden Faltern und ein paar blökenden Schafen um sich herum. Hoch oben am Horizont ist das Martinsloch zu sehen, jenes Felsenfenster im grossen Tschingelhorn, durch das die Sonne zweimal im Jahr auf die Kirche von Elm scheint.

Im Gegensatz zu der Ruhe auf der Alp ist die Fahrt ein geradezu multimediales Ereignis. Durch die Fenster, die bis zum Gondelboden reichen, ist unter einem jedes Detail der zerfurchten Tschinglenschlucht zu sehen. Gleichzeitig erklingt ein Hörspiel, das über die Besonderheiten der Alp informiert.

Tückischer Schiefer

Die hiesige Gebirgslandschaft ist sogar derart aussergewöhnlich, dass sie in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen wurde. In der Glarner Hauptüberschiebung ist die Gebirgsbildung besonders gut sichtbar: Wie gefaltetes Papier überlappen sich die Schieferwände an den Hängen rund um die Alp.

Ab und zu ist zu hören, wie Gesteinsplatten in die Schlucht rutschen. Am 11. September 1881 überrollte eine Lawine aus 10 Millionen Kubikmeter Stein einen Teil von Elm. Jahrelanger Schieferabbau trug zu diesem verheerenden Bergsturz bei, der 114 Menschen das Leben kostete. Die Fahrt hinauf zur Tschinglen-Alp führt jene Stelle entlang, wo sich damals der Fels löste. Noch heute ist unten im Tal erkennbar, wie weit hinein sich die Gesteinsmassen gefressen haben.

Ein zweites Leben für die Holzgondel

Auf der Alp oben ist das düstere Stück Geschichte schnell vergessen. Unweit der Bergstation in einer Senke stehen ein paar «Ghaltigen» – Holzhäuser, in denen die Hirten Heu aufbewahren – und «Chucheli» dicht beieinander. In einer davon betreibt Susi Zentner gemeinsam mit ihrer Schwester eine heimelige Bergwirtschaft.

Über frei gespannte Seile führten die Alpheuer früher ihre «Heufoggen» ins Tal. Die heutige Seilbahn gibt es erst seit 1964, als zum Bau von Hochspannungsleitungen eine Materialseilbahn benötigt wurde. 2009 übernahm eine Genossenschaft den Betrieb und baute die Bahn nach neusten Standards aus. Verschrottet wurde die alte Materialbahn allerdings nicht: Ein Bahnliebhaber kaufte die Holzkonstruktion und verschiffte sie nach Übersee, wo sie heute einen Garten ziert. (tif)

Getränk mit «Geheimmischung»: Der «Tschinglen-Kaffee» in der Tschinglen-Wirtschaft. (Bild: Tina Fassbind)

Unser Rating: Freie Sicht aufs Martinsloch: Das hat man auf der neuen Terrasse der gemütlichen Tschinglen-Wirtschaft, und Speisen aus regionalen Produkten gibts noch dazu. Beispielsweise eine Schabziger-Suppe vom Holzherd. (tif)

Eckdaten der Seilbahn Alp Tschinglen:

Unser Wandertipp:

Das Bähnli zur Tschinglen-Alp verkehrt über einem Gruselschlitz, der Tschinglenschlucht. Unser Wandervorschlag: einen Weg laufen. Zum Beispiel abwärts. Wir wandern bei der Bergstation los, kommen in fünf Minuten zu den «Ghaltigen» mit dem Beizli von Susi Zentner. Danach steigen wir in die Schlucht ein. Vorsicht, einige Passagen sind steil und bei Nässe schlüpfrig, stellenweise hängen Ketten zum Sich-Festhalten. Unten empfiehlt sich eine Visite in Elm, schönere Holzhäuser sieht man selten. 1 Stunde 30 Minuten. 580 Meter abwärts. (tow)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.07.2017, 10:56 Uhr

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